|
Explizit qualitative Forschungsprojekte in deutschen agrarökonomischen Zeitschriften zu finden, dürfte ein schwieriges Unterfangen sein. Das bedeutet nicht, daß es keine qualitativen Ansätze gibt. Beispielsweise könnte eine solche Forschung als explorativ tituliert sein. Sie würde dann, in der Regel, auf eine Diskussion der Forschungsstrategien und -methoden verzichten und zu ihrer Rechtfertigung das fehlende Wissen im betreffenden Bereich und die begrenzten Forschungsressourcen anführen (z.B. BITSCH & KLINGELHÖFER 1993; BEHNER & BITSCH 1995). [9]
Grundbegriffe und Forschungsstrategien qualitativer Ansätze sind weitgehend unbekannt. Schon die Erwähnung von "Grounded Theory", Ethnomethodologie, naturalistischer Forschung etc. rufen Widerstand hervor oder treffen zumindest auf Unverständnis. Verfahren wie die Triangulation, die von qualitativen Forscherinnen und Forschern anderer Disziplinen bereits sehr kritisch diskutiert bzw. als Ausdruck eines (post-) positivistischen Forschungsparadigmas aufgefaßt werden, das nur noch von einer Minderheit geteilt wird, sind unbekannt. [10]
In dieser Situation ist Kommunikation über qualitative Forschung schwierig, Methodendiskussion auf Randschauplätze verbannt. Chancen für eine Veröffentlichung qualitativer Arbeiten, die sich als solche zu erkennen geben, sind gering, da eine Barriere des Nichtwissens qualitative Konzepte umgibt. Die Mauer weist derzeit in der bundesdeutschen Agrarökonomie wenige Erosionsstellen auf, die einen Ansatzpunkt für Durchbruchsversuche bieten könnten: hier und da eine Dissertation, ab und an eine Publikation (z.B. BOKELMANN 1999). [11]
Innerhalb der agrarökonomischen Community nimmt die Gartenbauökonomie eine Sonderstellung ein
(BITSCH 1999). Die Gartenbauwissenschaft ist ein naturwissenschaftlich orientierter Fachbereich mit Grundlagenfächern wie Pflanzengenetik und -physiologie sowie mehr an der Produktion ausgerichteten Fächern wie Gemüsebau oder Zierpflanzenbau. Die Gartenbauökonomie ist in diesem Kanon zwangsläufig der Interdisziplinarität verpflichtet, da reale Fragestellungen nur durch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen zu beantworten sind. Die Offenheit für verschiedenste Forschungsansätze ist groß wie auch die Vielfalt der Forschungsfragen. Es besteht Freiraum, Probleme kreativ anzugehen. Die volle Integration in die Mutterdisziplin Agrarökonomie wurde weder gewünscht noch vollzogen. Für qualitative Forschungsstrategien gibt es daher Raum, was im folgenden am Beispiel einiger Dissertationen der Reihe 'Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau' belegt wird. [12]
1973 führte HINKEN offene, unstrukturierte Interviews mit 28 Unternehmern durch, die mittels kategorisierender Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser über die Grenzen der Agrarökonomie hinaus beachteten Untersuchung lag in der Erfassung der Ziele von Unternehmern. Ein wesentliches Ergebnis war, daß das theoretisch unterstellte Ziel der Gewinnmaximierung empirisch kaum angetroffen wurde. Zielvorstellungen waren eher vage als konkret, das Gewinnziel spielte gegenüber zahlreichen privaten und anderen Zielen eine untergeordnete Rolle und statt Extremen wurde einfache Zielerreichung angestrebt. [13]
Fortgeführt wurde diese Forschungsrichtung von BERNDT (1984), der mit schriftlicher Befragung, Leitfadeninterviews und teilnehmender Beobachtung den Prozeß der langfristigen Planung in Unternehmen analysierte. Ein Ergebnis war, daß Zielvorstellungen sich im Planungsverlauf konkretisieren und differenzieren, aber auch Veränderungen erfahren. Mit den Gründen für Erfolgs- und Qualitätsunterschiede in der gärtnerischen Produktion befaßten sich "betriebsbegleitende" Untersuchungen von BOKELMANN (1987) und UETRECHT (1998), die mit teilnehmender Beobachtung, Interviews und der zusätzlichen Analyse von biologischen, technischen und ökonomischen Daten arbeiteten. [14]
Zusätzlich zu den bereits angeführten qualitativen Forschungsmethoden enthalten die Projekte von MÖLLER (1982), LENTZ (1993) und SCHWENZOW (1998) Elemente der Aktionsforschung. LENTZ und SCHWENZOW führten computergestützte Planungshilfen in Betrieben ein und untersuchen dabei diesen Prozeß und seine Einflußfaktoren bzw. die Vorteilhaftigkeit einer externen Beratung für Managementaufgaben. MÖLLER nutzte Gruppengespräche nicht nur als Erhebungsinstrument zu Konflikten in Vermarktungssystemen, sondern zur Implementierung von geplantem Wandel und zur Konflikthandhabung (siehe CARLSSON et al. 1979). [15]
Diese Ansätze deuten den reichen Beitrag an, den qualitative Forschung in der Agrarökonomie leisten kann. Der Austausch von Erfahrungen, Problemen und Erfolgen mit anderen Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern ist in der geschilderten Situation von besonderer Wichtigkeit. Kommunikation und Kooperation können dazu beitragen die Balance zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsstrategien zu verbessern; gemeinsame Projekte helfen, Defizite zu überwinden. Durch ihre Mittlerstellung zwischen Natur- und Sozialwissenschaft hat die Agrarökonomie neue und nützliche Perspektiven zu bieten. [16]
Behner, Martin & Bitsch, Vera (1995). Abnehmer-Lieferanten-Beziehungen im Produktionsgartenbau. Agrarwirtschaft, 44 (3), 131-137.
Berndt, Manfred (1984). Ein theoretischer Bezugsrahmen für die Planung der Entwicklung von Gartenbaubetrieben. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 51, Hannover und Weihenstephan.
Bitsch, Vera (1999/im Druck). Methodenvielfalt und Pluralität der Forschungsansätze in der Gartenbauökonomie. In Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Harmen Storck.
Bitsch, Vera & Klingelhöfer, Anke (1993). Die Branchenanalyse als Untersuchungsmethode im Produktionsgartenbau. Agrarwirtschaft, 42 (11), 383-395.
Bokelmann, Wolfgang (1987). Theoretischer Bezugsrahmen und empirische Untersuchungen zu Entscheidungsabläufen in der gärtnerischen Produktion. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 63, Hannover und Weihenstephan.
Bokelmann, Wolfgang (1999). Veränderungen von Vermarktungsstrukturen von frischem Gemüse. AID Ausbildung und Beratung im Agrarbereich, 52 (8), V-VIII.
Brandes, Wilhelm, Recke, Guido & Berger, Thomas (1997). Produktions- und Umweltökonomik: Traditionelle und moderne Konzepte. Stuttgart: Ulmer.
Carlsson, Marten, Möller, Christel & Rhein, Paul (1979). Erfahrungen mit "Gruppengesprächen" im Gartenbau. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 31, Hannover und Weihenstephan.
Casley, Dennis J. & Kumar, Krishna (1988). The collection, analysis, and use of monitoring and evaluation data. Baltimore/London: Johns Hopkins University Press for the World Bank.
Debertin, David L. & Pagoulatos, Angelos (1992). Research in agricultural economics 1919-1990: Seventy-two years of change. Review of Agricultural Economics, 14 (1), 1-22.
Hinken, Josef (1974). Ziele und Zielbildung bei Unternehmern im Gartenbau. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 18, Hannover und Weihenstephan.
Lentz, Susanne (1993). Theoretischer Bezugsrahmen und empirische Untersuchungen zur Implementierung computergestützter Planungshilfen in Gartenbaubetrieben. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 73, Hannover und Weihenstephan.
Möller, Christel (1982). Konflikte und Anpassungshindernisse in Absatzkanälen von Blumen und Zierpflanzen. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 39, Hannover und Weihenstephan.
Schwenzow, Elisabeth (1998). Der Einsatz von Beratern für Managementaufgaben in Gartenbaubetrieben als make-or-buy-Entscheidung. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 87, Aachen: Shaker.
Simon, Herbert A. (1992). What is an 'explanation' of behavior? Psychological Science, 3 (3), 150-161.
Sterns, James A., Schweikhardt, David B. & Peterson, H. Christopher (1998). Using case studies as an approach for conducting agribusiness research. International Food and Agribusiness Management Review, 1 (3), 311-327.
Stuhler, Elmar A. & Arthur, Henry B. (1975). Fallstudien zum Agribusiness nach der Harvard-Case-Method: Fallstudien aus der Wirtschafts- und Landwirtschaftsverwaltung, aus den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen und landwirtschaftlichen Unternehmen. Hamburg/Berlin: Parey (Berichte über Landwirtschaft, Sonderheft 189).
Uetrecht, Inge (1998). Qualitätsmanagement im Topfpflanzenbau: Möglichkeiten und Grenzen, dargestellt am Beispiel von Begonia-Elatior-Hybriden. Forschungsberichte zur Ökonomie im Gartenbau 88. Aachen: Shaker.
Westgren, Randall & Zering, Kelly (1998). Case study research methods for firm and market research. Agribusiness, 14 (5), 415-424.
Whyte, William Foote (1991). Participatory strategies in agricultural research and development. In William Foote Whyte (Hrsg.), Participatory action research (pp.169-178). Newbury Park et al.: Sage.
Dr. Vera BITSCH ist Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Gartenbauökonomie der Universität Hannover. Arbeitsbereiche: Unternehmensführung; Management und Organisationsentwicklung, insbesondere Menschen im Betrieb (Führung, Motivation, Arbeitszufriedenheit, Weiterbildung etc.); Qualitative Forschung
Dr. Vera Bitsch
Universität Hannover, Institut für Gartenbauökonomie, Abt. Betriebslehre
Herrenhäuser Str. 2
D 30419 Hannover
Phone: +49 / 511 / 762 19206
Fax: +49 / 511 / 762 2667
E-Mail: bitsch@ifgb.uni-hannover.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und Absatznummern, wenn notwendig):
Bitsch, Vera (2000, Januar). Agrarökonomie und qualitative Forschung: Unvereinbare Paradigmen? [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00bitsch-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
|