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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Über die Affinität zwischen
qualitativen Methoden und Gemeindepsychologie
Jarg B. Bergold
Zusammenfassung: Gemeindepsychologie ist
zwar nicht an ein bestimmtes Methodenarsenal gebunden, es gibt aber gute Gründe,
weshalb eine qualitative Methodik bei vielen gemeindepsychologischen
Untersuchungen die Methodik der Wahl ist. Charakteristika des
gemeindepsychologischen Ansatzes sind u.a. Alltagsnähe, Mehrperspektivität,
Parteilichkeit und Prozeßhaftigkeit. Sie treten bei der Untersuchung komplexer
psycho-sozialer Prozesse wie Empowerment, Vernetzung usw. auf, die sich in ganz
unterschiedlichen Kontexten entwickeln. In dem Beitrag wird diskutiert, auf
welche Weise qualitative Ansätze zu einem besseren Verständnis solcher
Prozesse in gemeindepsychologischen Untersuchungen beitragen können.
Keywords: Gemeindepsychologie,
Qualitative Methoden, Alltag, komplexe Systeme, psycho-soziale Prozesse,
Empowerment, Partizipation, Multiperspektivität, Parteilichkeit, Prozeßhaftigkeit
1.
Einleitung
2.
Charakteristika des gemeindepsychologischen Forschungsgegenstandes und ihre
methodischen Konsequenzen
2.1 Person
im Kontext
2.2 Alltagsnähe und hohe Komplexität
2.3 Mehrperspektivität
2.4 Parteilichkeit
2.5 Partizipation und
Empowerment
2.6 Prozeßhaftigkeit
3. Abschlußüberlegung
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Wenn man auf die Geschichte der
Gemeindepsychologie zurückblickt, so kann man bei qualitativer Sozialforschung
und Gemeindepsychologie Ähnlichkeiten in der Entwicklung erkennen. Im Folgenden
will ich versuchen, einige Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Zunächst soll ein
kurzer Überblick über die relevante Geschichte der Gemeindepsychologie einige
Anknüpfungspunkte deutlich machen. [1]
MERITT, GREENE, JOPP & KELLY (1999)
beschreiben die Geschichte der Gemeindepsychologie auf Grund ihrer eigenen
Erfahrung. Sie verweisen darauf, daß es bereits vor der Konferenz von
Swampscott im Jahr 1965, die allgemein als Geburtsort der Gemeindepsychologie
aufgefaßt wird, eine Reihe von unterschiedlichen Entwicklungen gab, die in der
neuen Disziplin zusammenflossen. Es gab damals in den USA eine Reihe von
klinischen Psychologen, die mit dem individualistischen Ansatz in der
Psychotherapie unzufrieden waren. Mitarbeiter im Bereich der Psychiatrie
erlebten einen Paradigmenwechsel, "when it became apparent to military
psychiatrists that environmental stress associated with combat contributed to
mental illness and that treatment in noninstitutional settings produced
favourable outcomes" (MERITT et al. 1999, S.3). Außerdem wurde durch die
Ungleichheit in der Behandlung und der Bezahlung von Farbigen und Frauen, deren
Mitarbeit im Zweiten Weltkrieg in den Fabriken notwendig war, das Vorhandensein
von Sexismus und Rassismus und deren Auswirkung auf die individuelle Gesundheit
und die Entwicklung des Gemeinwesens sichtbar. Hand in Hand mit dieser
Entwicklung gingen Veränderungen im politischen Kontext. Demonstrationen gegen
den Vietnam-Krieg und gegen Rassismus ließen ein Klima von Bürgerbeteiligung
entstehen und "fostered among some psychologists an awareness of their
community responsibility and the salience of social action" (MERITT et al.
1999, S.6). [2]
Dies alles führte zu einer relativ schnellen
Institutionalisierung der Gemeindepsychologie als 27. Division der American
Psychological Association. Allerdings wich der neue Zweig sehr deutlich von der
traditionellen positivistischen Ausrichtung ab sowohl im Theoretischen als
auch im Methodischen. Gemeindepsychologen wollten zum einen allgemeine
psychologische Prozesse untersuchen, "that link social systems with
individual behavior in complex interaction" (BENNET et al. 1966, S.7) und
zum anderen Aktionsprogramme entwickeln, die darauf abzielen sollten, das
Funktionieren von Individuen, Gruppen und sozialen Systemen zu verbessern. Als
Ergebnis konnten ISCOE und SPIELBERGER (1970) feststellen: "Community
psychology's emphasis on the community as a unit of analysis and an area of
inquiry, combined with its action-orientation, established the field as a
potential innovation to be defined by its own substantive base of theory and
knowledge" (zitiert nach MERITT et al. 1999, S.9f.). [3]
Ähnlich wie in den USA begannen sich auch in
Deutschland in den 1970er Jahren klinische Psychologen für Gemeindepsychologie
zu interessieren. Dieses Interesse entwickelte sich im Kontext der Sozial- und
Gemeindepsychiatrie und parallel zur Studentenbewegung. Eine größere Zahl von
jungen klinischen Psychologen war auch hier mit dem individualistischen
klinischen Ansatz unzufrieden. Dabei wurde u.a. als wichtiges Argument
vorgetragen, daß Psychotherapie immer in Gefahr sei, soziale Probleme zu
individualisieren. Gleichzeitig gab es eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem
nomothetischen Ansatz der psychologischen Forschung. Man argumentierte, daß
wichtige soziale Probleme nicht in angemessener Weise innerhalb dieses Rahmens
untersucht werden könnten. Da klinische Phänomene als eingebettet in einen
Kontext von sozialen Konflikten verstanden wurden, schien es notwendig, komplexe
soziale Situationen auf unterschiedlichen Ebenen zu untersuchen, von den
Interaktionen der Menschen über die institutionellen Settings bis zu ökonomischen
und ideologischen Faktoren auf der Ebene der Gesellschaft. In dieser
intellektuellen Situation wandten sich viele klinische Psychologen von der
Forschung ab und gingen in die Praxis in der Hoffnung, daß die Veränderung der
institutionellen Gegebenheiten gemäß der Ideen und Theorien der Sozial- und
Gemeindepsychiatrie, der Antipsychiatrie und der "demokratischen
Psychiatrie" in Italien angemessenes Wissen hervorbringen würde. In der
weiteren Entwicklung kamen dann in den 1980er Jahren neue Themen hinzu. Vor
allem die Konfrontation mit der zunehmende Armut von Teilen der Bevölkerung,
den neuen ökonomischen Unsicherheiten und neuen Problemfeldern wie Bedrohung
der Umwelt, Gesundheitsrisiken und Verhältnis zwischen den Geschlechtern führte
zu einer Erweiterung der Themenbereiche, die in der Gemeindepsychologie
bearbeitet wurden FALTERMAIER., KRAUSE JACOB, FLICK & BÖHM 1992). [4]
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Charakteristika des
gemeindepsychologischen Forschungsgegenstandes und ihre methodischen
Konsequenzen
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Im Folgenden sollen wichtige Charakteristika
gemeindepsychologischer Forschungsgegenstände wie Alltagsnähe, Parteilichkeit,
Empowerment und Partizipation aufgezeigt und die sich daraus ergebenden
methodischen Konsequenzen diskutiert werden. [5]
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In Übereinstimmung mit ORFORD (1992) läßt sich
die gemeindepsychologische Gegenstandsauffassung durch die Annahme kennzeichnen,
daß Personen immer in ihrem Kontext betrachtet werden müssen. Personen sind
nicht nur Teil des sozialen Systems, sondern Person und Kontext sind untrennbar
miteinander verbunden. Sozialer Kontext bedeutet, daß Menschen immer Teil einer
sozialen Gruppierung sind, die kleiner oder größer sein kann, und daß diese
Gruppierungen ineinander verschachtelt sind, wie z.B. Familie, Clan,
Freundeskreis, Schule oder Arbeitsorganisation, Stadt, Land, jeweilige
kulturelle Gemeinschaft usw. Gemeindepsychologen bestimmen Menschen also grundsätzlich
als soziale Wesen, deren Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln sich zusammen
mit anderen Menschen entwickelt und nur in diesem Zusammenhang beschrieben und
verstanden werden kann. Es wird angenommen, daß Einstellungen, Denk- und
Verhaltensweisen genauso wie emotionale Reaktionen gleichzeitig Produkt des
sozialen Umfeldes sind und ihrerseits über die Handlungen der Menschen dieses
soziale Umfeld beeinflussen und verändern. Ein solche Bestimmung hat eine Reihe
von Konsequenzen und stellt Forderungen an theoretische Konzepte und empirische
Methodik. Dies soll nun an einigen sich daraus ergebenden Merkmalen näher
ausgeführt werden. [6]
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Alltagsnähe und hohe
Komplexität
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Wegen der Bedeutung des alltäglichen sozialen
Kontextes finden gemeindepsychologische Untersuchungen nicht im Labor statt. Im
Gegenteil, es ist das explizite Interesse der Forscher, Entwicklungen in der
Alltagswelt der Menschen zu untersuchen und zu gegebenenfalls fördern. Das
bedeutet, daß die Forscher in die Lebenswelt der Menschen gehen, sich dort
informieren und ihre Daten dort erheben. Es interessieren ja vornehmlich die
Prozesse, die in der Lebenswelt bereits stattgefunden haben oder gerade
stattfinden und an denen man hofft, ein besseres Verständnis der Entwicklungsmöglichkeiten
zu gewinnen. Dabei werden nicht nur einzelne Personen untersucht, sondern auch
die sozialen Zusammenhänge, in denen sie stehen. [7]
Dies wird an gemeindepsychologische Themen wie
soziale Netzwerke, soziale Unterstützung, Partizipation, Empowerment,
Krisenintervention, Prävention usw. deutlich, die immer in soziale Prozesse
eingebunden sind, welche sich auf unterschiedlichen Ebenen abspielen und
unterschiedliche Breitenwirkung haben. Betrachtet man z.B. die Untersuchungen,
die in dem Buch "Studies of empowerment" von RAPPAPORT & HESS
(1984) gesammelt wurden, so wird deutlich, daß alle Untersucher den jeweiligen
größeren sozialen Zusammenhang beschreiben und versuchen aufzuzeigen, wie es
dort einer Gruppe von Menschen gelungen ist, sich aus der Position der Ohnmacht
zu befreien und Formen des Handelns zu entwickeln, die ihnen zu größerem
Einfluß auf ihr Leben und ihre Lebensbedingungen verhalfen. Wenn z.B.
Empowermentprozesse in einem Armenviertel untersucht werden (z.B. SERRANO-GRACÌA
1984, MAGER 1994), so muß die Vielzahl von beteiligten Faktoren auf den
unterschiedlichsten sozialen, politischen und ökonomischen Ebenen sichtbar
gemacht werden, so daß für alle Beteiligten eine Orientierung in der Situation
möglich wird. Die methodologischen und methodischen Probleme bestehen darin, daß
die Alltagswelt immer hoch komplex ist und in ihrer Komplexität abgebildet und
sichtbar gemacht werden muß. Gleichzeitig muß diese Komplexität aber auch
reduziert werden, um Orientierung zu ermöglichen und Handlungen und
Interventionen zu erlauben, die an zentralen Punkten des Geflechts ansetzen. [8]
Es gab bereits früh Untersuchungen, die mit ähnlichen
Zielrichtungen konzipiert wurden, wie sie heutigen gemeindepsychologische
Studien zugrunde liegen und die für die Entwicklung qualitativer Methoden eine
herausragende Bedeutung gehabt haben. Zwei dieser Arbeiten von sehr
unterschiedlichen Forschergruppen werden hier kurz referiert, weil sie als frühe
Prototypen eines der Gemeindepsychologie angemessenen Forschungsvorgehens
betrachtet werden können. [9]
Die Vertreter der Chicago School of Sociology,
die über Autoren wie Glaser und Strauss heute einen erheblichen Einfluß auf
die sozialwissenschaftliche Methodik gewonnen haben, haben Forschungsarbeiten
vorgelegt, in denen Alltagssituationen untersucht wurden. Eine ausführliche
Beschreibung der Entwicklung findet sich u.a. bei VIDLICH und LYMAN (1998). Als
ein Beispiel für diese Art von Forschung sei hier die Arbeit von THOMAS und
ZNANIECKI "The polish peasant in Europe and America" (1918,
Wiederauflage 1958) genannt. An diesem Werk läßt sich sehen, daß die
Auseinandersetzung mit Komplexität gleichzeitig mit großer methodischer und
theoretischer Produktivität einhergehen kann. Das Beispiel zeigt, daß es mit
Hilfe vielfältigen qualitativ ausgewerteten Datenmaterials, das in der Form von
Briefen oder Dokumenten oder als speziell verfaßter autobiographischer Bericht
vorlag, möglich ist, allgemeinere theoretische Aussagen über sozialen Wandel
zu entwickelt und gleichzeitig zu einem besseren Verständnis von
Migrationsprozessen beizutragen. [10]
Die zweite historisch wichtige Studie, in der
Alltagsnähe und Erfassung von Komplexität miteinander verbunden wurden, ist
die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" von JAHODA, LAZERSFELD
und ZEISEL (1975). Dort wurde die Lebenssituation der Menschen in dem Dorf
Marienthal in der Nähe von Wien untersucht, die durch die Schließung einer
Textilfabrik in Arbeitslosigkeit und Armut geraten waren. Die Forscher gingen
sehr offen, ohne eine feste Theorie oder einen Methodenplan, an die Untersuchung
heran und nutzen im Verlauf unterschiedliche Methoden. Allerdings gingen sie von
einem Grundprinzip aus, das JAHODA (1991) so formuliert: "Um das Vertrauen
der Bevölkerung zu gewinnen, sollte jeder Mitarbeiter eine konstruktive
Funktion im Ort übernehmen" (S.120f). Dies bedeutete, daß die Menschen
auch aktive Unterstützung durch die Forscher in Form von gesammelten Kleidern,
ärztlicher Versorgung, Arbeit mit Jugendlichen usw. erhielten. Dies führte
nicht nur zu einem besseren Kontakt mit der Bevölkerung, sondern auch, im Sinne
einer Parteilichkeit, zu einer unmittelbaren Hilfe für die Untersuchungspartner
und erfüllt damit weitere Forderungen der Gemeindepsychologie, wie später
gezeigt wird. [11]
Die methodischen Prinzipien, die von LAZERSFELD
in dem "Vorspruch zur neuen Auflage 1960" veröffentlicht wurden, faßt
JAHODA (1991) in folgenden Punkten zusammen:
"1. Zur Erfassung der sozialen
Wirklichkeit sind qualitative und quantitative Methoden angezeigt.
2. Objektive Tatbestände und subjektive
Einstellungen sollen erhoben werden.
3. Gegenwärtige Beobachtungen sollen durch
historisches Material ergänzt werden.
4. Unauffällige Beobachtungen des spontanen
Lebens und direkte, geplante Befragungen sollen angewendet werden"
(S.121). [12]
In den Ergebnissen wird deutlich, daß durch den
Einsatz unterschiedlicher Methodiken eine hoch komplexe Situation beschrieben
und theoretisch gefaßt werden kann, die einerseits die subjektiven Sichtweisen
der beteiligten Individuen und andererseits die soziale, ökonomische und
politische Situation umfaßt, in die sie eingebunden waren. Die Studie scheint
mir ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie Komplexität einerseits soweit
reduziert werden kann, daß die Gesamtgestalt erfaßt und andererseits die
Komplexität nicht verleugnet bzw. zum Verschwinden gebracht wird. Dadurch wird
es möglich, auf Grund der erhobenen Informationen und der Kooperation mit den
Forschungspartnern fundierte Strategien zu entwickeln, die zur Unterstützung
der Menschen in solchen Lebenswelten dienen können. [13]
Konsequenz der bisherigen Überlegungen
scheint mir zu sein, daß in komplexen und alltagsnahen gemeindepsychologischen
Untersuchungen vor allem eine Gruppe von Verfahren eingesetzt werden sollte, die
unter der Bezeichnung "entdeckende Verfahren" zusammengefaßt werden können1).
In der qualitativen Forschung spielt ein entdeckender Ansatz eine große Rolle.
Bereits das erste Buch von GLASER und STRAUSS (1973) hatte den programmatischen
Titel "The discovery of grounded theory". Programmatisch schreiben sie
gleich zu Anfang: "In this book we address ourselves to the equally
important enterprise of how the discovery of theory from data systematically
obtained and analyzed in social research can be furthered" (S.1). [14]
Die Diskussion über heuristische Verfahren ist
unter den unterschiedlichen Vertretern der qualitativen Methodik intensiv
weitergeführt worden. Hier soll KLEINING (1995b, 1998) besonders erwähnt
werden, da er sein Vorgehen explizit als "qualitative Heuristik"
bezeichnet und damit versucht, "die Qualitäten der Exploration und der
Entdeckung für die psychologische und soziologische akademischen Forschung zurück
zu gewinnen" (KLEINING & WITT 2000, par.6). [15]
Als grundlegende Kennzeichnung formuliert er:
"Die heuristische Methode, so wie sie hier
verstanden wird, zielt auf das Erfassen von Relationen, Verhältnissen,
Beziehungen oder Strukturen. Diese werden nicht als starr, sondern als bewegt
angesehen. Strukturen sind stets biographisch oder historisch. Heuristische
Methoden sollen geeignet sein, auch die verdeckten Beziehungen und Bewegungen
sozialwissenschaftlicher Verhältnisse aufzudecken" (KLEINING 1998,
S.120).
Auf diesem Hintergrund fordert er Offenheit des
Forschers gegenüber allen Aspekten der Forschungssituation (Offenheit gegenüber
dem Forschungsgegenstand, den Methoden, der Datenform und dem Forschungsfeld)
und einen Methodenkanon, der es erlaubt, trotz dieser Offenheit systematisch
Informationen zu sammeln und auszuwerten. (siehe auch KLEINING & WITT 2000).
[16]
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Wenn im Rahmen gemeindepsychologischer
Gegenstandsauffassung angenommen wird, daß die Person in einen sozialen
Zusammenhang eingebettet ist, so bedeutet dies auch, daß es andere Personen als
die Zielperson gibt, die auf die Situation blicken, und daß diese Personen
unterschiedliche Sichten auf die Ereignisse haben werden. Was die verschiedenen
Personen sehen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit unterschiedlich sein. Es ist
nun zu fragen, wie diese unterschiedlichen Sichten im Rahmen von
gemeindepsychologischen Forschungsvorhaben behandelt werden sollen. Sollen sie
als fehlerhafte Wahrnehmungen der Situation aufgefaßt, nebeneinander gestellt,
als Indikatoren von Interessenskonflikten aufgefaßt werden oder gibt es darüber
hinaus noch andere Konzeptualisierung für solche Diskrepanzen? [17]
In der Wissenschaftstheorie und in der Diskussion
um die Grundlagen qualitativer Forschung wurde die Perspektivität menschlicher
Erkenntnis von unterschiedlichen Autoren diskutiert. Einerseits als Fehlerquelle
für die objektive Beschreibung von Realität aufgefaßt, wurde andererseits
gerade die Produktivität unterschiedlicher Perspektiven für das Erkennen
aufgezeigt (siehe BREUER 1989, 1999). Eine berühmte Metapher, in welcher der
Erkenntnisgewinn deutliche wird, der durch Mehrperspektivität entsteht, stammt
von BATSON (1982). Er argumentiert, daß mit dem Übergang vom monokularen zum
binokularen Sehen Differenzen entstehen, die "Information von einem anderen
logischen Typ" hervorbringt. Durch die Differenzen in den Bildern entsteht
die Dimension der Tiefe. In Weiterführung dieses Gedankens kommt BREUER (1999)
zum Ergebnis:
"Das programmatische Aufsuchen
unterschiedlicher Beteiligten-Perspektiven und die Thematisierung ihrer
Divergenzen die Kontrastierung von Sichtweisen ist eine weitere
grundlegende Erkenntnis-Heuristik, die den forschungsbezogenen Umgang mit den
Untersuchungspartnerinnen strukturiert." Und er fährt fort: "Sie
dient ... dem Ziel der standpunktübergreifend-abstrahierenden Modellierung und
dem Gewinn theoretischer 'Tiefenschärfe''' (S.276). [18]
Eine der wichtigen Strategie zur Herstellung von
Mehrperspektivität und damit zur Erzeugung von produktiven Differenzen in der
qualitativen Forschung ist die Triangulation, die u.a. von DENZIN (1989) in die
Diskussion eingeführt worden ist. FLICK (1992) hat die unterschiedlichen Phasen
nachgezeichnet, die dieses Konzept in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen
durchlaufen hat. Triangulation wird heute als eine notwendige
Forschungsstrategie verstanden, mit deren Hilfe der Untersuchungsgegenstand
reicher, voller und tiefer (re)konstruiert werden kann. [19]
Für die Gemeindepsychologie ist ein solches
Verständnis von Perspektivität von großer Bedeutung. Es erlaubt einerseits
die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten offenzulegen und andererseits
durch die Analyse der Differenzen eine umfassendere Erkenntnis über den
Gegenstands zu gewinnen, so daß Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden können,
die den einzelnen Subjekten verborgen sind. [20]
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Eine der grundlegenden Forderungen der
Gemeindepsychologie ist es, Partei für diejenigen zu ergreifen, die im sozialen
System benachteiligt sind. Gemeindepsychologen haben von Anfang an betont, daß
sie bei der Auswahl ihrer Praxis eine Wertentscheidung treffen. Sie wollten sich
vornehmlich der Aufgabe widmen, die Lebensmöglichkeiten von Individuen, Gruppen
und sozialen Systemen zu verbessern, wie dies von BENNETT et al. (1966)
formuliert wurde. [21]
Gemeindepsychologische Forschung will parteilich
sein. Sehr bewußt werden Lebensbereiche zum Forschungsthema gemacht, in denen
gesellschaftliche Ausgrenzung herrscht und deren Mitglieder unterprivilegiert
sind. Gemeindepsychologen sehen es als ihre Aufgabe an, die jeweiligen
Lebensbedingungen zu untersuchen und Möglichkeiten zu entwickeln, wie diese verändert
werden können. Parteilichkeit bezieht sich also auf die Bestimmung des
Forschungsgegenstandes und der Interventionsperspektive. Es wird gefordert, die
Zielsetzungen der Forschung auf dem Hintergrund eines Wertesystems zu begründen.
KEUPP formuliert dies (1987) in folgender Weise:
"Grundlegend für eine
gemeindepsychologische Perspektive ist ein thematisches Bewußtsein, das sich
auf die Notwendigkeit eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels in den
hochindustrialisierten spätkapitalistischen Gesellschaften bezieht, damit
individuelles Leid reduziert und positive subjektive Entfaltungspotentiale
unterstützt werden können" (92). Selbstverständlich darf
Parteilichkeit nicht bedeuten, daß Daten so gesammelt werden, daß nur gewünschte
Ergebnisse präsentiert werden können. Parteilichkeit in dem hier
vorgestellten Sinn ist die bewußte Reflexion und Wahl der
Forschungsinteressen. [22]
Im deutschsprachigen Bereich stammte dieses
soziale Engagement vornehmlich aus der kritischen Auseinandersetzung der
Studentenbewegung mit der damaligen politischen Situation in Deutschland, Österreich
und der Schweiz. Das Engagement drückte sich zunächst durch den Einsatz für
die Veränderung der Lebensbedingungen von Insassen psychiatrischer Kliniken
aus, für die neue Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten außerhalb der Klinik
geschaffen werden sollten (BÖHM, FALTERMAIER, FLICK & KRAUSE JACOB 1992).
In der weiteren Entwicklung wurden dann auch andere Themen wie Beratung von
Arbeiterfamilien (BUCHHOLZ, GMÜR, HÖFER & STRAUS 1984), soziale Isolierung
(LAUTH & VIEBAHN 1987) soziale Netzwerke (KEUPP & RÖHRLE 1987), Armut
(KOMMER & RÖHRLE 1983), psychosoziale Beratung (NESTMANN 1997), Identität
von Jugendlichen (KEUPP 1990) usw. aufgegriffen. [23]
Auch in den USA kommen MERITT et al. (1999) nach
einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der "Society for
Community Research and Action" zu dem Ergebnis:
"The division has increasingly listened to
the differentiated voices of women, ethnic minorities, students, younger
community psychologists, and applied community psychologists. These
constituencies persist in calling for equal opportunities for participation,
respect, and recognition within the division and the field (S.28)."
BANYARD und MILLER (1998) haben die Themen
untersucht, die in den zwei wichtigsten gemeindepsychologischen Zeitschriften
der USA in den letzten 30 Jahren untersucht wurden. Sie konnten feststellen, daß
ähnlich wie zu Beginn der Gemeindepsychologie "Vielfältigkeit",
"Kontextualität" und "Empowerment" als leitende Werte auch
heute noch eine Rolle spielen. Vor allem unter den Bedingungen von Armut und
Unterdrückung in Lateinamerika wird die Forderung nach klaren
Wertentscheidungen unmittelbar einsichtig und auch in der Forschung umgesetzt
(SERRANO-GRACÌA 1990). [24]
Mit der Forderung nach Offenlegung des
Forschungsinteresses trifft sich die Gemeindepsychologie mit anderen
Forschungsbereichen, die ihrerseits wieder die Entwicklung der qualitativen
Methodik stark beeinflußt haben. Zunächst allerdings wurde die Forderung, die
eigenen Interessen und die eigenen Werte in der Forschung offenzulegen, in der
deutschen wissenschaftstheoretischen Debatte seit der Schrift "Erkenntnis
und Interesse" von HABERMAS (1968) diskutiert. [25]
Forderungen nach Parteilichkeit sind auch von
verschiedenen Forschungsrichtungen aufgestellt worden. In der qualitativen
Forschung in der Tradition der Chicagoer Schule ist die Forderung nach
Parteilichkeit schon früh formuliert worden. FISCHER-ROSENTHAL (1991) z.B.
beschreibt in seiner kurzen Geschichte dieser Schule, daß die Universitätsspitze
in Chicago das soziologische Department u.a. deshalb gefördert habe, weil
erwartet wurde, daß dieses Fach "zur Lösung sozialer Probleme der Stadt
beitragen (werde)" (S.115). [26]
Auf dem Hintergrund der Erfahrungen der
Frauenbewegung ist in der feministische Forschung betont geworden, daß
Forschung nicht, wie im nomothetische Ansatz behauptet wird, apolitisch und
wertfrei ist, sondern daß sie immer in politischen Kontexten stattfindet
(GRIFFIN & PHOENIKS 1994). Aus der Frauenforschung sind wichtige Impulse für
die Entwicklung und die Anwendung qualitativer Forschungsmethoden
hervorgegangen. Einen Überblick über diese Entwicklung innerhalb der
feministischen Forschung bietet OLESEN (1998). Einen ähnlichen Anstoß für die
Entwicklung qualitativer Methoden hat die Forschung mit unterprivilegierten
Gruppen und Minderheiten gegeben. Dies gilt sowohl für die Entwicklung von
methodischen Herangehensweisen als auch die Reflexion der jeweiligen Perspektive
(STANFIELDE II 1998). [27]
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Partizipation und Empowerment
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Die Richtung der Parteilichkeit wird in der
Gemeindepsychologie durch zwei Konzepte bestimmt: Partizipation und Empowerment.
Beide Konzepte nehmen eine zentrale Stellung ein und sind gleichzeitig nur
schwer zu fassen. Sie beinhalten gleichzeitig Wertsetzungen, Ziele, Prozesse und
Vorstellungen über Ergebnisse. Dies wird deutlich in dem Versuch von RAPPAPORT
(1984), Empowerment zu definieren: "Empowerment is viewed as a process: the
mechanism by which people, organizations, and communities gain mastery over
their lives" (S.2). [28]
Die Wertsetzung wird in dieser Definition sehr
klar formuliert. RAPPAPORT plädiert dafür, psychische und soziale Prozesse aus
einer Perspektive zu betrachten, in der Möglichkeiten von Menschen und sozialen
Gruppierungen in den Blick kommen, ihr Leben selbst zu gestalten, sich nach den
eigenen Bedürfnissen zu entwickeln und Grenzen und Hindernisse zu überwinden.
Das bedeutet gleichzeitig, daß der Fokus der Aufmerksamkeit auf Menschen und
Gruppen liegen soll, die eben gerade nicht die Möglichkeit haben, ihr Leben
selbstbestimmt zu meistern. [29]
Die Schwierigkeit, dieses Konzept empirisch zu
fassen, spiegelt sich in einer Fußnote wieder, in der RAPPAPORT (1984) auf die
Unbestimmtheit des Konzepts verweist: "The idea is more important than the
thing itself. We do not know what empowerment is, but like obscenity, we know it
when we see it. The idea stimulates attempts to create the thing itself"
(S.2). Auch in Deutschland, wo Empowermentprozesse vor allem im Zusammenhang mit
der Entwicklung chronisch psychisch Kranker und bei Selbsthilfegruppen
untersucht und beschrieben wurden, kann man feststellen, daß der Begriff des
Empowerments eher als richtungweisender Begriff gebraucht wird und weniger als
ein Werkzeug, das unmittelbar die Praxis oder die Forschung anleitet. Er
spiegelt mehr eine Haltung wider als eine entfaltete Theorie (STARK 1996). [30]
Meiner Meinung nach lassen sich vor allem zwei
methodische Konsequenzen aus dieser Situation ableiten. Zum einem kann man sich
einem solch vagen Konzept nur nähern, wenn man eine offene, eine heuristische
Methode verwendet, d.h. eine Methode, die es erlaubt, im Verlauf der Forschung
ein Konzept des Gegenstandes zu entwickeln und diese Konzeptualisierungen im
Prozeß zu prüfen und weiterzuentwickeln. Aus dieser Sicht liegt es nahe,
gerade die qualitative Verfahren zu nutzen, die sich explizit die Entdeckung von
Zusammenhängen zum Ziel gesetzt haben, wie dies bereits oben beschrieben wurde.
[31]
Zum anderen macht es das Konzept des Empowerment
notwendig, die Untersuchungsteilnehmer, die üblicherweise als Objekte der
Forschung betrachtet werden, als Partner in die Untersuchung mit einzubeziehen.
In neuerer Zeit ist eine solche Teilnahme der Beforschten an der Forschung in
unterschiedlichen Zusammenhängen thematisiert worden. Vorschläge und Überlegungen
zu partizipativer Forschung kamen u.a. aus der feministischen Forschung, aus dem
Ansatz des "participatory action research" (FALS-BORDA 1959,
FALS-BORDA & RAHMAN 1991), der vor allem in Lateinamerika besondere
Bedeutung erlangt hat (SERRANO-GRACÌA 1990, WIESENFELD & SÀNCHEZ 1991),
dem "action science" (ARGYRIS & SCHON 1994) und von der
Entwicklung der "Co-operative inquiry" durch HERON (1996). REASON
& HERON (1995) fassen den grundlegenden Unterschied zwischen ihrem Ansatz
der Co-operative inquiry und herkömmlicher Forschung mit den folgenden Worten
zusammen, die aber auch für alle partizipativen Ansätze gelten können:
"One of the critical differences between
co-operative inquiry and orthodox research is that for the former the primary
source of knowing, and thus the primary 'instrument' of research, is the
self-directing person within a community of inquiry, and method is a secondary
expression of this; whereas for the latter, method is primary and the subjects
are subordinate to it" (S.123). [32]
Eine sehr konsequente und gemeindepsychologischen
Prinzipien sehr nahestehende partizipative Methodik stellt der Ansatz des
"Intervention Research" dar, der von FREYER und FEATHER (1995)
entwickelt und vertreten wird. Er wurde aus der Forschung zur Arbeitslosigkeit
entwickelt, in dem man es mit Informanten zu tun hat, "who are low in
confidence, who have limited communication skills, who are confused,
demotivated, apathetic, emotional fragile, distressed, suspicious of or
hostile towards research ..." (S.231). Die Grundidee dieses Ansatzes
besteht darin, die Forschungspartner in einer Form in die Forschung
einzubeziehen, die ihnen nützlich ist: "Specifically, we intentionally set
out to intervene in informant's circumstances in ways which increase their
opportunities to gain both personally and collectively, and preferably in a very
tangible form, as part and parcel of the research process" (S.233). [33]
In neuerer Zeit hat FREYER (1999) diesen Ansatz
noch weiter verfolgt und auf Gruppen ausgedehnt, bei denen normalerweise nicht
daran gedacht wird, sie bei der Forschung partizipieren zu lassen. Bei der
Forschung mit dementen Menschen argumentiert er, daß auch dort diejenige
Forschungsmethode angemessen sei, die effektiv die Entwicklung des Verständnisses
durch respektvolles Arbeiten erleichtert, das kooperativ und in Solidarität mit
den Menschen im Alltagskontext über eine längere Zeit hinweg zu geschehen
habe. Auch im deutschen Sprachraum hat die
Aktionsforschung vor allem in den 70er Jahren eine größere Rolle gespielt
(HAAG, KRÜGER, SCHWÄRZEL & WILDT 1972). In neuerer Zeit ist der Gedanke
der Teilnahme der Untersuchungsteilnehmer an der Forschung im Rahmen der
"Praxisforschung" erneut aufgegriffen worden (HEINER 1988), bei der es
darum geht, vor allem professionelle Sozialarbeiter zur Forschung über ihren
Bereich anzuregen. [34]
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Gemeindepsychologen untersuchen häufig Veränderungsprozesse,
wie sie z.B. im Laufe eines Empowerments bei den beteiligten Menschen und
Gruppen eintreten. Sie wollen Wissen über die Voraussetzungen und Bedingungen
solcher Entwicklungsprozesse gewinnen. So plädiert LORION (1990) dafür, daß
nicht nur die Entwicklung von Individuen untersucht werden müsse, sondern auch
die Entwicklungsverläufe von Organisationen: "Community psychology's
challenge is to establish comparable developmental indices to differentiate the
maturational stage of the programs and organizations that it studies"
(S.33). [35]
Gemeindepsychologie benötigen also eine
Methodik, die in der Lage ist, dynamische Prozesse zu erfassen, um angeben zu können,
auf welche Weise Entwicklungen angeregt und gefördert werden. Es soll daher nun
gefragt werden, welche Möglichkeiten qualitative Sozialforschung zur Verfügung
stellt, um solche Prozesse zu erfassen. [36]
KLEINING (1995a) hat ein Ordnungssystem der
Methoden der qualitativen Sozialforschung vorgeschlagen. Neben Methoden, die auf
das erkennende Subjekt oder den Gegenstand bezogen sind, nennt er als drittes
"eher entwicklungsbezogene Methoden" (S.118). Gekennzeichnet seien
letztere dadurch, daß sie "genetisch, historisch oder dialektisch (sind)
und Bezug nehmen zur Entwicklung, Veränderung, Wandlung des Individuums, von
Gruppen und der Gesellschaft" (S.118f.). Als Beispiel für solche
Untersuchungen führt er u.a. die Arbeit von Friedrich ENGELS "Lage der
arbeitenden Klasse in England" (1970) von 1845 an, in der dieser anhand von
"eigener Anschauung" und "authentischen Quellen", also
so KLEINING von teilnehmender Beobachtung und vielfältigen Dokumenten, die
Situation und die Entwicklung der Arbeiterklasse analysierte. Die Erfassung von
Entwicklungen mit Hilfe dialektischer Methoden ist u.a. in der "Kritischen
Theorie" der "Frankfurter Schule" und in neuester Zeit von
KLEINING (1995b) in Form des von ihm als "Dialogprinzip" genannten
Vorgehens weiterverfolgt worden. [37]
Es gibt aber auch spezielle Gegenstandsbereiche,
in denen die Erfassung von Veränderung in der Zeit wichtig ist und zu
methodischen Entwicklungen geführt hat. Dies gilt vor allem für diejenigen
Disziplinen, die sich mit gelingender oder nicht-gelingender menschlicher
Entwicklung beschäftigen. In der Psychiatrie des ausgehenden 19. Jahrhunderts
entstand die Frage, ob die Ursachen psychischer Störungen bzw. Krankheiten in
der Biographie der Menschen lägen. Daraus entwickelte sich eine biographische
Methode in Form von Anamnesen und Fallberichten, die dann vor allem bei Freud
und seinen Nachfolgern als psychoanalytische Fallgeschichte Grundlage für
wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung psychischer Störungen wurde
(THOMAE 1991). [38]
In der Entwicklungspsychologie wurden zu Anfang
dieses Jahrhunderts qualitative Analysen von Entwicklungsprozessen vorgenommen.
Säuglings- und Kinderbiographien (z.B. PREYER 1882; STERN 1914) dienten als
Ausgangsmaterial für die Formulierung von Entwicklungstheorien. Diese Ansätze
fanden ihre Fortsetzung ab den dreißiger Jahren in verschiedene Studien über
Entwicklung im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (siehe MONTADA 1982). In
dieser psychologischen Disziplin hatte PIAGET bereits 1926 seine Forschungen auf
der von ihm so genannten "Klinische Methode" aufgebaut, die hauptsächlich
individuell und kasuistisch war und ihm den Zugang zum Denken und der Logik des
Kindes erlaubte. Heute gibt es eine reichhaltige biographisch Forschung sowohl
in der Psychologie (JÜTTEMANN & THOMAE 1998) als auch in der Soziologie (KRÜGER
& WENSIERSKI 1995), in der mit qualitativen Methoden gearbeitet wird. Dabei
handelt es sich sowohl um Forschung mit unterschiedlichen Interviewformen und
Dokumenten als auch mit "qualitativen Experimenten" (KLEINING 1998),
wie dies bereits von PIAGET vorgeführt worden ist. [39]
Mit Hilfe einer biographischen Methodik lassen
sich sowohl die Entwicklungsverläufe der einzelnen Menschen als auch die
institutionellen, sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen analysieren,
von denen die Entwicklungen geprägt sind und welche ihrerseits von den Menschen
geprägt wurden. Eine solche Methodik ist von großer Bedeutung für die
Gemeindepsychologie, in der es ja gerade um die Ko-Evolution von Individuen und
sozialen Einheiten geht. Beispielhaft läßt sich dies an der Studie von KIEFER
(1984) sehen, in der wichtige Aspekte des Empowermentprozesses anhand der
biographischen Erzählungen von Anführern verschiedener Basisorganisationen
herausgearbeitet wurden. In ähnlicher Weise hat MAGER (1994) auf der Grundlage
der Biographie einer Bewohnerin von Minas Gerais in Brasilien den Prozeß eines
von Professionellen nicht beeinflußten Empowerments auf den unterschiedlichen
Ebenen, von der Biographie bis zur relevanten Geschichte des Landes Brasilien,
rekonstruiert. [40]
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Insgesamt läßt sich feststellen, daß es in der
Gegenstandsauffassung zwischen Gemeindepsychologie und qualitativer
Sozialforschung viele Gemeinsamkeiten gibt. Bei den meisten hier genannten
Charakteristika der gemeindepsychologischen Gegenstandsauffassung wird davon
ausgegangen, daß Menschen ihre Welt als bedeutungsvoll erleben, und daß sie
versuchen, sich mit anderen über die Bedeutungen zu verständigen und gemeinsam
mit ihnen gemäß dieser Bedeutungen zu handeln. Die Erforschung von Sinn und
Bedeutung scheint daher eine Notwendigkeit, um das gemeindepsychologische
Forschungsprogramm erfolgreich durchführen und diese anderen als
gleichberechtigten Partner verstehen und einbeziehen zu können. Es ist daher zu
hoffen, daß die Tendenz, mit Hilfe qualitativer Verfahren zu forschen, in denen
die Erfassung von Sinn und Bedeutung zentrales Anliegen ist, in der
Gemeindepsychologie in der Zukunft eher zunehmen wird. [41]
Für die Erfüllung dieser Erwartung lassen sich
einige Indikatoren nennen. Nachdem Gemeindepsychologen in den USA nach einer anfänglichen
Phase der Aufgeschlossenheit für qualitative Verfahren zunächst stärker mit
Hilfe von quantitativen Verfahren geforscht haben, ändert sich nun die
methodische Ausrichtung wieder. Auf einer Konferenz, die im September 1988 an
der DePaul University in Chicago abgehalten worden war, entstand die Forderung
nach mehr "adventuresome research". Dies geschah auf dem Hintergrund
der Notwendigkeit, "the contextual nature of information, the utility of
divergent views and solutions, ..." (TOLAN, KEYS, CHERTOK & JASON 1990,
S.5) in die Untersuchungen einzubeziehen. MATON (1990) plädiert ebenfalls für
eine stärkere Nutzung qualitativer Methoden. Er sieht ihre Funktion bei der
Deskription, der Generierung und dem Testen von Hypothesen und der Unterstützung
von sozialen Interventionen. SPEER und DEY (1992) stellten einen Wechsel der
methodischen Ausrichtung in Richtung einer stärkeren Synthese von
Forschungsmethoden, eingeschlossen qualitative Verfahren, fest. Einen weiteren
Indikator für ein Wiederaufnahme der Diskussion um qualitative Verfahren stellt
das Schwerpunktheft des "American Journal of Community Psychology"
(1998, 4) dar, das, herausgegeben von MILLER und BANYARD, explizit und ausschließlich
mit der Rolle von qualitativen Verfahren in gemeindepsychologischen
Untersuchungen gewidmet ist. Auch in den deutschsprachigen Ländern konnten RÖHRLE,
GLÜER und SOMMER (1995) bei ihrer Untersuchung der Entwicklung der
gemeindepsychologischen Forschung zwischen 1977-1993 feststellen, daß mit
unterschiedlichen Methoden gearbeitet wurde, daß aber Untersuchungen mit
qualitativen Methoden in der Mehrzahl waren. [42]
Allerdings läßt sich auch feststellen, daß in
vielen gemeindepsychologischen Untersuchungen quantitative Methoden verwendet
werden. BANYARD und MILLER (1998) beklagen diese Situation, die ihrer Meinung
nach dem Anspruch der Gemeindepsychologie widerspreche, neue Perspektiven in die
Forschung einzuführen. Sie stellen fest:
"However, we have remained quite
traditional in terms of the methodologies we utilize to study phenomena that
interest us. It might be said that we are studying new things in old ways, and
have yet to seriously consider whether the addition of nonquantitative methods
might provide new and valuable ways of seeing the problems and issues at hand,
and might perhaps lead to more effective solutions as well" (S.487). [43]
Die Scheu vor der Verwendung von qualitativen
Methoden hängt sicherlich zum Teil mit dem Vorwurf zusammen, diese wären
methodisch nicht genügend ausgearbeitet. Inzwischen läßt sich aber
feststellen, daß in der qualitative Sozialforschung ein breites Repertoire von
gut ausgearbeiteten Verfahren zu Verfügung steht (DENZIN & LINCOLN 1998,
FLICK 1998, MILES & HUBERMAN 1994), daß die methodische Reflektiertheit
zugenommen hat, und daß die Diskussion über Gütekriterien zu neuen und
angemesseneren Formen der Beurteilung der Qualität qualitativer
Forschungsarbeiten geführt hat (STEINKE 1999). Es scheint daher gerechtfertigt,
qualitative Methoden im Feld der Gemeindepsychologie einzusetzen.
Gemeindepsychologie andererseits birgt für qualitative Methodiker die
Herausforderung, sich mit der Reflexion von hoch komplexen Forschungssituationen
auseinandersetzen zu müssen, an denen auch die Beforschten als
Forschungspartner partizipieren, und auf diese Weise gezwungen zu sein, kreativ
neue Formen methodischen Herangehens zu entwickeln. Hierzu gehört auch die
Entwicklung einer Methodologie zur Integration von qualitativen und
quantitativen Methoden, die notwendig erscheint, um der Komplexität des
Gegenstands gerecht zu werden. [44]
Der Einsatz qualitativer Methoden in
gemeindepsychologischen Untersuchungen bieten die Chance, den oben genannten
zentralen Merkmalen gemeindepsychologischer Gegenstandsauffassung stärker
gerecht zu werden. Darüber hinaus lassen sich zum augenblicklichen Zeitpunkt
verschiedene Aspekte gemeindepsychologischer Untersuchungen benennen, in denen,
angeregt durch Überlegungen aus der qualitativen Methodik, eine stärkere
methodische Reflexion wünschenswert wäre. [45]
Die eigene Rolle als
Forscher sollte stärker reflektiert werden. Dies gilt vor allem für
Untersuchungen mit unterprivilegierten Gruppen und Minoritäten. [46]
Komplexe Modelle der
Untersuchungssituation werden in der Gemeindepsychologie bisher noch zu
wenig systematisch konstruiert. Unbedingt erforderlich erscheint es daher,
Vorgehensweisen zu entwickeln, in deren Rahmen unterschiedliche Perspektiven
aufeinander bezogen werden können. Die Modelle müssen Handlungsmöglichkeiten
sichtbar machen können, die den einzelnen Subjekten bisher verborgen waren.
[47]
Auch über die Konsequenzen der Forderung nach
Parteilichkeit und Partizipation sollten noch wesentlich stärker nachgedacht
werden. Gemeindepsychologen sollten Erhebungsmethoden bevorzugen und entwickeln,
mit deren Hilfe sich Menschen ausdrücken können, die normalerweise nicht gehört
werden, und sie sollten diesen Menschen die Möglichkeit geben, als Partner in
der Forschung einbezogen zu werden. [48]
Mein besonderer Dank gilt meinen Kolleginnen und
Kollegen Heinke MÖLLER, Franz BREUER und Manfred ZAUMSEIL, die durch ihre
Bemerkungen und Kritik erheblich zur Präzisierung meiner Argumentation
beigetragen haben.
1) Solche Ansätze gibt es auch
in der quantitativen Methodik, in der TUKEY (1977) eine Buch mit dem Titel
"Exploratory data analysis" vorgelegt hat und in dem er aufzeigt, wie
verschiedene Prozeduren dazu benutzt werden können, Daten so zu vereinfachen,
daß ihre Bedeutung für den Forscher leichter erfaßbar wird. <zurück>
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Jarg
BERGOLD, Prof. Dr.phil., Dipl.-Psych., Professor für Psychologie am
Studiengang Psychologie, Institut für Klinische Psychologie und
Gemeindepsychologie der Freie Universität Berlin. Arbeitsschwerpunkte:
Klinische Psychologie, Gemeindepsychologie, Systemanalyse psychosozialer/
psychiatrischer Dienste, Qualitative Evaluation
Anschrift: Institut für Klinische Psychologie
und Gemeindepsychologie der Freie Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45,
D 14195 Berlin
Phone: +49 / 30 / 465 6063
E-Mail: bergold@zedat.fu-berlin.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Bergold, Jarg (2000, Juni). Über die Affinität
zwischen qualitativen Methoden und Gemeindepsychologie [48 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00bergold-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Revised 2/2005
Letzte Änderung: 18.02.2005
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