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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Zur gemeinsamen
Verfertigung von Text in der Forschungssituation
Olaf Jensen
Zusammenfassung: Im folgenden
Aufsatz wird der methodische Ansatz und die Durchführung einer
qualitativen Mehrgenerationenstudie zum Geschichtsbewußtsein über den
Nationalsozialismus skizziert. Das Hauptaugenmerk des Textes liegt auf dem
wenig berücksichtigten Umstand, daß Kommunikation besonders zu
Themen wie dem Nationalsozialismus dadurch gekennzeichnet ist, daß
ihre Inhalte bzw. "Ergebnisse" im Zuge von vielfältigen
Interaktionsprozessen der beteiligten Akteure gemeinsam verfertigt werden.
Entsprechend ist die Betrachtung dieser intersubjektiven Produktion von
Daten Kernelement der qualitativen Analyse des erhobenen Textmaterials.
Mit der Hermeneutischen Dialoganalyse wird ein Verfahren vorgestellt, bei
dem die Aushandlungsprozesse der Interakteure im Zentrum stehen. Darüber
hinaus wird das inhaltsanalytische Vorgehen und der Stand der Auswertung
des Forschungsprojektes "Tradierung von Geschichtsbewußtsein"
dargestellt.
Keywords: Kommunikative
Tradierung, Geschichtsbewußtsein, Nationalsozialismus, intersubjektive
Produktion von Text, symbolischer Interaktionismus, Objektive Hermeneutik,
Hermeneutische Dialoganalyse, Grounded Theory, qualitative Inhaltsanalyse,
WinMax
1.
Einleitung
2.
Intersubjektive Produktion der Daten
3.
Der Nationalsozialismus als Problem-Thema
4.
Objektive Hermeneutik
5. Hermeneutische
Dialoganalyse
6. Exemplarische
Einzelfallanalysen
7. Qualitative
Inhaltsanalyse
8. Vorläufige Ergebnisse
8.1 Viel Opferstatus
wenig Diskussion
8.2 Kumulative Heroisierung
8.3 Film als Lebensgeschichte
8.4 Verschiedene Vergangenheiten
9. Bezüge und
Kooperationen
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Am Psychologischen Institut der Universität
Hannover wird im Rahmen einer qualitativen Mehrgenerationenstudie seit
Ende 1997 untersucht, wie die nationalsozialistische Vergangenheit im Bewußtsein
und im Unbewußten der Deutschen fortwirkt. Anhand von Gruppendiskussionen
und themenzentrierten offenen Interviews geht das von der
Volkswagenstiftung geförderte Projekt "Tradierung von Geschichtsbewußtsein"
der Frage nach, was "ganz normale" Deutsche aus der
NS-Vergangenheit erinnern, wie sie darüber sprechen und was davon auf dem
Wege kommunikativer Tradierung an die Kinder- und Enkelgenerationen
weitergegeben wird. [1]
Ausgehend von der These, daß nicht nur die
Zeitzeugengeneration, sondern auch die Nachfolgegenerationen über
kulturelle und kommunikative Tradierungsprozesse vielfältig an die Zeit
des Nationalsozialismus gebunden sind (WELZER et al. 1997), untersucht die
Forschungsgruppe mit Hilfe von qualitativen Mehrgenerationeninterviews die
Weitergabe von Erinnerungsbeständen und Deutungsmustern, wobei die Angehörigen
von vierzig Familien sowohl einzeln als auch gemeinsam nach erlebten und
überlieferten Geschichten aus der nationalsozialistischen Vergangenheit
gefragt werden. Unser Material besteht aus vierzig
Drei-Generationen-Familien mit 172 Gruppen- und Einzelinterviews. Die
Familien stammen zu drei Vierteln aus den alten und zu einem Viertel aus
den neuen Bundesländern. Aufgrund der Familienkonstellationen sind die
Angehörigen der drei Generationen dabei meist über mehrere Bundesländer
verteilt. Im Westen ist aufgrund unseres "Schneeball"-
Erhebungsverfahrens Niedersachen der Schwerpunkt, im Osten verteilen sich
die Familien auf alle fünf Bundesländer; eine Familie ist aus Österreich.
Dabei ist noch nicht berücksichtigt, daß die Zeitzeugen bis 1945 oftmals
in anderen Teilen des "Dritten Reiches" lebten, z.B. in
Schlesien. Die Geburtsjahrgänge der Zeitzeugen des Nationalsozialismus
liegen zwischen 1906 und 1933, die der Kinder zwischen 1933 und 1967 und
die der Enkel zwischen 1954 und 1986. Bis auf einen deutlichen Überhang
bei den weiblichen Zeitzeugen sind die Geschlechter gleichmäßig
verteilt. Die Bildungsabschlüsse der Befragten sind von Zeitzeugen zu
Enkeln gestaffelt, d.h. bei den Zeitzeugen überwiegt der
Volksschulabschluß, bei der Kindergeneration hält sich Realschul- und
Gymnasialabschluß die Waage und bei den Enkeln überwiegt der
Gymnasialabschluß. [2]
Für die Auswertung des Interviewmaterials
werden hermeneutische und inhaltsanalytische Verfahren kombiniert, als
Auswertungswerkzeug dient das Textanalysesystem WinMax. Die Laufzeit des
Projektes beträgt drei Jahre (bis Ende 2000). Im Spannungsfeld von
Sozial- und Kulturpsychologie, Biographieforschung und Oral History
angesiedelt, dient das Forschungsprojekt "Tradierung von
Geschichtsbewußtsein" der Identifizierung von Tradierungsmustern und
Erinnerungsinventaren lebensgeschichtlicher Erfahrungen aus der Zeit des
Nationalsozialismus. [3]
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Intersubjektive Produktion von Daten
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Bei der Erhebung und Auswertung dieser
Studie wird im Anschluß an DEVEREUX (1973) und SCHÜTZ (1971) die These
vertreten, daß Forscherinnen und Forscher grundsätzlich Akteure in einem
sozialen Raum sind, der durch ihre Anwesenheit konstituiert wird, der aber
gleichzeitig auch ihr Verhalten bestimmt. Das qualitative Interview als
Erhebungsmethode stellt ebenfalls eine soziale Situation dar, die in
wesentlichen Merkmalen Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit von
Kommunikation als Gespräch definiert werden kann (LUCKMANN 1984,
S.58). Ähnlich wie in Alltagssituationen gibt es auch in der
Forschungssituation ein implizites und explizites Wissen darüber, auf
welche Art und Weise mit einem Thema umgegangen werden kann: was
tabuisiert ist, was offen gefragt werden kann, welches Wissen geteilt wird
und mit welchen Begriffen es sich bezeichnen läßt. Unabhängig vom
Inhalt, ist eine Interviewsituation aus Sicht einer interaktionistischen
Sozialpsychologie durch zwei Annahmen gekennzeichnet: Erstens kann man
"nicht nicht kommunizieren" (WATZLAWICK et al. 1972,
S.51, Herv. i. Orig.), zweitens spricht man so, wie man erwartet, daß der
andere erwartet, daß man sprechen wird. Die antizipierten Reaktionen des
Anderen auf das, was jemand sagt, sind immer schon Teil seiner Äußerungen.
Gesprächssituationen oder Interviews sind demnach einmalige, nicht
wiederholbare Situationen der gemeinsamen Verfertigung eines Textes. [4]
Wird in dieser Weise von einem
intersubjektiven Produktionsverhältnis der Daten ausgegangen, "dann
gibt es kein Datum `hinter` der sozialen Situation, sondern nur soziale
Daten. Damit sind sie auch nur im Rahmen des Kontextes ihrer Performanz
valide; es gibt in diesem Sinne logisch auch kein Datum `an sich`"
(WELZER 1993, S.95). Zu Kunstprodukten werden Interviews allerdings dann,
wenn durch spezielle Forschungsregeln, die in fast jedem Lehrbuch und
jeder Interviewerschulung vorkommen, diese grundsätzlichen Prinzipien von
Kommunikation ignoriert werden. Werden z.B. aus der Kette aufeinander
bezogener Sprechhandlungen auf a(1) folgt b(1), auf a(2) b(2) usf.
nur die Elemente b(1), b(2) usw. ausgewertet, wird ein Monolog analysiert,
der so nie stattgefunden hat (vgl. WELZER 1993, S.93). Auch BREUER (1996)
vertritt die Ansicht, daß die sozialwissenschaftliche Forschung nicht
ohne "Selbstreflexivität" zu denken ist und ihrer
"Interventionshaftigkeit" Rechnung getragen werden muß:
"In unseren Untersuchungen erhalten
wir (...) nicht Daten von Ereignissen, die sich auch ohne
Forscher-Anwesenheit und -Aktivität so abgespielt hätten. Vielmehr haben
wir es ganz überwiegend mit Phänomenen zu tun, die unter anderem
als Reaktion der Feldmitglieder bzw. der Beteiligten auf die Präsenz
des Wissenschaftlers zustande kommen" (BREUER 1996, S.18, Herv.
i. Orig.; vgl. auch HEEG & MUCKEL im selben Band). [5]
Will qualitative Sozialforschung "die
Verhaltensweisen und Aussagen der Untersuchten nicht einfach als
statistische Repräsentationen eines unveränderlichen
Wirkungszusammenhanges, sondern als prozeßhafte Ausschnitte der
Reproduktion und Konstruktion von sozialer Realität" verstehen
(LAMNEK 1995, S.25), dann muß diesem Umstand über Postulate hinaus auch
in der forschungspraktischen Umsetzung Rechnung getragen werden. [6]
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Der Nationalsozialismus als Problem-Thema
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Für den Themenkomplex Nationalsozialismus
der den Zweiten Weltkrieg ebenso einschließt wie den Holocaust
und für die "Nachfolgestaaten des `Großdeutschen Reiches`"
BRD, DDR und Österreich (LEPSIUS 1989, S.247) gilt dieses intersubjektive
Produktionsverhältnis in besonderer Weise: Zum einen, da kaum ein
Thema in den vergangenen Jahrzehnten so intensiv beforscht und diskutiert
wurde, zum anderen, da fast alle Familien bzw. einzelne Familienangehörige
z.B. durch das Mittun in Nationalsozialismus und Krieg oder durch
Verfolgung oder Vertreibung direkt betroffen waren. Hier wird die soziale
und intersubjektive Konstitution besonders der biographischen Erzählungen
der Zeitzeugen des Nationalsozialismus deutlich: Weder ist es ihnen möglich,
unabhängig von gesellschaftlicher Bewertung und Entwicklung über ihr
Leben im Nationalsozialismus zu berichten, noch ist es den Interviewern
situativ möglich, nicht-normativ mit solchen Erzählungen umzugehen. Die
Themen Schuld und Verstrickung auf der einen, Anklage und Verurteilung auf
der anderen Seite sind wechselseitig als antizipierte
Interaktionserwartungen immer präsent. In den Interviews reproduzieren
sich also notwendig genau jene Gesprächsrestriktionen, Stereotype und
Tabuisierungen, die die gesellschaftliche Kommunikation über den
Nationalsozialismus allgemein prägen (zur Kritik an ausgewählten
Beispielen der Forschung vgl. WELZER 1997, S.50ff). [7]
Der Versuch, dieses Phänomen mit
speziellen Interviewtechniken oder durch ein nicht zu realisierendes
"neutrales" Verhalten kontrollieren zu wollen, muß notwendig
scheitern und verschleiert höchstens den Entstehungskontext des Textes
(vgl. WELZER 1998b, S.159). Folglich erscheint es unerläßlich, die
Bedingungen, unter denen die Äußerungen der Befragten und ihre
biographischen Erzählungen vermittelt werden, in der Interpretation im
Blick zu halten, was nicht zuletzt eine kritische Reflexion des
Geschichtsbewußtseins der Forschenden erfordert (vgl. WELZER et al. 1997,
S.34f). [8]
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Im Zuge der qualitativen Analyse der
Interviewtranskripte gilt es also in besonderer Weise, die Interaktion
aller Beteiligten mit ihren wechselseitig antizipierten Erwartungen, ihren
gegenseitigen Beobachtungen und formalen wie inhaltlichen
Interaktionsnormen in den Blick zu nehmen. Das von uns verwendete
Interpretationsverfahren der Hermeneutischen Dialoganalyse (WELZER 1990,
1993, 1995, 1998a; WELZER et al. 1997) läßt sich als eine pragmatische
Weiterentwicklung der Objektiven Hermeneutik (OEVERMANN et al. 1979)
beschreiben. Abgesehen davon, daß das OEVERMANNsche Ausgangsverfahren
gegenüber der Datenkonstitution weitestgehend desinteressiert und
hinsichtlich seiner theoretischen Fundierung überladen ist (vgl.
REICHERTZ 1986; 1988; 1995), bietet es auf der operationellen Ebene ein
elaboriertes und codifiziertes Verfahren zur intensiven Analyse von
Interviewmaterial und ist zudem im Zusammenhang mit der Erforschung von
innerfamilialer Sozialisation entwickelt worden. Es sei hier noch einmal
kurz dargestellt: [9]
Das ursprüngliche
OEVERMANNsche System zur Feinanalyse besteht aus acht Ebenen, die zu einem
systematischen Vorgehen beim Interpretieren von Texten anhalten sollen.
Sie haben zwar nur den Charakter einer "check list", jeder
Interakt sollte aber "möglichst ausführlich, d.h. vollständig auf
allen neun, von den Kategorien bezeichneten Ebenen" interpretiert
werden (OEVERMANN et al. 1979, S.394)1),
um die latenten Sinnstrukturen der Interaktion freizulegen. Ausgangspunkt
ist die Ebene 0, auf welcher der Kontext geklärt wird, der der zu
interpretierenden Textstelle vorausgeht. Es soll der
"Systemzustand" festgestellt werden, in dem die Subjekte
interagieren, da dieser für die folgenden
"Handlungsalternativen" des oder der Adressaten verantwortlich
ist, die entsprechend auszudeuten sind. Ebene 1 soll durch Paraphrasieren
der Textstelle die Bedeutung des sprachlichen Interaktes klären. Maßgebend
ist dabei das Verständnis, welches bei einem "`normalen` kompetenten
Sprecher der deutschen Sprache" (1979, S.395) durch das Gesagte
ausgelöst wird. Auf Ebene 2 werden die Intentionen des interagierenden
Subjekts so weit wie möglich ausgedeutet. Wie in Alltagssituationen, soll
hier "indirekt" geschlossen werden, was in der entsprechenden
Situation verbal oder nonverbal "bewußt" hervorgerufen oder
durchgesetzt werden soll (1979, S.397). [10]
Die Ebene 3 hat dann die "objektiven
Motive" des Interakts zum Gegenstand und ist nach OEVERMANN et al. für
die gesamte Analyse zentral. Hier wird zugrunde gelegt, daß
"verbalisierte Interakte (aber nur sie) objektiv gleichsam Träger
von möglichen Sinnstrukturen oder Sinntexturen darstellen" (1979,
S.398), die Adressaten also dem Gesagten unabhängig von der Intention des
Sprechers eigene Sinnstrukturen verleihen können. Ebene 4 betrifft die
Funktion des Interakts in bezug auf die Verteilung der Interaktionsrollen.
Diese nach OEVERMANN et al. eher untergeordnete Analyseebene hat konkret
den Verlauf der Sprechakte zum Gegenstand, also "inwieweit ein
Interakt Restriktionen für die Interaktionschancen der übrigen
Beteiligten setzt" (1979, S.400). So kann ein Interakt z.B. bestimmte
Reaktionen bei den Adressaten erzwingen oder die bisherige Struktur der
Kommunikation verändern. [11]
Auf Ebene 5 sollen die sprachlichen
Merkmale des Interakts charakterisiert werden. Syntaktische, semantische
oder pragmatische Besonderheiten können vor allem für die untersuchte
Gruppe (z.B. Familie) prägnant sein und werden für mögliche
sprachsoziologische Analysen gesammelt. Aufgrund der Interpretation des
Interakts kann dann auf Ebene 6 auf situationsübergreifende "durchgängige
Kommunikationsfiguren" (1979, S.400) geschlossen und die
"objektiv latente Sinnstruktur der Szene" rekonstruiert werden.
Ziel ist etwa die Bestimmung eines "Interaktionsmusters" einer
Familie, welches evtl. kontextunabhängig und "automatisch" abläuft.
Ebene 7 hat abschließend die "Explikation allgemeiner Zusammenhänge"
zum Gegenstand. Hier soll der Fall, z.B. eine Familie, daraufhin
untersucht werden, ob sich allgemeine bzw. vor allem
"sozialisationstheoretisch relevante Zusammenhänge und
Strukturen" feststellen und diskutieren lassen (1979, S.402). [12]
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Hermeneutische Dialoganalyse
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Im Gegensatz zum OEVERMANNschen Verfahren
der Objektiven Hermeneutik, stehen bei dem von uns verwendeten Verfahren
der Hermeneutischen Dialoganalyse die situativ gegebenen Beiträge aller
Interakteure im Mittelpunkt. Die Hermeneutische Dialoganalyse wurde von
WELZER (1993) im Rahmen einer Längsschnittstudie zu den Integrationsverläufen
der sog. "Herbstübersiedler", die 1989 aus der DDR in die
Bundesrepublik geflohen sind, ausgearbeitet und ist durch folgende
Modifikationen an der Objektiven Hermeneutik von OEVERMANN et al.
gekennzeichnet: [13]
Nach der Klärung des Kontextes (Ebene 0,
Leitfrage: "Was ist passiert?"), der Paraphrase (Ebene 1,
Leitfrage: "Was sagt der Sprecher gemäß dem Wortlaut?")
und der Explikation der Intentionen des Sprechers (Ebene 2, Leitfrage:
"Was will der Sprecher intentional sagen?") kommt in
diesem Verfahren als dritte Ebene die von OEVERMANN et al. als
"weniger wichtig" bezeichnete Ebene 4 zum Zuge (Leitfrage:
"Wie entwickelt sich situativ die Interaktion?"). Hier
geht es, wie oben dargestellt, um die Klärung der Funktion eines
Interakts in der Verteilung der Interaktionsrollen. Diese Paarsequenzen
die pragmatische Ebene der Kommunikation sind die zentralen
Stellen, an denen sich erst entscheidet, welche "objektiven
Motive" hinter dem Interakt stehen (hier Ebene 4, bei OEVERMANN et
al. Ebene 3, Leitfrage: "Was bringt der Sprecher
(nicht-intentional) zum Ausdruck?"). Gerade die situativ
gegebenen Beiträge beider bzw. aller Interakteure auch die der
Interviewerinnen und Interviewer stehen also bei dieser Analyse im
Zentrum. Der Vorteil eines solchen Vorgehens ist, daß sich die
Interpretationen eines Interakts mit der Art und Weise belegen lassen, wie
der nächste Sprecher auf diesen reagiert. Umgekehrt lassen sich Interakte
auch durch vorausgegangene Sequenzen motiviert erklären, wenn beide
(alle) Interakteure im Blick behalten werden. [14]
Des weiteren werden die bei OEVERMANN et
al. als Ebenen 6 und 7 bezeichneten Schritte der Extrapolation der
Interpretation des Interakts auf die Struktur vorausgehender
Kommunikationsfiguren (hier Ebene 5, Leitfrage: "Gibt es eine
verallgemeinerbare Struktur?") und schließlich die Explikation
allgemeiner Zusammenhänge vollzogen (hier Ebene 6, Leitfrage: "Gibt
es Verbindungen zu (Sozialisations-) Theorien?"). Die
sprachlichen Merkmale des Interakts (bei OEVERMANN Ebene 5, Leitfrage:
"Wie spricht der Sprecher?") werden, soweit notwendig, im
Rahmen der Ebenen 1 und 2 berücksichtigt (vgl. WELZER 1993, S.98; WELZER
at al. 1997, S.37). Schematisch lassen sich die unterschiedlichen
Vorgehensweisen folgendermaßen darstellen: [15]
Tabelle 1: Ebenen von Objektiver
Hermeneutik/Hermeneutischer Dialoganalyse: [16]
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Ebene bei OEVERMANN
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Ebene bei WELZER
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Feinanalyse
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0
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0
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Explikation des einem
Interakt unmittelbar vorausgehenden Kontextes
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1
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1
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Paraphrase der Bedeutung
eines Interakts gemäß dem Wortlaut der begleitenden Verbalisierung
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2
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2
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Explikation der
Intention des interagierenden Subjekts
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3
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4
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Explikation der
objektiven Motive des Interakts und seiner objektiven Konsequenzen
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4
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3
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Explikation der Funktion
eines Interakts in der Verteilung von Interaktionsrollen
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5
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1/2
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Charakterisierung der
sprachlichen Merkmale des Interakts
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6
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5
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Extrapolation der
Interpretation des Interakts auf durchgängige
Kommunikationsfiguren, kennzeichnende Beziehungsprobleme, Persönlichkeitsmerkmale
u.a.
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7
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6
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Explikation allgemeiner
Zusammenhänge
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In der Interpretation halten wir uns sowohl
an das Gruppenprinzip als auch an das Prinzip der sequentiellen
Interpretation, d.h. kein Interakt wird im Lichte zeitlich nachfolgender
Interakte interpretiert. Forschungspraktisch ist das Analyseschema wie
auch bei OEVERMANN et al. kein starres Raster, das "mechanisch"
(1979, S.349) abzuarbeiten ist, sondern die einzelnen Ebenen können sich
durchaus in der Interpretation überschneiden. Entscheidende Aufgabe der
Ebenen ist weiterhin, "zur Sorgfalt der Explikation anzuleiten"
(1979, S.402). Mit Hilfe der so modifizierten und mit einem
dialog-orientierten Schwerpunkt versehenen hermeneutischen Methode ist es
unserer Meinung nach möglich, latente subjektive Bedeutungsstrukturen in
Interviews, denen familial und gesellschaftlich begründete
Handlungsregeln und Sinnfiguren zugrunde liegen, zu analysieren. [17]
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Exemplarische Einzelfallanalysen
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Bereits während der Erhebung wurde damit
begonnen, in Interpretationsgruppen à drei Personen in der in den zwei
vorausgegangenen Punkten dargestellten Weise drei Familien einer
hermeneutischen Feinanalyse zu unterziehen. Zwei dieser Familien sind aus
West-, eine aus Ostdeutschland. Die westdeutschen Familien zeichnen sich
dahingehend durch "maximale Unterschiede" (vgl. GLASER &
STRAUSS 1998, S.69; STRAUSS & CORBIN 1990, S.186) aus, daß in der
einen Familie bei einer ersten Durchsicht sehr wenige, bei der anderen
eher viele tradierte Geschichten genannt bzw. erzählt werden. Zudem kam
es in der ersten Familie in der Gruppendiskussion zu einer
Auseinandersetzung zwischen Enkel und Zeitzeugen. Diese Einzelfallanalysen
generierten induktiv die Auswertungsperspektiven und (vorläufigen)
Kategorien für die inhaltsanalytische Auswertung der gesamten Stichprobe.
Der Ablauf des Forschungsprojektes läßt sich schematisch folgendermaßen
darstellen: [18]

Abbildung 1: Ablaufschema des Projektes [19]
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Qualitative
Inhaltsanalyse
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Im Zuge der Einzelfallanalysen wurden die
im Ablaufschema (siehe Abbildung) aufgeführten neun Auswertungsebenen
identifiziert2)>.
Die übergeordneten Auswertungsperspektiven (z.B. Repräsentanz von
Medien) und deren (vorläufige) Kategorien (z.B. Bücher, Fotos,
Spielfilme und Dokumentationen) dienen zur inhaltsanalytischen Bearbeitung
und Reduktion des gesamten Materials. Das von uns gewählte
inhaltsanalytische Verfahren läßt sich als eine Kombination aus dem der
Grounded Theory (u.a. GLASER & STRAUSS 1998; STRAUSS & CORBIN
1990) zugrundeliegenden induktiven, offenen Forschungsstil und einem an
der qualitativen Inhaltsanalyse nach MAYRING (1997) orientierten
regelgeleiteten Vorgehen skizzieren. Der "analytic style"
(STRAUSS 1987, S.xiv) der Grounded Theory ist hierbei für uns
Ausgangspunkt von Erhebung und Analyse, die vielfach diskutierten
operationellen Schwächen der Grounded Theory (u.a. MAYRING 1997, S.75;
LAMNEK 1995, S.128; WELZER 1993, S.89; FLICK 1998, S.205; KELLE 1994,
S.333ff; BREUER 1996, S.16ff; MUCKEL 1996, S.76ff) werden dabei durch das
Implantieren in das regelgeleitete Vorgehen der qualitativen
Inhaltsanalyse von MAYRING (1997) reduziert. [20]
Zentrale Forderung von GLASER und STRAUSS
ist, daß Theorie "gegenstandsnah" und somit fest in den
erhobenen Daten verankert sein soll. Dies ist u.a. dadurch zu gewährleisten,
daß Erhebung und Analyse in einem sich ergänzenden wechselseitigen Prozeß
stehen (vgl. GLASER & STRAUSS 1998, S.52; S.83). Wir veränderten z.B.
aufgrund von entsprechenden Erkenntnissen der begonnenen
Einzelfallanalysen nach der Hälfte der Erhebung die Reihenfolge der
Interviews und verlegten die Gruppendiskussion vom Anfang ans Ende. Ebenso
haben die Interviews einen "Zeitkern" bekommen, indem nach
jeweils aktuellen medialen Ereignissen zum Thema gefragt wurde (z.B. der
"Wehrmachtsausstellung"). [21]
Um überprüfbar zu sein, muß ein
theoretisches Konzept nach GLASER und STRAUSS mit klar erkennbaren
Kategorien und Hypothesen arbeiten, die "von den untersuchten Daten
nahegelegt werden und zwanglos auf sie anwendbar sein müssen"
(GLASER & STRAUSS 1998, S.13). Hauptinstrument dieses Prozesses ist
die "komparative Analyse" (1998, S.31) von Daten innerhalb von
Vergleichsgruppen. Dabei werden die aufgrund der Fragestellung
interessierenden Phänomene oder Ereignisse in den Daten aufgespürt,
miteinander verglichen und im Zuge des Codierens in Kategorien überführt.
Während des Codiervorganges wird das zu codierende "Vorkommnis"
mit den anderen in seiner Gruppe (hier: innerhalb eines Interviews), wie
auch mit anderen Gruppen (hier: intra- und interfamilial) der gleichen
Kategorie verglichen. Dieses Vergleichen der zugeordneten Ereignisse bzw.
Sequenzen führt zu einer Definition der theoretischen Eigenschaften der
Kategorie bzw. zu dessen Erweiterung. Dabei konzeptualisiert das Codieren
das Datenmaterial nicht nur durch seine einfache Kennzeichnung mit
Begriffen, sondern durch eine kontinuierliche und provisorische
Hypothesenbildung an den Kategorien bzw. über ihre Beziehungen
untereinander (vgl. STRAUSS 1987, S.21f). Geleitet wird das Codieren durch
systematisches "Befragen" des Datenmaterials anhand des sog.
Codierparadigmas:
Unter welchen Bedingungen bzw. Zuständen
wird gehandelt,
wie verläuft die Interaktion
zwischen den Beteiligten,
welche Strategien und Taktiken
werden angewendet,
welche Konsequenzen hat das
Handeln (vgl. STRAUSS 1987, S.27, 64ff; STRAUSS & CORBIN 1990,
S.99). [22]
Der induktive Kategorienbildungsprozeß der
empirisch begründeten Theorie läßt sich durch die qualitative
Inhaltsanalyse nach MAYRING dahingehend systematisieren bzw. integrieren,
daß genau definiert wird, welches Material Grundlage der Analyse und
Kategorienentwicklung ist, und auf welchem Abstraktionsniveau die
Kategorien angesiedelt werden sollen. Zudem werden die gebildeten
Kategorien eindeutig definiert und mit Ankerbeispielen versehen (vgl.
MAYRING 1997, S.76). Zusammen mit einem entsprechenden Ablaufmodell
(JENSEN 1999, S.28; vgl. MAYRING 1997, S.60; S.75), steht für den
Materialdurchlauf somit ein einheitliches "Gerüst" zu Verfügung.
[23]
Die anhand des Themas Nationalsozialismus
und der jeweiligen Fragestellung (z.B. Tradierungsmuster) im Text
lokalisierten Segmente können dann anhand der oben genannten Fragen des
Codiermusters und der bereits dargestellten Ebenen der Hermeneutischen
Dialoganalyse analysiert und den Kategorien zugeordnet werden oder liefern
induktiv weitere. Bei
den codierten Segmenten handelt es sich je nach Auswertungsperspektive um
spezifische Paarsequenzen, damit die Interaktion der Akteure im Blick
bleibt. Dieser Analyse- und Codiervorgang kann als "selektive
Feinanalyse" bezeichnet werden. [24]
Die EDV-gestützte Umsetzung und
Organisation erfolgt mit dem Textanalysesystem WinMax (KUCKARTZ 1996;
1999), welches es ermöglicht, nach diesem in unserem Sinne
"selektiven" Codierdurchlauf die so geordneten Textstellen
bzw. Sequenzen weiteren qualitativen aber auch quantitativen
Analysen zu unterziehen und relevante Textpassagen schnell z.B. für Texte
zu Einzelaspekten zusammenzustellen. [25]
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Viel Opferstatus wenig Diskussion
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Ausgangsfrage der Auswertungsperspektive
zur intrafamilialen Kommunikation (siehe Schaubild 1) war, wie die
Befragten ihren Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus in der Familie
charakterisieren. Aus diesen Selbsteinschätzungen der Befragten geht
hervor, daß im Gegensatz zur landläufigen Annahme Nationalsozialismus,
Krieg und Holocaust nicht "verschwiegen" oder "verdrängt",
sondern in ganz besonderer Weise thematisiert werden: Vor allem die
schwierigen Erfahrungen der Zeitzeugen in der Zeit vor dem
Nationalsozialismus, die "schöne Zeit" in den
NS-Jugendorganisationen und die "harte Zeit" während bzw. nach
dem Zweiten Weltkrieg sind die Themen, über die im Familienkreis
gesprochen wird. Von den Nachfolgegenerationen am häufigsten genannte
Themen sind Erlebnisse und Erfahrungen im Zusammenhang mit der zumeist
sowjetischen Kriegsgefangenschaft eines Angehörigen, die Flucht vor
der herannahenden Ostfront bzw. vor "dem Russen" und Erzählungen
zu den Erlebnissen in den Bombennächten und Luftschutzkellern. Der
Holocaust ist vor allem in Form von moralisch motivierten Anklagen gegenüber
den Zeitzeugen bzgl. ihres Wissens bzw. Mittuns Gegenstand der
Kommunikation. Die Zeitzeugen reagieren hierauf zumeist mit einem Erzählstil,
der ganz im Zeichen der Rechtfertigung des eigenen Verhaltens steht. Dies
führt dazu, daß es nicht zu einer intensiven Diskussion kommt, sondern
starre, auf gegenseitigem Mißtrauen begründete "Fronten"
aufeinanderprallen und die Kommunikation abgebrochen wird. [26]
Auf Seiten der Zeitzeugen überwiegt die
Position, daß die Zeit des Nationalsozialismus entgegen der eigenen
Wahrnehmung heute "anders" gesehen und diskutiert wird. Die
Nachfolgegenerationen hegen in erster Linie Mißtrauen den Darstellungen
der Zeitzeugen gegenüber und vermuten zumeist eine Wahrheit jenseits der
Erzählungen. Dieses Mißtrauen, das z.T. auch bei den Interviewern zu
finden ist, wird aber vornehmlich in den Einzelinterviews geäußert. In
den Gruppendiskussionen kommt es nur selten zu Auseinandersetzungen. Die
Kindergeneration äußert allerdings häufiger, daß sie sich mit
zunehmendem Alter über ein früher zu massives Vorgehen gegen die Eltern-
bzw. Zeitzeugengeneration klar geworden sei. Dieses massive Vorgehen hat
vermutlich Gespräche und damit Erkenntnisse über das Leben und
Handeln der Zeitzeugengeneration und damit über das Funktionieren des
Nationalsozialismus erschwert bzw. verhindert. [27]
Der intersubjektiven Datenproduktion wurde
methodisch hier insofern Rechnung getragen, als auf der pragmatischen
Ebene von Interviewerin bzw. Interviewer direkt induzierte Aussagen extra
gekennzeichnet wurden. Die Textsequenzen, die in entsprechenden
Ergebnisdarstellungen exemplarisch für die jeweilig gebildeten Themen-,
Familien- bzw. Generationsgruppen stehen, sind gemäß der Hermeneutischen
Dialoganalyse interpretiert und stehen zur Überprüfung der Lesart zur
Verfügung (JENSEN 1999, S.56ff). [28]
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Weiterhin zeichnet sich eine Tendenz zur
"kumulativen Heroisierung" von der ersten bis zur dritten
Generation ab. Im Gegensatz zu der geläufigen Hypothese, daß die
Nachfolgegenerationen den Darstellungen der Zeitzeugen prinzipiell
skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen, wird deutlich, daß Angehörige
ein ausgeprägtes Bedürfnis haben, ihre Eltern- bzw. Großeltern zu
anti-nationalsozialistisch eingestellten Menschen zu stilisieren, die
nicht selten auch Widerstand geleistet haben. Diese Stilisierung ist
zumeist in den Erzählungen der Zeitzeugen nicht oder zumindest nicht so
stark angelegt, sondern eine eigene Vergangenheitsdeutung der
Nachfolgegeneration. So wird zum Beispiel die Geschichte eines Zeitzeugen,
der sich nach eigenem Bekunden lieber trotzig zum technischen Dienst der
Luftwaffe meldete, als auf den Vorschlag des "Ortsvorstehers",
eines "großen SS-Mannes", einzugehen, eine Nationalpolitische
Erziehungsanstalt (NAPOLA) zu besuchen, bei der Tochter zu folgendem
Unterdrückungsszenario: Aufgrund der Weigerung "auf diese höhere
Parteischule" zu gehen, "hat man ihm das Leben zur Hölle
gemacht", auch seine Mutter wurde mit Schimpf und Schande überzogen
("Versager, Sohn Drückeberger und so weiter"), was zur Folge
hat, daß sich ihr Vater "ab zur Front meldet" und daraufhin zusätzlich
noch "gezogen" wird. In anderen tradierten Geschichten, die bei
den Nachfolgegenerationen übrig geblieben sind, wird z.B. aus der
antisemitischen Oma, die versucht hat, Einquartierungen von überlebenden
Juden in ihrem Heuschober kurz nach Ende des Krieges zu verhindern
("die Juden waren nachher die Schlimmsten (...) die haben uns richtig
schikaniert"), bei der Enkelin eine Person, die "dann schon mal
irgendwen versteckt hat, der halt geflohen ist von irgend so `nem
Transport" (MOLLER 1998, S.405ff; vgl. MOLLER & TSCHUGGNALL
1999). [29]
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Film als
Lebensgeschichte
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Medial geprägte Deutungsmuster spielen
eine außerordentlich große Rolle im Geschichtsbewußtsein über den
Nationalsozialismus und den Holocaust, und zwar nicht nur bei den
Nachfolgegenerationen, sondern auch bei der Zeitzeugengeneration. Es
lassen sich exemplarisch Fälle beschreiben, in denen Spielfilme ganze
Erklärungsmodelle für die eigene Familiengeschichte liefern. Z.B. dient
in einer Familie der Film "Des Teufels General" mit Curd Jürgens
als General Harras zur Erklärung des mysteriösen Todes des Vaters der
Zeitzeugin. Der Vater, überzeugter Nationalsozialist und
NSDAP-Ortsgruppenleiter seit 1931, verübte unter ungeklärten Umständen
1940 Selbstmord ("er konnte sich mit dem Ortsgruppen/ äh mit dem
Kreisleiter nicht mehr verstehen, und da muß auch irgendwas vorgefallen
sein und äh da hat er sich erschossen"). Seine Tochter, zum
Zeitpunkt des Todes des Vaters 16 Jahre alt, gibt keine weiteren Gründe für
diesen Freitod an, auch die von der Interviewerin geäußerte Vermutung,
er könne sich im Widerstand befunden haben (!), wird nachdrücklich zurückgewiesen.
Statt dessen beginnt die Zeitzeugin im Gruppengespräch gemeinsam mit
ihrer Tochter, anhand der entsprechenden Filmsequenzen der Interviewerin
Aufstieg und Fall der Figur des General Harras respektive des eigenen
Vaters zu erläutern: "Ja, General Harras stürzt, (...), ja, stürzt
denn ab, nich, zum Schluß." Die Geschichte, die sie über den Vater
nicht erzählen kann, wird hier durch eine Parallelgeschichte ersetzt,
wobei sie ihre Nacherzählung entsprechend dem Tod des Vaters mit
dem Ende des Films und von General Harras beginnt. Während der Film die
Problematik der Schuldverstrickung thematisiert und auf eine moralische
Entscheidung hin angelegt wird, erzählt die Zeitzeugin hier zusammen mit
ihrer Tochter eine Geschichte vom Schicksal. In dieser spielt zwar das
Thema der schuldlosen Schuld noch eine Rolle, aber die Lösung wird vom
Schicksal diktiert eine Interpretation von "Des Teufels
General", die in ihrer Parallelisierung zum Fall des Vaters die
Funktion haben kann, dessen Selbstmord und den traumatisierenden Umstand,
daß er ja damit auch die Familie und natürlich die Erzählerin selbst
zurück- und alleinläßt, in etwas Schicksalhaftes zu verwandeln. [30]
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Verschiedene
Vergangenheiten
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Im Ost/West-Vergleich ergeben sich starke
Diskrepanzen in der Wahrnehmung und Deutung von Nationalsozialismus und
Holocaust, was nicht zuletzt auf einen deutlichen Kontrast in den jeweils
genannten Bezugsquellen (Bücher, Spielfilme etc.) zurückzuführen ist. Für
die in der DDR sozialisierten Befragten liegt "über" der
Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus die Erinnerung an den
SED-Staat, was sich in permanenten Vergleichen der Staats- und
Lebensorganisation wiederspiegelt (Partei, Jugendorganisationen, Unterdrückung
und Zwang). Vor allem die Zeitzeugen vergleichen die "Nazis" mit
den "Kommunisten", wobei die letzteren dabei zumeist schlechter
wegkommen, als die "Nazis". Das führt u.a. dazu, daß die
Nachfolgegenerationen sich bzgl. Vorwürfen oder Anklagen gegenüber der
Zeitzeugengeneration im Vergleich zu westdeutschen Befragten noch stärker
zurücknehmen, da sie ja selbst eine Diktatur nicht "verhindern"
konnten. Höhepunkt dieser Positionierung ist, daß die vielfach
wiederholte Beteuerung der Zeitzeugen, sie hätten von Verfolgung,
Deportationen und Massenvernichtung nichts wissen können, fraglos
akzeptiert wird, da man selbst ja auch nicht bemerkt hat, was die
Staatssicherheit in einem drei Straßen entfernten Gebäude gemacht hat.
Bei dieser Untersuchungsperspektive muß ganz besonders dem Umstand
Rechnung getragen werden, daß hier westdeutsche Forscherinnen und
Forscher Menschen aus Ostdeutschland befragen (vgl. WELZER 1993). Ausführliche
Projektergebnisse werden im Herbst 2000 vorliegen. [31]
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Die Forschungsgruppe "Tradierung von
Geschichtsbewußtsein" operiert nicht mit einem
"klassischen" psychologischen Instrumentarium. Da sie aus
Psychologen, Sozialpsychologen, Politologen und Sozialwissenschaftlern
gebildet wird, wurde von Beginn an ein interdisziplinäres Vorgehen
realisiert. Dies spiegelt sich in der Hauptfragestellung der Untersuchung
und den verschiedenen Auswertungsperspektiven wieder. Darüber hinaus hat
sich durch nationale und internationale Tagungen, Workshops und Veröffentlichungen
eine intensive methodische und inhaltliche Diskussion u.a. mit
Historikern, Soziologen und Psychoanalytikern entwickelt. Im Zuge einer
interdisziplinären wissenschaftlichen Konferenz zur Erforschung des
Geschichtsbewußtseins, die die Projektgruppe 1999 in Hannover durchführte
und an der international renommierte Kolleginnen und Kollegen aus den USA,
Kanada, Großbritannien, Israel, Italien und Deutschland teilnahmen, ist
es gelungen, den Ansatz des Forschungsprojektes in die internationale
Fachdiskussion einzubinden und mittelfristig wichtige
Forschungskooperationen sicherzustellen. Daraus resultiert die Bildung
einer "International Society for the Study of Historical
Consciousness" als ein internationales Netzwerk zur Erforschung der
kommunikativen Tradierung von Geschichtsbewußtsein. [32]
Dank für viele Hinweise und fruchtbare
Diskussionen gebührt besonders meinem Freund und Lehrer Harald WELZER,
aber auch meinen Forschungskolleginnen- und Kollegen Sabine MOLLER,
Karoline TSCHUGGNALL, Torsten KOCH und Erika ROTHÄRMEL. Franz BREUER (und
einem anonymen Reviewer) sei herzlich für Anmerkungen zu diesem Beitrag
gedankt.
1) OEVERMANN et al.
sprechen hier von den neun Ebenen 0 bis 8, die achte Ebene wird aber nicht
benannt oder erläutert. <zurück>
2) Der unter 1. aufgeführte
Analysefokus auf die "intrafamiliale Kommunikation" über den
Nationalsozialismus ist für 30 Familien im Rahmen einer Diplomarbeit
(JENSEN 1999) bereits abgeschlossen. Die unter 3. genannten
"Tradierungstypen" stammen aus der Pilotstudie (WELZER et al.
1997) und werden an der Hauptstudie überprüft. <zurück>
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Olaf JENSEN, Diplom-Sozialwissenschaftler;
geb. 1965 in Hamburg; nach dem Abitur Ausbildung zum Maschinenschlosser
und Berufstätigkeit; Studium der Sozialwissenschaften in Hannover; seit
1997 Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Tradierung von Geschichtsbewußtsein"
am Psychologischen Institut der Universität Hannover unter der Leitung
von Prof. Harald Welzer; Diplom 1999; z.Z. Dissertationsprojekt zu den
Strukturmerkmalen des intergenerationellen Sprechens über die
NS-Vergangenheit.
Kontakt:
Forschungsgruppe "Tradierung von
Geschichtsbewußtsein"
Universität Hannover
Psychologisches Institut
Im Moore 21
D - 30167 Hannover
Phone: ++49 511 762 4782, ++49 511 762 4565
Fax: ++49 511 762 5435
E-Mail: Olaf.Jensen@stud.uni-hannover.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Jensen, Olaf (2000, Juni). Zur gemeinsamen
Verfertigung von Text in der Forschungssituation [32 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00jensen-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 30.05.2003
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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