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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Identitäten zum Reden
bringen. Erfahrungen mit qualitativen Ansätzen in einer Längsschnittstudie
Wolfgang Kraus
Zusammenfassung: Der Artikel
berichtet von den theoretischen Fragen und methodischen Wegen im Rahmen
eines 10jährigen Forschungsprojekt zum Thema "Identitätsentwicklung,
Erwerbskarriere und soziales Netzwerk". Im Rahmen dieses Projektes,
das den Ansatz einer Patchwork-Identität vorgeschlagen und
konzeptualisiert hat, ist mit qualitativen Methoden eine Längsschnittuntersuchung
durchgeführt worden. Der Artikel erläutert den eingeschlagenen
methodischen Weg und diskutiert Fragen des Ertrages und den
theoretisch-methodischen Veränderungsprozess im Lauf des Projektes.
Keywords: Identität, qualitative
Methoden, Narration, Längsschnitt, soziale Konstruktion, Kohärenz
1.
Das Projekt
2.
Warum qualitative Methoden?
3.
Patchwork-Identität als forschungsmethodisches Problem
3.1
Fokus "Identität als lebensweltbezogene Konstruktionsarbeit"
3.2 Fokus "Identität als Prozess"
3.3 Fokus "Identitätskonstruktion als Leistung
eines aktives Subjektes"
3.4 Fokus "Identität als Arbeit an der
biographischen Kohärenz"
4. Der methodische
Werkzeugkasten
4.1 Der Rahmen:
Teilstrukturiertes Interview
4.2 Einzelne methodische Elemente im Rahmen des
Interviews
4.2.1 Netzwerk-Karte
4.2.2 Soziographischer Fragebogen
4.2.3 Der Life-Event-Fragebogen
4.2.4 Bildvorlagen
4.2.5 Selbsterzählung als "story line"
4.3 Frageziele und
Methoden im Überblick
5. Erfahrungen
5.1 Lebensweltbezogene
Positionswechsel
5.2 Längsschnitt als Ausschnitt
5.3 Das "aktive Subjekt" sieht sich nicht
immer so
5.4 Disembedding und narrative Kohärenz: There is more
to the picture ...
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1998 haben wir1) an den Universitäten München und Leipzig ein 1989 begonnenes
Forschungsprojekt zur Identitätsentwicklung beendet. Es bestand im
empirischen Kern aus einer Längsschnittstudie, die über drei
Erhebungszeitpunkte in einem Zeitraum von etwa fünf Jahren durchgeführt
wurde. Die von Heiner KEUPP geleitete Untersuchung
trug den Titel "Identitätsentwicklung, Erwerbsverläufe und soziale
Netzwerke junger Erwachsener" und war Teil des von der DFG
finanzierten Sonderforschungsbereiches 333, "Entwicklungsperspektiven von
Arbeit" (vgl. KEUPP & HÖFER 1997, KEUPP u. a. 1999).2) [1]
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Warum qualitative
Methoden
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Unsere Entscheidung für qualitative
Methoden hatte mehrere Gründe3).
Zum einen hatte es in den Jahren vor unserer Antragsstellung explizite
Kritik an den bis dahin in der Identitätsforschung verfolgten
methodischen Strategien gegeben. So bemängelte BOURNE (1978a, 1978b) in
einer sehr umfassenden Zusammenstellung von empirischen Arbeiten der
Identitätsforschung, dass diese Ansätze strukturorientiert statt
prozessorientiert seien. HAUßER (1983, S.177) beklagte die Vorherrschaft
fertig strukturierter, geschlossener Instrumente, die regelmäßig daran
scheiterten, die für die Identitätsbildung zentrale subjektive
Bedeutsamkeit von Selbsterfahrungen zu erfassen. Hinzu kamen Überlegungen
aus der Jugendforschung, in denen von einer "Wahlverwandtschaft von
qualitativer Forschung und dem Arbeitsfeld Jugend" die Rede war
(FUCHS 1988). [2]
Aus unserer
Ausgangsfragestellung ergaben sich weitere Gründe. So hatten wir unsere
Überlegungen zu einer Patchwork-Identität insbesondere in
Auseinandersetzung mit dem Eriksonschen Identitätskonzept entwickelt
(ERIKSON 1966)4).
Wir fragten, ob heute nicht vielmehr die Unabgeschlossenheit von Identitätsprojekten,
das Nebeneinander von verschiedenen Prozessphasen in unterschiedlichen
Lebenswelten charakteristisch für die Identitätsbildung sind. Damit
nahmen wir Bezug auf den zeithistorischen Subtext in seinem Ansatz (vgl.
TAP 1980) und konfrontierten ihn mit aktuellen Analysen der
Subjektkonstruktion. Diese allgemeine These wurde detailliert durch Überlegungen
zum Prozess
der gesellschaftlichen Individualisierung und des
"disembedding" (GIDDENS 1990),
zur
Destandardisierung der Jugendphase,
zur Zunahme
selbstreflexiver Identitätsentwürfe5),
zur
qualitativen Veränderung der Bedeutung von Arbeit für die Identitätsentwicklung
junger Erwachsener. [3]
Solche Thesen zur gesellschaftlichen Veränderungen
der Subjektkonstruktion waren keineswegs unstrittig im Gegenteil.
Insofern befanden wir uns auf einem Forschungsterrain, das theoretisch wie
empirisch noch wenig beleuchtet war und wo die vorliegenden
Forschungsergebnisse unter einem anderen gesellschaftstheoretischen wie
methodischen Paradigma gewonnen worden waren. In einer solchen
explorativen Phase erschien auch den Gutachter/innen ein
qualitativer Ansatz naheliegend. [4]
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Patchwork-Identität
als forschungsmethodisches Problem
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Die Konkretisierung dieser allgemeinen
methodischen Orientierung musste entlang dem Thesengerüst erfolgen, das
oben in groben Zügen vorgestellt wurde. Im wesentlichen ging es
uns darum, die Individualisierungsthese ernstzunehmen und identitätsbezogen
zu überprüfen. Wenn etwa soziale Zugehörigkeiten als Folge des
"disembedding" nicht mehr in dem Maße wie früher identitätsstiftend
sein können, dann muss sich, so unsere Überlegung, dieser soziale Rahmen
der Selbstkonstruktion in die einzelnen Lebenswelten verlagern. Zudem ist
der einzelne weit mehr als bisher selbst als "Konstrukteur"
gefordert. Daraus folgt dann auch, dass diese Selbstkonstruktionen in
hohem Maße individualisiert sind, was wiederum die Frage des sozialen
Bezuges und der Synchronisierung von Lebensläufen (z.B. in
Partnerschaften) komplizieren muss. Und schließlich stellt sich auch die
Frage nach der Kohärenz als einem inneren Gefühl der Stimmigkeit des
eigenen Lebens. Wie lässt sich ein solches Gefühl erleben angesichts der
postulierten Zerrissenheit von Selbsterfahrungen in disparaten Situationen
und Lebenswelten? [5]
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Fokus "Identität als lebensweltbezogene Konstruktionsarbeit"
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Wir gingen mit HAUßER (1983, S.177) davon
aus, dass eine lebensweltlich orientierte Methodik differenziertere und
materialreichere Ergebnisse bringt als die Anwendung von allgemeinen,
alltagsfernen Instrumenten. Auch die genannten Überlegungen der
Individualisierungstheorie legten eine lebensweltliche Orientierung nahe.
Denn danach gewinnen die einzelnen Lebenswelten identitätsbezogen in dem
Maße an Bedeutung, wie andere gesellschaftliche Institutionen (z.B.
Kirche) an Einfluss verlieren. In der empirischen Identitätsforschung im
Gefolge ERIKSONs gab es methodische Überlegungen und Erfahrungen, auf die
wir zurückgreifen konnten. So unterscheidet MARCIA (1966; 1993) die
Lebenswelten Arbeit, Familie und Freunde (Peers). Allerdings war uns
wichtig, uns nicht darauf zu beschränken, sondern methodisch das
Aufscheinen von Lebenswelten zu ermöglichen, die in diesem Kanon nicht
enthalten waren. Dies erschien uns bedeutsam angesichts der Wahrnehmung,
dass "... ein heutiger Jugendlicher in der Regel in eine Vielzahl von
Alltagen verwickelt (ist)" (ZIEHE 1991, S.64). [6]
Es ging uns hier einerseits darum, die
Lebenswelten als Bühne für die Konstruktion von Teilidentitäten zu
erfassen und andererseits um ihre Funktion und Qualität als soziale
Ressource (vgl. AHBE 1997; MITZSCHERLICH 1997). Denn es ist klar, dass die
gesellschaftliche Individualisierung für die einzelnen zwar Chancen und
Risiken schafft, diese aber ungleich verteilt. Die Erhebung der sozialen
Lebenswelten und Ressourcen sollte durch eine Darstellung des sozialen
Netzwerkes ergänzt werden. Instrumente dafür sind von der
Netzwerkforschung in vielfältiger Form entwickelt worden (vgl. KEUPP
1990). Sie erfassen und visualisieren soziale Bezüge. Zudem helfen sie,
diese Informationen im Interview als Orientierungshilfe verfügbar zu
halten. [7]
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Fokus
"Identität als Prozess"
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Wenn man davon ausgeht, dass es sich bei
der Identitätsentwicklung nicht um die Erreichung eines Ergebnisses
handelt, das sodann besichtigt werden kann, sondern um eine nicht
abzuschließende Konstruktionsarbeit, dann ist es richtig, den
Prozesscharakter deutlich werden zu lassen. Längsschnittstudien sind, so
heißt es im eher quantitativ orientierten Forschungskanon, zur Erreichung
folgender Forschungsziele unerlässlich: (1) zur Sicherung von Information
über Entwicklung, (2) zur Sammlung von Informationen über Veränderungen
und Veränderungsmuster (3) um früheres Verhalten mit späterem in
Beziehung zu setzen (4) um frühere Bedingungen mit späterem Verhalten in
Beziehung zu setzen (WOHLWILL 1973, S.140). Dies waren in der Tat Ziele
unseres Forschungsvorhabens. Uns ging es allerdings noch um mehr: Wir wollten nicht einfach einen bestimmten Status zu einem bestimmten Messzeitpunkt abbilden, sondern im Gegenteil, in Interaktion mit den InterviewpartnerInnen (IP) Prozesslinien nachzeichnen, die Entwicklung von
Identitätsprojekten erfassen, ihre Realisierung begleiten und ihre
retrospektive Evaluation/Narration abbilden. Das ging nicht über eine
"Messung" zu drei Zeitpunkten, sondern über eine prospektive,
retrospektive und situative Selbst-Konstruktion, die interaktiv im
Gespräch/Interview stattfinden sollte. [8]
Die Prozessorientierung lösten wir
methodisch durch ein Längsschnittdesign mit drei Erhebungszeitpunkten
ein. Die Frage war, wann diese Erhebungen/Interviews stattfinden sollten.
Wir entschieden uns für eine Orientierung an Lebensereignissen bzw.
Umbruchssituationen: Der Prozess der Entwicklung bzw. des Umbaus von
Identität ist so unsere Überlegung dann am ehesten bzw.
intensivsten von außen wahrnehmbar, wenn das Subjekt sich in einer akuten
Prozessphase befindet. Krisen im Sinne eines inneren Geschehens sind
schlecht voraussehbar, im Sinne eines von außen induzierten
Re-Orientierungsprozesses durchaus. Im Hinblick auf Erwerbsarbeit, dem
zweiten Fokus unseres Projektes, hat die Jugendforschung eine Fülle von
Befunden darüber zusammengetragen, dass die Berufseinmündungsphase in
der Tat eine solche Umbruchsphase darstellt. Dies gilt für die
Entscheidung für einen Beruf, das Finden eines Ausbildungsplatzes, die
ersten Monate dort und schließlich, für das Ende der Ausbildung (samt Prüfung)
und daran anschließend die Wahl bzw. das Finden einer dauerhaften
Arbeitsstelle. Entsprechend befragten wir die jungen Erwachsenen zum
ersten Mal zu Beginn der Berufseinmündungsphase und zum zweiten Mal nach
Beendigung ihrer Ausbildung. Das dritte und letzte Interview hatte keinen
voraussehbaren Umorientierungsimpuls im Visier. Vermutet werden konnte,
dass mit dem vollzogenen Eintritt in die Erwerbsarbeit weitere berufliche
und private Identitätsprojekte für die nächsten Jahre ins Auge gefasst
würden (Partnerschaft, eigene Wohnung). Zudem konnte davon ausgegangen
werden, dass die berufliche Integration nicht für alle erfolgreich
verlaufen würde, also neuerliche Orientierungsprozesse anstünden. [9]
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Fokus
"Identitätskonstruktion als Leistung eines aktives Subjektes"
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Dieser Fokus mag manchen heute trivial
erscheinen. Er ist es nicht, wie etwa HARRÉ (1996, S.144) in einem kurzen
Abriss der Paradigmen der Psychologie der letzten fünfzig Jahre aufzeigt.
Im Gegensatz zur Vorstellung von einem Individuum "in dem" sich
etwas entwickelt, ging es uns darum, den InterviewpartnerInnen die Möglichkeit
zu geben, sich als kompetente Gestalter ihres Lebens zu präsentieren. Aus
unseren Überlegungen zur Individualisierung und zur selbstreflexiven
Biographie6) folgt eine zentrale, aktive Rolle für das Individuum im Sinne
einer "Selbstsozialisation" (HEINZ & WITZEL 1995).
HURRELMANN spricht in diesem Zusammenhang vom aktiv realitätsverarbeitenden
Subjekt (1983). Jugend nicht als etwas passiv zu Erlebendes, das den
aktiven Part den gesellschaftlichen Strukturen zuschreibt (in die
Erwachsenenwelt aufgenommen werden) oder als Ablauf von
physiologischen Prozessen; sie ist vielmehr gestaltbar und gestaltet vom
handelnden Subjekt. Dieses Verständnis der InterviewpartnerInnen als
eines aktiv realitätsverarbeitenden Subjekts sollte, so unsere Hoffnung,
methodisch transportiert werden über
eine Gesprächshaltung:
Der Jugendliche wird als jemand betrachtet, der sein Leben aktiv
gestaltet, nicht nur reagiert, sondern agiert, nicht nur Impulse
aufnimmt, sondern auch setzt.
Metakommunikation
und Reflexion: Die InterviewpartnerInnen sollten immer wieder
aktiv ermuntert werden, Eindrücke der InterviewerInnen zu
kommentieren und zu korrigieren.
Variable
methodische Elemente, die den Wünschen der IP gemäß angepasst
werden (z.B. die "Netzwerk-Karte" zur Erfassung des sozialen
Netzwerkes). [10]
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Fokus
"Identität als Arbeit an der biographischen Kohärenz"
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Die Individualisierungsthese betont die
gewaltige Leistung der Selbstkonstruktion, der sich die Individuen heute
stellen müssen. Die Frage ist, welche Bedeutung angesichts der disparaten
Selbsterfahrungen der Kohärenzbegriff noch haben kann. Vor der Klärung
dieser theoretischen Frage war es für unsere Empirie zunächst einmal
wichtig, Möglichkeiten zu schaffen, um die postulierte Disparität der
Selbsterfahrungen und die Mühsal der Selbstkonstruktion überhaupt
aufscheinen zu lassen. Das erwies sich als schwierige Aufgabe, deren
Komplexität sich erst allmählich in all ihrem Facettenreichtum
erschloss. Wir wollten Identität per Interview, also mittels
Sprache/Sprechen, beforschen, aber die Selbstauskunft ist nicht per se
geeignet zur Mitteilung von Erfahrungen innerer Zerrissenheit. Abgesehen
von Fragen der Offenheit und sozialen Erwünschtheit zeigte sich in einer
Voruntersuchung, dass den einzelnen gelegentlich buchstäblich "die
Worte fehlten" für ihre Erfahrungen der Selbstkonstruktion. Zudem
wurde deutlich, dass Selbsterzählungen ein Kohärenzzwang
innewohnt. Der aber verhindert, so unsere Befürchtung, gerade das, was
uns doch so wichtig war, nämlich die Erfahrungen von Brüchen, von nicht
integrierbaren Facetten der eigenen Identität zur Sprache kommen zu
lassen. Methodisch betrachtet standen wir also vor einem dreifachen Kohärenzdilemma.
Die
Kommunikationssituation erfordert von den PartnerInnen eine
Kompetenzdemonstration in Form einer plausiblen situationsgemäßen
Selbstdarstellung. Kohärenz ist eine zentrale Dimension dabei.
Grundsätzlich
ist zu fragen, ob nicht die meisten etablierten methodische Elemente
ein Kohärenzparadigma transportieren und seine Übernahme durch die
Kommunikationspartner einfordern.
Letztlich sind
auch die InterviewerInnen selbst nicht frei davon, dem gängigen
Identitätsmodell interaktiv immer wieder aufzusitzen. Ihr subjektives
Kohärenzbedürfnis, ihr Bedürfnis nach einer plausiblen
individuellen Geschichte mit einem Anfang und einem zumindest vorläufigen
Ende sichert möglicherweise kommunikativ ein Paradigma ab, das
sie theoretisch in Frage stellen. [11]
Es gibt also eine Vielzahl von Gründen,
warum die für unsere Ausgangsthese so wichtigen Unentschiedenheiten,
Ambivalenzen, Brüche im Identitätsbildungsprozess in der empirischen
Forschung nur schlecht aufscheinen können. Andererseits musste es uns
gerade darum gehen. In methodischer Hinsicht war die Frage, ob es möglich
ist, diese Kohärenzkonstruktionen in der Interviewsituation kommunikativ
quasi zu unterlaufen? Wie bekommen wir eine Chance, auch innere
"Minderheitenpositionen" zu erfassen, d.h. Selbsteinschätzungen,
die die Person zwar zuweilen unter sehr spezifischen Bedingungen
tentativ vornimmt, deren feste Übernahme in ihr
"Skriptreservoir" zur sozialen Präsentation zumindest aktuell
nicht ansteht. Den InterviewpartnerInnen (IP) soll es möglich sein, ja
wir wollten sie ermuntern, Ambivalenzen sichtbar zu machen. Mehrere
Vorgehensweisen erschienen uns insbesondere in ihrer Kombination
sinnvoll:
Gesprächsklima:
Bemühen um vertrauensvolles Klima, Empathie usw. im Sinne der gesprächstherapeutischen
Grundregeln von ROGERS. Die solchermaßen als vertraulich
gekennzeichnete Situation macht andere Präsentationsformen des Selbst
möglich. Diese (aus der Psychotherapieforschung stammenden)
Grundregeln zielen auf etwas, was in der therapeutischen Situation im
Zentrum steht: Sichtweisen auf das eigene Selbst zu explizieren, die
wie verdeckt oder partiell auch immer schon da sind.
Metakommunikation:
Das Problem von Ambivalenzen lässt sich auch durchaus explizit im
Gespräch thematisieren und insofern kommunikativ
"normalisieren" (vgl. z.B. KIHLSTROM & CANTOR 1984).
Interviewstrategie:
Hier bietet sich insbesondere die Technik des Perspektivenwechsels
an. So kann z. B. das Thema "Stellensuche" besprochen werden
aus der Sicht der IP als junge Erwachsene, an die Erwartungen gestellt
werden im Hinblick auf den Entwurf einer individuellen Arbeitsidentität;
oder als Kind, d.h. Mitglied eines familialen Kontextes, in dem Arbeit
in einer spezifischen Weise thematisiert wird; oder auch als Mitglied
einer Clique, in der Arbeit in einer cliquenspezifischen Weise
thematisiert wird; oder schließlich auch als Bewohner einer Region
mit einer regionalspezifischen Arbeitsstruktur. Man könnte auch
sagen, dass aus der (gleichzeitigen) Eingebundenheit in soziale Rollen
im Interview eine themenorientierte Reihung wird. Die Gleichzeitigkeit
von Übereinstimmungen und Widersprüchen, die sich aus dieser
Rollenvielfalt ergeben, wird so nach und nach für die InterviewerIn
und oft so auch erst für die IP thematisierbar.
Methodische
Instrumente: Hier ist die These, dass KommunikationspartnerInnen
im Gespräch viele "Eigensicherungen" einbauen. Wenn die
InterviewpartnerIn spontan agiert, reagiert, dann entsteht vielleicht
eine Offenheit, die zu einer Re-Definition der Kommunikationssituation
führt. Zudem scheint in der Spontaneität vielleicht eine subjektive
Wahrheit auf, die der IP selbst kognitiv so nicht präsent war. Ziel
solcher Methoden ist also in der Regel, durch Spontaneität den
Ordnungszwang zu unterlaufen. Im konkreten Fall entschieden wir uns für
ein Bilderwahlverfahren. [12]
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Der methodische
Werkzeugkasten
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Der Rahmen:
Teilstrukturiertes Interview
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Der Rahmen:
Teilstrukturiertes InterviewAls Rahmen entschieden wir uns für das
qualitative Interview in der Form des problemzentrierten
teilstrukturierten Interviews (KRÜGER-MÜLLER 1990). Wir folgen damit
CLAES in seiner Feststellung, dass " ... das systematische,
themenzentrierte Einzelinterview, orientiert an Themen, die zentrale
Bedeutung für die Entwicklung der adoleszenten Persönlichkeit haben,
offensichtlich die Methode der Wahl ist" (1986, S.186). Die
InterviewerInnen bleiben nicht passiv, sondern versuchen " ... durch
Konfrontation des Erzählten mit Informationen aus anderen Bereichen, oder
Widersprüchen im Interview, durch gezieltes Nachfragen bei Antworten, die
dem Interviewer nicht eindeutig scheinen, möglichst genau herauszufinden
... , was das Gegenüber meint." Dabei ist es besonders wichtig, dass
sich der Interviewer jeglicher Wertung enthält und " ... den
Befragten als alleinigen Experten seiner eigenen Situation
ernstnimmt" (KRÜGER-MÜLLER 1990, S.18). Jedes weitere erklärende
Wort über diese Interviewform ist nach der umfassenden Darstellung
von WITZEL (2000) überflüssig. [13]
Die Themenkomplexe des Interviews leiten
sich, wie schon im Titel des Projektes deutlich wird, aus den zentralen
Begriffen Arbeit und soziales Netzwerk ab. Entsprechend gliedert sich der
Leitfaden in Arbeit, Familie und Freunde/Freizeit. Die Erweiterung um
individuelle Lebenswelten war jederzeit möglich und wurde auch durchgeführt.
Die Selbstwahrnehmung der eigenen Person stellt einen vierten Bereich dar,
der in gewisser Weise von den einzelnen Lebenswelten abstrahiert. Hier
werden eher Bereiche thematisiert, die nicht präzise einer Lebenswelt
zugehörig sind. Dadurch wird es allerdings im Sinne eines
Perspektivenwechsels auch möglich, lebensweltliche Aussagen dazu in
Beziehung zu setzen. [14]
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Einzelne
methodische Elemente im Rahmen des Interviews
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Mit dem Interview-Leitfaden ist der Rahmen
und der Inhalt im wesentlichen bestimmt. Unterstützt wird die praktische
Umsetzung durch einige weitere methodische Elemente. [15]
4.2.1 Netzwerk-Karte
Die Netzwerkforschung hat mittlerweile eine
breite Palette von Detailfragen behandelt und ein großes Spektrum
methodischer Vorgehensweisen entwickelt. Wir haben uns für ein
ichbezogenes Netzwerkmodell entschieden, das die Menge und die subjektive
Bedeutung von sozialen Netzen abbilden soll. Die Netzwerk-Karte ist ein
methodisches Element, das die InterviewerIn zu Beginn des Interviews einführt
und auf das sie sich bei der Abarbeitung der verschiedenen Themenkomplexe
immer wieder bezieht. Sie besteht aus einem Blatt mit sieben
konzentrischen Kreisen. Den Mittelpunkt bildet das "Ich".
Wichtige Dimensionen der Auswertung sind u.a.:
auf der strukturellen Ebene:
Dichte (Ausmaß, in dem die benannten Personen untereinander in Kontakt
stehen), Multiplexität (Ausmaß, in dem Personen in mehreren
Sektoren/Lebenswelten vorkommen), Distanz, Konfliktualität von
Beziehungen,
auf der funktionalen Ebene: das
Hilfesuchverhalten (Relevanz und Nutzung des Netzwerkes zur Lebensführung/Problembewältigung);
die subjektive Gestaltung (das Ausmaß, in dem das Individuum das Netzwerk
gestaltet, umgestaltet, die Qualität von Beziehungen aktiv beeinflusst).
[16]
4.2.2 Soziographischer Fragebogen
Der soziographische Fragebogen (bei WITZEL
2000: "Kurzfragebogen") wird jeweils zu Beginn des Interviews
eingeführt und abgearbeitet. Er enthält eine Reihe von Fragen zur
Person, Biographie und zur jeweils aktuellen Lebenssituation. Er soll die
Vergleichbarkeit der IP mit anderen IP bzw. den Populationen anderer
Studien ermöglichen. Zudem bietet er der InterviewerIn ein
historisch-biographisches Raster als erste Basis zur Einordnung
nachfolgender Ausführungen der IP. [17]
4.2.3 Der
Life-Event-Fragebogen
Der Life-Event-Bogen ist unter der Prämisse
der Nähe zu den individuellen Lebenswelten formuliert. Er bezieht sich
auf die letzten 12 Monate und fragt danach, ob ein Ereignis ("ich war
krank") oder eine Einschätzung ("mir ging es gut")
zutrifft oder nicht. Er wird von der IP selbst ausgefüllt. Die
InterviewerIn überprüft die Antworten auf Klärungsbedarf und bittet
eventuell um Erläuterungen. Der Fragebogen sichert die Vollständigkeit
bei der Erhebung der Lebensereignisse. Er sorgt dafür, dass Bereiche, die
"quer" zu der lebensweltlichen Strukturierung liegen (z.B.
Gesundheit), nicht vergessen werden. Zum anderen ermöglicht er oft überraschende
Offenheiten: Heikle Themen, die im Perspektivenwechsel ausgiebig umkreist
wurden, stehen plötzlich als "factum brutum" im Raum und sind
nicht mehr umgehbar (z.B. "ich hatte mit der Polizei zu tun").
Nicht zuletzt werden damit auch schnelle Vergleiche mit Umfragen aus der
life-event-Forschung möglich. [18]
4.2.4 Bildvorlagen
Die erwähnten Überlegungen zu nicht
kognitiven Methoden führten zur Einführung einer Bilderwahl (im ersten
Interview). Die Verwendung von Fotografien hat eine gewisse wenn auch
keine sehr bedeutsame Tradition in den Sozialwissenschaften (vgl.
BECKER 1981; KRAUS & FRYREAR 1983) und der Selbstkonzept-Forschung
(ZILLER 1991). In unserem Fall handelte es sich um eine Serie mit Bildern
von jungen Frauen und eine mit solchen von jungen Männern. Die
Bildvorlagen halfen insbesondere bei einer Thematisierung von Selbstbild
und Partnerwahl. Das Problem der Interpretierbarkeit angesichts der
Komplexität des Reizmusters "Fotografie" ist für uns kaum von
Bedeutung, da im Interview die InterviewpartnerIn die getroffene Wahl erläuterte,
wir also über einen Text darüber verfügen konnten. [19]
4.2.5 Selbsterzählung
als "story line"
Die story line (vgl. GERGEN &
GERGEN 1988) ist ein Instrument, das nur einmal im letzten Interview
eingesetzt wurde. Sie sollte zusammenfassend die "mythopoetische
Konstruktion" (McADAMS 1985) des einzelnen ermöglichen und als
Narration sichern helfen. Die InterviewpartnerIn zeichnet die Jahre vom
ersten bis dritten Interview als beliebige Linie (häufig als
"Fieberkurve") und erläutert anschließend ihren Verlauf. Die
Aufnahme der story line in das Instrumentarium zeigt im übrigen einen veränderten
Umgang mit der Frage der kohärenten Selbsterzählungen. Nicht
"hinter" den Selbsterzählungen wollten wir die Identitätskonstruktionen
nunmehr aufspüren, sondern "in" ihnen. In gewisser Weise diente
sie auch dazu, den mit dem dritten Interview zuende gehenden Kontakt
zwischen Interviewer und InterviewpartnerIn symbolisch zu einem Abschluss zu bringen. Ein Weg war gemeinsam beschritten, sein Verlauf wurde noch
einmal retrospektiv besichtigt. [20]
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Frageziele und
Methoden im Überblick
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Die Themenbereiche des Interviews: Arbeit,
Familie, Freunde, Freizeit, eigene Person wurden jeweils konkretisiert in
sieben Fragezielen. Diesen können die eingesetzten Methoden zugeordnet
werden. Die Grafik zeigt im Überblick, welche Frageziele mit welchen
Methoden erreicht werden sollen. [21]
Tabelle 1: Frageziele und Methoden [22]
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Frageziel
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Methodisches Element
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Subjektive Faktizität
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Leitfaden, Vergleich von 1., 2. und
3.
Interview
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Empfindung
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Leitfaden, Gesprächshaltung,
Perspektivenwechsel, Life-Event-Liste,
Bilderwahl
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Einschätzungen, moral reasoning
BRUNER 1990),
Begründungsstrategien
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Leitfaden, lebensweltliche
Perspektivenwechsel
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Ressourcenfundus
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Netzwerk-Karte, Leitfaden
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Realisierung von Optionen
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Netzwerk-Karte, Leitfaden
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Eigenbeurteilung von Entwicklung
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gemeinsamer Vergleich von Material
z. B. Netzwerkkarten aus früheren Interviews,
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sense making (BRUNER 1990),
mythopoetische Konstruktionen
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story line
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Lebensweltbezogene
Positionswechsel
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Eine lebensweltorientierte Interviewführung
erwies sich in mehrerer Hinsicht als positiv. Zum einen wurde in der Tat
eine schon von MARCIA verschiedentlich konstatierte Heterogenität und
Ungleichzeitigkeit der Identitätsentwicklung in den einzelnen
Lebenswelten deutlich. Zum anderen ermöglichte das thematische Angebot
von drei lebensweltlichen Bereichen (Arbeit, Familie, Freizeit) im
Interview eine erste Orientierung, die dann noch individuell verfeinert
werden konnte. Hinzu kam, dass die Lebenswelten nicht als separate
Bereiche der Selbstverwirklichung diskutiert wurden, sondern in ihrer Bezogenheit
aufeinander. Arbeit zum Beispiel wurde thematisiert als eigene Lebenswelt,
aber auch aus der Sicht von Familie einerseits und von Freizeit
andererseits. Dieser Perspektivenwechsel auf die einzelnen Bereiche
brachte eine erhebliche zusätzliche Differenzierung der Selbsterzählungen.
Schließlich bewahrt eine solche lebensweltliche Erschließung auch vor
der Gefahr, einen einzelnen Fragekontext vorschnell zu immunisieren gegenüber
dem Gesamt lebensweltlicher Bezüge des Subjektes. Mit Blick auf die
aktuelle Diskussion finden wir in unseren Überlegungen und Erfahrungen
Parallelen zur Theorie des Positioning, wie sie von HARRÉ &
VAN LANGENHOVE (1999) vorgelegt worden ist. [23]
Abgesehen von der Interviewführung spielte
hier die erwähnte Netzwerkkarte eine bedeutsame Rolle. Sie tat zum einen,
was sie tun sollte, nämlich die sozialen Bezüge in den einzelnen
Lebensbereichen zu dokumentieren und ihre Qualität im Sinne von sozialen
Ressourcen zu erfassen. Zum zweiten erwies sie sich als unschätzbares
Mittel, um diese differenzierten Informationen im Interview für die
InterviewerIn überhaupt präsent zu halten. Schon bei zehn Namen wird es
schwierig, zu überblicken, von wem gerade die Rede ist. Das gelingt mit
der in der Netzwerkkarte vorgenommenen Visualisierung wesentlich besser.
[24]
Schließlich war die Netzwerkkarte, die ja
in jedem Interview aufs Neue erhoben wurde, nützlich, um Veränderungen
des Netzwerkes zu erfassen und die Begründungen dafür zu erfragen.
Identitätstheoretisch besonders wichtig fanden wir Fälle, in denen sich
die InterviewpartnerIn an einzelne, ihr früher sehr nahe stehende
Personen gar nicht mehr erinnern konnte. Hier gelangen gelegentlich sehr
differenzierte Einblicke in Versuche der Selbstkonstruktion bzw.
-rekonstruktion. [25]
Der Frage, inwiefern die InterviewerInnen
und das dreimalige, oft mehrstündige, Interview einen eigenen
lebensweltlichen Erfahrungskontext für die Interviewten gebildet haben,
sind wir nicht systematisch nachgegangen. Allerdings deutet vieles darauf
hin, dass dies zumindest bei einzelnen InterviewpartnerInnen der Fall war.
Sie nutzten die InterviewerInnen zur Selbstreflexion und zum Erproben von
Diskurspositionen gegenüber nicht anwesenden Dritten wie gegenüber sich
selbst. [26]
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Längsschnitt als
Ausschnitt
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Längsschnittstudien sind
paradoxerweise wohl meistens "zu kurz". Zum einen
"kommt der Appetit mit dem Essen". Die intensive Teilhabe an
subjektiver Entwicklung lässt einen bedauern, dass die Empirie zuende
geht. Zum anderen lassen sich bei größeren Fallzahlen hier 152
natürlich die individuellen Entwicklungen nicht so ohne weiteres
synchronisieren, wie es ein äußeren Zwängen unterworfenes
Projekt nun einmal erfordert. Individuelles Leben richtet sich eher selten
nach Forschungsdesigns. In manchen Fällen waren wichtige
Weichenstellungen gleich nach dem dritten Interview zu erwarten und ließen
einen bedauern, dass sie keinen Eingang in die Empirie mehr finden würden.
Hier zeigte sich, dass die Verlängerung der Jugendphase bis weit ins
dritte Lebensjahrzehnt hinein reicht, einen Zeitraum, den wir nicht mehr
abdecken konnten. [27]
Abgesehen von diesem allgemeinen Lamento
war die Wahl der Interviewzeitpunkte richtig. Die Berufseinmündungsphase
ist in der Tat eine Zeit großer Umbrüche, wie auch das Ausbildungs-Ende eine Projektierung der nahen Zukunft erzwingt. Die partnerschaftlichen
Projekte waren allerdings nur teilweise gut gestartet. Eine Reihe von
InterviewpartnerInnen hat in diesem Bereich nur sehr rudimentäre
Erfahrungen gesammelt, so dass die entsprechenden Selbstentwürfe noch
wenig erfahrungsgetränkt wirkten. Gleiches lässt sich für die familiale
Ablösung konstatieren. In beiden Fällen gab es aber auch eine Vielzahl
anderer Fälle, in denen intensive Projekte begonnen worden waren. Für
den von unserer Studie abgedeckten Zeitraum zeigen sich also notwendig
unterschiedliche Verläufe der Identitätsbildung, die lebensweltlich zu
differenzieren sind, und im übrigen keineswegs zwangsläufig auf ein
Identity Achievement im Sinne von MARCIA hinsteuern. Im Gegenteil, es gibt
genügend Beispiel dafür, dass sich eine "achieved identity" im
nächsten Interview als aktuelle Quelle der Identitätsdiffusion
herausstellt. Das oben erwähnte allgemeine Bedauern resultierte denn auch
wohl häufig daraus, dass die InterviewerInnen von "ihren"
InterviewpartnerInnen zu einem Zeitpunkt Abschied nehmen mussten, an dem
doch noch soviel Leben von ihnen zu leben und von uns zu erfahren gewesen
wäre. [28]
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Das "aktive
Subjekt" sieht sich nicht immer so
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Wohl kaum ein Fokus kam uns so selbstverständlich
vor und wohl kaum einer führte so schnell zu Irritationen. Eine ganze
Reihe von Jugendlichen weigerte sich, sich als aktive Gestalter ihres
Lebens zu verstehen und darzustellen. Die von einigen Jugendlichen
verwendete Selbstbeschreibung als "Stino": als stinknormalen
Jugendlichen, über den es nichts weiter zu sagen gebe, wurde unser
projektinternes Synonym für diese Art von Selbsterzählungen. Das Leben
als Folge von Zufällen, in dem es keinen benennbaren Akteur gibt,
geschweige denn, dass der Jugendliche selbst sich diese Rolle zuschriebe.
In einem ersten analytischen Zugriff konzentrierten wir uns hier auf den
Ost-West-Unterschied: Den ostdeutschen Jugendlichen, so die
westdeutsche Überlegung, fällt es, geprägt durch eine das Kollektiv
betonende Sozialisation, schwer, sich als Akteure ihres Lebens zu erzählen.
Ihnen liegt es näher, Entwicklungen als zufällig darzustellen und eher
ihre soziale Zugehörigkeit zu betonen denn ihrer Singularität (WALDMANN
& STRAUS 1992). [29]
Beim zweiten Hinsehen allerdings
differenzierte sich die Analyse. Hauptkriterium dafür, sich in einer
Selbsterzählung als gestaltendes Subjekt darzustellen ist wohl das Verfügen-Können
über soziale Ressourcen. Der Befund taugt dann insofern für eine
Differenzierung zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen, als dort in
der Tat im Gefolge der Wende eine ganze Reihe von sozialen Ressourcen
weggebrochen sind. Insofern befruchtete dieser Fokus zum einen unsere
projektinterne Diskussion über die Unterschiede zwischen Ost- und
Westjugendlichen; zum anderen gewann die Frage der sozialen Ressourcen
erheblich an Bedeutung. Ihre Erhebung war zwar ohnehin über die
Lebenswelten und die Netzwerkkarte sichergestellt. Jetzt allerdings wuchs
auch der theoretische Stellenwert dieser Dimension. [30]
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Disembedding und
narrative Kohärenz: There is more to the picture ...
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Die Frage der Kohärenz als Zentralbegriff
einer Identitätstheorie hat uns im Laufe des Projektes intensiv beschäftigt.
Für das Projekt bedeutsame Differenzierungen wurden hier von KRAUS (2000)
mit dem Begriff der narrativen Kohärenz und von HÖFER (2000) mit
dem Begriff des sense of coherence vorgenommen. Auch bezogen auf
die methodische Frage des Umgangs mit dem Kohärenzzwang bei der
narrativen Konstruktion kohärenter Selbsterzählungen hat sich unser
Vorgehen weiterentwickelt. Während wir zu Beginn des Projektes viel darüber
nachgedacht hatten, die mythopoetischen Konstruktionen zu unterlaufen,
ihre Konstruktion in den Interviews gerade zu vermeiden (vgl. 3.4.),
differenzierte sich im Lauf des Projektes unser Verständnis des Erzählprozesses
und damit die Strategie. Hier befruchtete auch die dialogische und
narrative Wende in den Sozialwissenschaften unsere eigene Diskussion (vgl.
SARBIN 1986; 1997; SAMPSON 1993; ANDERSON 1997; STRAUB 1998). Wir kamen
dazu, die narrative Kohärenzproduktion nicht als etwas anzusehen, das es
zu unterlaufen gilt, sondern im Gegenteil sie zu fördern und an dem so
gewonnenem Material dann analytisch anzusetzen. Sprache nicht als Gegner,
der die Suche nach irgend etwas dahinter Liegendem behindert und deshalb
außer Kraft gesetzt werden muss, sondern als der Ort der
Sinnkonstruktion, der als solcher genau der zentrale
Untersuchungsgegenstand ist. Und die Strategien der einzelnen zur narrativen
Konstruktion von Kohärenz galt es dann zu analysieren. [31]
Wenn das Prinzip von Judo ist, die Kraft
des "Gegners" nicht zu blockieren, sondern für die eigenen
Zwecke zu nutzen, so könnte man sagen, dass wir uns zu einem solchen
Verständnis weiter entwickelt haben. Möglich war das, weil die
Interviews immer schon narrativ und argumentativ/begründend
angelegt waren. Ziel war nicht mehr , die Kraft der mythopoetischen
Konstruktionen zu schwächen, sondern im Gegenteil ihre kraftvolle Präsentation
zu fördern und daraus analytisch Kapital zu schlagen.
Zerrissenheiterfahrungen sind nicht in einem Jenseits des Textes, sondern
im Text selbst aufzuspüren. Sie zeigen sich dort z.B.
im Umgang mit
der Zeitperspektive,
im
individuellen Umgang mit der Frage der Auktorialität, d.h. der
Platzierung und Handlungsmächtigkeit der eigenen Person in der
Selbsterzählung,
in der
Zielklarheit,
und im Umgang
mit der Frage der Kausalität in den Selbsterzählungen (vgl. KRAUS
2000, S.229 ff.).7) [32]
Identitäten zum Reden bringen: Das konnte
nicht "Zitronenpresse" heißen, sondern "meaning
making", wie Jerome BRUNER (1990) es bezeichnet hat. Die Empirie
machte uns, eindringlicher noch als die theoretische Diskussion, deutlich, worum es
in den Interviews ging: Um die gemeinsame, interaktive Arbeit an der
Sinnkonstruktion, im konkreten Fall an den Selbst-Erzählungen unserer
InterviewpartnerInnen, als einem dialogischen Unternehmen. [33]
1) Bis zum Abschluss
dabei waren: Thomas AHBE, Wolfgang GMÜR, Renate HÖFER, Heiner KEUPP,
Wolfgang KRAUS, Beate MITZSCHERLICH, Florian STRAUS <zurück>
2) Wir interviewten 152 Männer
und Frauen im Alter von 18 bis 22 Jahren. Wir unterschieden zwei
Fallgruppen. Eine bestand aus Personen mit einem bis dahin
diskontinuierlichen Erwerbsverlauf, die zum Zeitpunkt des Erstinterviews
in Projekten der berufsbezogenen Jugendhilfe waren; die andere Gruppe
bestand aus Auszubildenden des Berufsbildes
"Verwaltungsfachangestellte/r im Kommunalbereich". Die
InterviewpartnerInnen kamen aus vier verschiedenen Regionen, zwei großstädtischen
(München und Leipzig) und zwei ländlichen (Coburg und Mühldorf). <zurück>
3) Die Darstellung
unserer damaligen Überlegungen folgt weitgehend KRAUS & STRAUS 1991.
Alle übrigen Einschätzungen sind meine eigenen. Manche TeamkollegInnen
sehen möglicherweise manches anders. <zurück>
4) Genauer in KEUPP u.a.
1999; kritisch dazu: STRAUB 1991; MEY 1999 <zurück>
5) Für den breiteren
Kontext dieser Einschätzungen vgl. WAGNER 1994; BECK & BECK-GERNSHEIM
1994 <zurück>
6) vgl. STRAUS 1991 <zurück>
7) Die allmählich sich
entwickelnde Narrationsanalyse bietet im übrigen ein ganzes Spektrum von
analytischen Wegen an, wenn hier auch noch viel zu tun bleibt: CZARNIAWSKA
1998; CORTAZZI 1993; DEMAZIERE & DUBAR 1997; LIEBLICH, TUVAL-MASHIACH
& ZILBER 1998; RIESSMAN 1993. <zurück>
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Wolfgang KRAUS, Dr. phil., Studium der Psychologie in Regensburg und Berlin, derzeit wissenschaftlicher Angestellter an der Universität München, SFB
536 "Reflexive Modernisierung" (http://www.sfb536.mwn.de/),
Projekt B 2: "Individualisierung und posttraditionale
Ligaturen". Aktuelle Arbeitgebiete: Narrative Psychologie,
Narrationsanalyse, soziale Konstruktion von Vertrauen, Veränderungen der
Strategien sozialer Verortung.
Anschrift:
IPP
Ringseisstr. 8
D - 80337 München
Tel.: +49 / 089 / 543 59 77 - 2
Fax: +49 / 089 / 543 59 77 - 9
E-Mail: W.Kraus@lrz.uni-muenchen.de
URL: http://www.ipp-muenchen.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Kraus, Wolfgang (2000, Juni). Identitäten
zum Reden bringen. Erfahrungen mit qualitativen Ansätzen in einer Längsschnittstudie
[33 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative
Social Research [On-line Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00kraus-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 03.02.2003
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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