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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Das "themenzentrierte Interview". Ein Verfahren zur
Entschlüsselung manifester und latenter Aspekte subjektiver
Wirklichkeit
Ariane Schorn
Zusammenfassung: In dem Artikel wird das Verfahren des
themenzentrierten Interviews vorgestellt, das sich an die von
LEITHÄUSER und VOLMERG konzipierte Methode der
themenzentrierten Gruppendiskussion anlehnt. Neben dem
forschungspraktischen Vorgehen bei der Erhebung werden die
einzelnen Auswertungsschritte einer vertikalen und horizontalen
Hermeneutik dargelegt und erläutert.
Keywords: themenzentriertes Interview,
tiefenhermeneutische Textinterpretation, vertikale Hermeneutik,
horizontale Hermeneutik, themenzentrierte Gruppendiskussion,
Forschungssupervision
1.
Vorbemerkung
2. Vorgehen bei
der Erhebung (Hermeneutisches Feld I)
3.
Auswertungsmethode
3.1
Forschungspraktisches Vorgehen bei der Erhebung
4. Gütekriterien
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Im folgenden soll das Verfahren des "themenzentrierten
Interviews" dargestellt und erläutert werden, so wie es in
meiner Untersuchung über die Entwicklung der
Vater-Kind-Beziehung zur Anwendung kommt. Der Fokus dieses
Beitrages liegt auf dem forschungspraktischen Vorgehen bei der
Erhebung und Auswertung. Ich gehe ferner auf die methodische
Tradition, in der das themenzentrierte Interview steht, sowie auf
das Erkenntnisinteresse dieses Verfahrens ein. [1]
Da bei der Erläuterung einzelner Verfahrensschritte in
Form von Beispielen auf die genannte Untersuchung Bezug genommen
wird, soll diese kurz beschrieben werden:
Zahlreiche entwicklungspsychologische und klinische
Untersuchungen der letzten Jahre haben die
entwicklungsfördernde Funktion des Vaters hervorgehoben.
Vergleichsweise wenig weiß man jedoch über die
Ätiologie der Vater-Kind-Beziehung sowie über die
(psychologischen) Faktoren und Zusammenhänge, die der
Entwicklung der Vater-Kind-Beziehung förderlich oder auch
abträglich sind. Die Untersuchung: Die Entwicklung der
Vater-Kind-Beziehung (Arbeitstitel) basiert auf der Annahme,
daß bereits während der Schwangerschaft Prozesse
stattfinden, die die spätere Eltern-Kind-Beziehung
"einfädeln". Eine besondere Bedeutung kommt in diesem
Zusammenhang den affektiv bedeutsamen Vorstellungen und
Phantasien zu, die sich auf das entstehende Kind und auf das
künftige Zusammenleben beziehen. In der Untersuchung
interessieren die manifesten und latenten Phantasien werdender
Väter. Mit zehn Interviewpartnern werden jeweils drei
themenzentrierte Interviews geführt, zwei vor der Geburt,
eines im vierten Lebensmonat des Kindes, die tiefenhermeneutisch
ausgewertet werden. [2]
Das "themenzentrierte Interview" lehnt sich an das von
LEITHÄUSER und VOLMERG konzipierte Verfahren der
"themenzentrierten Gruppendiskussion" an (1979, 1988). Es wurde
im Bremer Institut für Psychologie und Sozialforschung
entwickelt und kam bereits in verschiedenen Untersuchungen zur
Anwendung (vgl. SCHORN 1996, LÖCHEL 1997). LEITHÄUSER
und VOLMERG griffen das Gruppendiskussionsverfahren auf, das am
Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelt wurde,
veränderten es jedoch u.a. im Hinblick auf das
Selbstverständnis des Diskussionsleiters. Dieser definiert
sich nicht wie im Experiment als neutraler Beobachter,
sondern nimmt am Diskussionsprozeß teil. Die Abstinenz
eines "neutralen" Beobachters kann als ein starkes
Übertragungsangebot bewertet werden. Sie kann Unsicherheiten
und Irritationen hervorrufen, die es den Diskussionsteilnehmern
erschweren, die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand zu richten, um
den es jeweils geht. Der Versuch hingegen, sich den Modi
alltäglicher Kommunikation anzunähern, kann dazu
beitragen, die Gesprächssituation zu entspannen. Den
Einfluß des Forschenden sowie seine emotionale Verwicklung
in den Forschungsgegenstand gilt es hierbei methodisch
reflektiert zu nutzen. Er ist nur dann eine problematische
Variable, wenn er nicht erkannt, reflektiert und im Hinblick auf
das Thema verstanden wird. Gelingt dies, so können wichtige
gegenstandsbezogene Daten gewonnen werden. [3]
LEITHÄUSER und VOLMERG beziehen sich in dem von ihnen
begründeten Gruppendiskussionsverfahren ferner auf das von
COHN (1978) entwickelte Modell der "themenzentrierten
Interaktion". Dem Diskussionsleiter kommt die Aufgabe zu, eine
"'dynamische Balance' zwischen dem einzelnen, der
Gruppe und einem explizit formulierten Thema" (LÖCHEL 1997,
S.56) herzustellen und aufrecht zu erhalten. [4]
Das themenzentrierte Interview weist einige Parallelen zu dem
von WITZEL entwickelten Verfahren des "problemzentrierten
Interviews" auf (1989). Eine Differenz läßt sich
jedoch z.B. im Hinblick auf das Erkenntnisinteresse ausmachen.
Während es bei WITZEL um eine qualitative Analyse
subjektiver Sinnbezüge geht, zielt das themenzentrierte
Interview darauf ab, neben manifesten auch abgewehrte und latente
Sinngehalte des Kommunizierten zu entschlüsseln. Ein solches
Anliegen macht es notwendig, in einem stärkeren Maße
als dies WITZEL tut, zwischen hermeneutischen Feld I (Erhebung)
und hermeneutischen Feld II (Auswertung) zu differenzieren
(vgl. LÖCHEL 1997). In diesem Zusammenhang gehört
auch, daß der Reflexion des Beziehungsgeschehens in der
Forschungsbegegnung eine große Bedeutung zukommt (Spiegeln
sich latente Aspekte des Forschungsthemas im Beziehungsraum des
Interviews?, vgl. hierzu TIETEL 2000,
in diesem Band). [5]
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Vorgehen bei der Erhebung (Hermeneutisches
Feld I)
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Das themenzentrierte Interview gibt den Interviewpartnern die
Möglichkeit, ausführlich ihre besondere Sichtweise zu
entfalten. Stärker als in einer Gruppendiskussion tritt hier
der einzelne mit seinen im Kontext des Themas gemachten
Erfahrungen und Sichtweisen in den Blick. Es gilt, das Interview
als eine offene Gesprächssituation zu gestalten. Die
Interviews beginnen mit einer kurzen Erläuterung des Themas
der Untersuchung und der Klärung des Interviewrahmens
(Dauer, Ablauf, Zusage der Vertraulichkeit usw.). Die
Interviewpartner werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie
nicht (wie möglicherweise erwartet) mit einem zuvor
erstellten Fragenkatalog konfrontiert werden, sondern vielmehr
die Möglichkeit haben, das, was ihnen im Hinblick auf das
Thema wichtig ist, entfalten und darstellen zu können. Das
Interviewthema wird anhand einer zuvor formulierten Leitfrage,
die gut leserlich plaziert wird, präsent gehalten.
Beispiel:
"Was bedeutet es für Sie, Vater zu werden?"
[6]
Die Leitfrage sollte so formuliert werden, daß sie
einerseits offen genug ist, ein frühzeitiges Versanden oder
gar Abbrechen des Gesprächs zu verhindern, zugleich aber
nicht so offen oder vage angelegt sein, daß sich die
geäußerten Einfälle und Gedanken ins Uferlose
verlieren würden. Der Interviewer bemüht sich, den
Ausführungen und Einfällen der Gesprächspartner
mit Bestätigung und Spiegelung des Gesagten sowie mit
Klärungs- und Vertiefungsfragen zu folgen. Wenn das
Gespräch zu versanden droht, wird der
Gesprächsfluß durch weitere vom Interviewer
eingebrachte Fragen unterstützt.
Beispiel:
"Was war für Sie als werdender Vater in den letzten
Wochen/Monaten besonders wichtig?" [7]
Die Interviews enden mit der Frage, ob es noch etwas gibt, was
noch nicht oder nur am Rande zur Sprache gekommen ist, dem
Interviewpartner aber im Zusammenhang des Themas wichtig ist.
[8]
Unmittelbar nach dem Interview wird ein Postskriptum erstellt,
in dem erste Eindrücke festgehalten werden. Hierzu
gehören sowohl Einfälle und Gefühle, die sich auf
die Person des Interviewpartners beziehen als auch solche, die
den Interviewer selbst betreffen. Von besonderem Interesse ist
aber auch das, was gewissermaßen "zwischen" den Akteuren
stattfand (ihre Interaktion, die
Gesprächsatmosphäre/-dynamik, spezifische "Szenen"
usw.).
Beispiel:
Herr P. begrüßt mich mit einem festen
Händedruck. Als wir uns setzen und ich damit beginnen
möchte, noch einmal den Rahmen des Interviews zu
thematisieren, schlägt Herr P. vor, sich zu doch zu duzen.
Dies fände er für sich stimmiger. Etwas perplex und mit
dem Gefühl ein bißchen überrumpelt zu werden,
willige ich ein ... [9]
Dem Interview schließt sich eine (kollegiale)
Supervision an, in der Inhalte desselben sowie Eindrücke und
Gefühle, die im Zusammenhang mit dem Interview stehen,
thematisiert werden können. Die forschungsbezogene
Supervision ist neben dem Postskriptum eine wichtige Hilfe, um
latente Aspekte des Forschungsthemas aufzuspüren. Sie kann
dazu beitragen, das Geflecht von Übertragungen und
Gegenübertragungen, das in einer Interviewsituation wirksam
wird, einer Reflexion zugänglich zu machen. Die
forschungsbezogene Supervision kann als ein erster
Auswertungsschritt aufgefaßt werden.
Beispiel:
Auf Wunsch von Herrn D. führe ich mit ihm das erste
Interview in seinem Haus. Seine Frau ist in der 33.
Schwangerschaftswoche. Am Ende des Interviews erläutert er
noch einmal zusammenfassend, daß sich für ihn
eigentlich wenig verändert habe, und daß dies der
Grund sei, warum ihn der Umstand, daß er Vater wird,
aktuell kaum beschäftige. Das Einzige wäre halt,
daß er einen Gartenteich angelegt hätte. Mir "rutscht"
heraus, daß dies ja was zum Reinfallen sein könne. In
der Forschungssupervision überlege ich, diese Sequenz
auszusparen. Unangenehm sind mir weniger die besagten Worte, als
die aggressiven Phantasien, die mir in dem Moment, als Herr D.
von seinem Gartenteich zu sprechen begann, in den Sinn kamen:
Herr D. hatte für einen kurzen Augenblick für mich
seine Harmlosigkeit verloren. Ich möchte nicht, daß
die Supervisorin hier auf einen ähnlichen Gedanken kommt,
möchte diese Seite meines Forschungsmaterials (mir fallen
ähnliche Beispiele ein), wie dann in der gemeinsamen
Reflexion deutlich wird, am liebsten "löschen". Meine
Gesprächspartner und ich teilen hier möglicherweise ein
soziales Tabu: Aggressive Phantasien und Regungen, die sich auf
das Kind beziehen, sind sozial anstößig und
müssen verborgen bleiben. [10]
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Die Auswertung der themenzentrierten Interviews lehnt sich an
das von LEITHÄUSER und VOLMERG entwickelten Verfahren der
tiefenhermeneutischen Textinterpretation an (1979, 1988).1) Mit
Einwilligung der Gesprächspartner werden die Interviews auf
Tonband aufgenommen. Diese Tonbandaufzeichnungen werden
transkribiert, wobei auf eine möglichst wortgetreue
Transkription geachtet wird. Das schließt die
Kenntlichmachung von längeren Gesprächspausen,
paraverbalen Zeichen ("ähm", "hm") und emotionale
Kommentierungen (z.B. Lachen) mit ein. [11]
Eine tiefenhermeneutische Textinterpretation zielt, wie
gesagt, darauf ab, mehr als die manifesten Sinngehalte eines
Textes zu verstehen. Sie intendiert, auch Vorstellungen und
Phantasien zu erschließen, die dem Bewußtsein des
Sprechers nicht unmittelbar zugänglich sind. Es geht hier
nicht zuletzt um die aus der expliziten Sprache ausgeschlossenen
latenten Sinngehalte eines Textes, um die "psychosozialen
Strukturen und Mechanismen, die das sprachliche Geschehen
gleichsam als ihre Unterwelt bewegen" (LEITHÄUSER &
VOLMERG 1988, S.253). LEITHÄUSER und VOLMERG (a.a.O.)
unterscheiden zwei Wege der Auswertung. Eine
Auswertungsperspektive ist die "vertikale Hermeneutik". Hierbei
handelt es sich um Einzelfallanalysen, die auf die
ausführliche und detaillierte Interpretation eines "Textes"
abzielen und insofern in besonderer Weise auf die
Komplexität und Dynamik, die jedem Interview inhärent
ist, einzugehen vermögen. Einzelfallanalysen haben den
Vorteil, daß die im Zusammenhang des Forschungsthemas
relevanten Erfahrungen, Sichtweisen und Vorstellungen eines
Interviewpartners vergleichsweise ausführlich und auf die
Dynamik eines Interviews bezogen (An welchen Stellen taucht ein
bestimmtes Thema auf, was stößt dieses an usw.?)
Gegenstand werden können. Dies macht es leichter, latente
Sinnzusammenhänge zu erschließen und komplexe
Interpretationsfiguren zu entfalten. Ein zweiter Auswertungsweg
löst sich aus dem Kontext eines einzelnen Interviews. Aus
der Gesamtheit aller Interviews werden hier ausgesuchte
Themenfelder einer genauen Betrachtung unterzogen ("horizontale
Analyse"). Interpersonelle Gemeinsamkeiten und Differenzen
hinsichtlich bestimmter Phantasien, Vorstellungen, Erfahrungen
und Sichtweisen können hier herausgearbeitet werden.
[12]
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Forschungspraktisches Vorgehen bei der
Auswertung
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Im folgenden werden zunächst die Auswertungsschritte
einer vertikalen Hermeneutik dargelegt und erläutert, so wie
sie in der genannten Untersuchung Anwendung finden.
Anschließend die einer horizontalen Hermeneutik. [13]
1. Zunächst wird eine kurze zusammenfassende
Nacherzählung des Interviews erstellt. Diese gibt einen
Überblick über die Inhalte, die im Interview
thematisiert wurden, und hilft, zentrale Themen und damit auch
erste Interpretationsschwerpunkte identifizieren zu
können.
Beispiel:
Das erste Interview mit Herrn D.: Ob er und seine Frau
einmal Kinder haben möchten, scheint für Herrn D. keine
große Frage gewesen zu sein. Vor diesem Schritt sei jedoch
die finanzielle Absicherung wichtig gewesen. Von seinen Freunden
sagt er, daß diese "vorgelegt" hätten, seine Eltern
würden ihn hinsichtlich dieses Themas schon länger
bedrängen. Reizvoll an einem Kind sei für ihn, so etwas
wie eine zweite Kindheit erleben zu dürfen. Ihm sei es egal,
ob es ein Mädchen oder ein Junge wäre, "drehen"
könne man daran ja sowieso nichts. Daß er Vater werden
wird, sei für ihn zu diesem Zeitpunkt noch eher unwirklich.
Herr D. fragt sich, ob er "reif" genug und der Verantwortung
gewachsen ist ("bringe ich das, was ich von meinen Eltern
erwartet habe?"). Er erzählt, daß er es schwierig
fand, als Kind zu seinem Vater Kontakt zu finden. Im Alltag
spiele der Umstand, daß er und seine Frau Eltern werden,
noch keine Rolle, insgesamt mache er sich im Gegensatz zu seiner
Frau darüber wenig Gedanken. Greifbarer sei seine Arbeit, da
werde er gebraucht ... [14]
2. In einem weiteren Schritt wird der vorliegende Text
sorgfältig auf für das Forschungsthema relevante
Äußerungen und Gesprächssequenzen hin untersucht.
Als relevant gelten die Textstellen, die sich in ihrem manifesten
Gehalt auf das Erkenntnisinteresse der Untersuchung beziehen. Von
Interesse können aber auch Textstellen/-passagen sein, die
nicht unmittelbar auf die Forschungsfrage Bezug nehmen. Eine
besondere Beachtung finden diese dann, wenn sie auf eine starke
emotionale Beteiligung der Gesprächspartner (damit sind
Interviewer und Interviewter gemeint) hinweisen oder Irritationen
hervorrufen. Die Äußerungen und
Gesprächssequenzen, die bei dieser "Sichtung" hervortreten,
werden markiert, dem Text entnommen und zu einem neuen
zusammengefügt. Hierbei wird auch nach natürlichen
Verallgemeinerungen im Text gesucht, die mit LEITHÄUSER und
VOLMERG als Kernsätze bezeichnet werden können. Ein
Kernsatz ist ein signifikanter Satz eines Textes, in dem sich
zentrale Erfahrungen, Sichtweisen, Positionen und
Handlungsmaximen zu einer markanten Begrifflichkeit verdichten.
"Kernsätze sind (..) natürliche Verallgemeinerungen im
Fluß der Diskussion. Sie fassen meist einen
Diskussionsabschnitt zusammen" (VOLMERG, SENGHAAS-KNOBLOCH &
LEITHÄUSER 1986, S.271).
Beispiel:
I.: "Wenn Sie es sich aussuchen könnten, hätten
Sie lieber ein Mädchen oder einen Jungen?"
Herr P.: "Beides."
I.: "Beides?"
Herr P.: "Beides, ich glaube im Moment erstmal ´n
Mädchen. Vielleicht auch einfach nur zu sagen, so´n
Mädchen, ja gut, das.. Ein Jungen, den muß man dann
zwangsläufig, ´n Junge ist eigentlich mehr der Mutter
selbst, ich will nicht sagen zugeordnet, aber doch hängt
doch mehr an der Mutter. Vielleicht, sag ich mal, sagt mir auch
irgendwas tief in mir drin, ´n Mädchen orientiert sich
vielleicht doch ´n bißchen mehr zum Vater, kann auch
sein." (1/9) [15]
Die Textstellen, die dem Interview entnommen werden, werden
jeweils mit einem Stichwort überschrieben, das das darin zum
Ausdruck kommende Thema möglichst treffend bezeichnet.
Beispiel:
"Ein Mädchen orientiert sich mehr zum Vater hin"
(Stichwort für die oben genannte Textpassage), "Einem Sohn
muß man als Vater ein perfektes Vorbild sein",
"Mädchen sind umgänglicher". [16]
3. Der "Text", der das Resultat des letzten Arbeitsschrittes
ist, wird anschließend weiter gegliedert. Hierzu werden die
Textstellen zusammengestellt, die in ihrem manifesten und
latenten Gehalt einem Themenfeld zugeordnet werden können.
Für dieses wiederum gilt es ein Stichwort zu finden, das den
thematischen Sinnzusammenhang verdeutlicht.
Beispiel:
"Ich hätte gerne eine Tochter, weil ...". [17]
4. An dieser Stelle angelangt, geht es
darum, die so extrahierten Äußerungen und Textpassagen
einer detaillierten Analyse bzw. Interpretation zu unterziehen.
Alltagssprache und mit der haben wir es in den Texten zu tun
zeichnet sich dadurch aus, daß sie fragmentarisch und
mehrdeutig ist.2) Das heißt, daß der
Sinn einer Äußerung nur scheinbar sofort
zugänglich ist und somit auch, daß
Verstehensanstrengungen notwendig werden. Die wissenschaftliche
(Text-) Interpretation knüpft an alltägliche,
gewissermaßen intuitive Verstehenswege an, setzt jedoch
unser alltagspraktisches Regelwissen systematisch ein. Für
die Forschungspraxis bedeutet dies, daß der Forscher Fragen
an den Text stellt (Sinnerschließungsfragen), die die
Aufmerksamkeit auf verschiedene Sinnschichten eines Textes/einer Textpassage richtet und deren Sinngehalt zu
erschließen hilft (vgl. LEITHÄUSER & VOLMERG 1988,
S.259):
Mit der interpretationsleitenden Fragestellung "Worüber
wird gesprochen?" wird der sachliche Gehalt eines Textes
erschlossen (logisches Verstehen).
Mit der Frage "Wie wird miteinander gesprochen?" soll der
Beziehungsgehalt des Gesprochenen ermittelt werden
(psychologisches Verstehen).
Im szenischen Verstehen richtet sich die Aufmerksamkeit auf
die Art und Weise der Rede. "In welcher Art und Weise (wie) wird
worüber gesprochen?", heißt hier die
interpretationsleitende Fragestellung.
Das tiefenhermeneutische Verstehen
schließlich fragt danach, warum in dieser Weise gesprochen
wird. Mit der Sinnerschließungsfrage "Warum wird wie
worüber gesprochen?" sollen die latenten, nicht
bewußten Intentionen und Bedeutungen entschlüsselt
werden.3)
Interpretationsbeispiel (2. Interview, 32.
Schwangerschaftswoche):
Herr J.: "Es ist schon viel näher gekommen, zappelt ja
auch wie verrückt. Man sieht das erstens und kann es auch
fühlen dann. Auch unterscheiden, das ist ´n Arm,
´n Bein oder es tritt so, es boxt. Also, das ist schon so,
es drängt so langsam aber sicher in die Realität. Ja
und das hat sich schon gewandelt."
I.: "Und wie erleben Sie das? Wie ist das für
Sie?"
Herr J.: "Das ist gut. Man kann sich also jetzt schon
richtig vorstellen, daß da so ´n kleiner Mensch drin
ist, der irgendwann dann endlich raus kommt und nicht nur mehr so
abstrakt. Also am Anfang war es ja immer nur der Bauch wird nach
und nach ein bißchen dicker. So richtig darunter vorstellen
konnte man sich noch nichts. (..) Doch, das ist schon richtig
konkret, nicht mehr so abstrakt." (2/4)
Herr J. beschreibt hier eine für ihn deutlich
wahrnehmbare Veränderung. Zum Zeitpunkt unseres ersten
Gespräches (22. Schwangerschaftswoche) war es für ihn
eine abstrakte Realität, daß im Bauch seiner Frau ein
Kind heranwächst. In seinem Erleben war der dicker werdende
Bauch nicht oder nur in bestimmten Momenten mit der Tatsache
vermittelt, daß sich in diesem ein Kind entwickelt. Dies
scheint sich verändert zu haben. Sprach Herr J. noch im
letzten Interview davon, daß "etwas" gegen den Bauch
stoßen würde, wenn er die Hand darauf lege (ohne
diesen haptischen Kontakt schien der Bauch leer zu sein), so
spricht er hier von einem kleinen Menschen, den er sich im Bauch
seiner Frau vorstellen könne. Aus einem eher diffusen
"etwas" ist ein zu diesem Zeitpunkt nicht näher
bestimmtes Subjekt geworden. Ursache der genannten Differenz
scheinen vor allem Wachstumsprozesse und Entwicklungsschritte des
Fötus selber zu sein. Vitale Bewegungen des Kindes zeichnen
sich mittlerweile auch für den außenstehenden
Betrachter ab, geben dem Baby Kontur und unterstützen Herrn
J., sich über den Seh- und Tastsinn vermittelt, der
Realität des Kindes zu vergewissern. Herr J. kann das Baby
ertasten. Er scheint sogar verschiedene Körperteile wie Arme
oder Beine unterscheiden zu können. Baby und Frau werden
damit vermutlich auch als etwas tendenziell Getrenntes, als
voneinander abgrenzbare Subjekte wahrnehmbar. Herr J.
erzählt, daß das Kind "langsam aber sicher" in die
Realität dränge, sich also bemerkbar macht.
"Realität" scheint hierbei einen doppelten Charakter zu
haben: Das Baby "schiebt" sich gewissermaßen in die
äußere Realität und damit auch zunehmend in die
psychische Realität von Herrn J.. Sich dessen wiederum
gewahr zu werden, scheint für Herrn J. auch entlastend zu
sein. [18]
Die horizontale Auswertung folgt den dargelegten
Auswertungsschritten bis zum Punkt drei. An dieser Stelle wird
ein weiterer Arbeitsschritt eingefügt (3b), dem sich dann
das unter Punkt vier beschriebene Vorgehen anschließt: Es
wird ein Raster erstellt, in das differenziert nach
Untersuchungsteilnehmer und Untersuchungszeitpunkt (hier:
Interview 1, 2 oder 3) die Stichworte eingetragen werden, die
im dritten Arbeitsschritt herausgearbeitet wurden. Dieses Raster
gibt einen Überblick über relevante Themenfelder, die
dann im einzelnen eingehender untersucht werden können.
Beispiel:
Da in nahezu allen Interviews, die in der Zeit vor der
Geburt des Kindes geführt wurden, das (mögliche)
Geschlecht des Kindes Thema war und in diesem Zusammenhang ein
Vielzahl von Vorstellungen und Phantasien geäußert
wurden, entschloß ich mich, dieses Thema zu einem
Gegenstand der horizontalen Auswertung zu machen. [19]
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VOLMERG, SENGHAAS-KNOBLOCH & LEITHÄUSER (1986)
beschreiben Erhebung und Auswertung als zwei aufeinander bezogene
hermeneutische Felder, denen jeweils spezifische
Gütekriterien entsprechen. Im hermeneutischen Feld I ist ein
zentrales Kriterium, ob ein tragfähiges Arbeitsbündnis
zwischen Interviewer und Interviewtem zustande gekommen ist. Ein
solches ist zwar kein Garant für die Aufrichtigkeit und den
Wahrheitsgehalt des Geäußerten, gleichwohl aber eine
Voraussetzung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die
Reflexion der Beziehungsdynamik, so wie sie sich in dem Kontakt
zwischen den jeweiligen Akteuren hergestellt hat. Hilfreich ist
hier das Postskriptums sowie das Wahrnehmen von (kollegialer)
Supervision. Bezogen auf das hermeneutische Feld II gilt es, den
Prozeß der Erhebung und Auswertung darzulegen und die
Regeln, die diesem zugrunde liegen, zu explizieren.
Interpretationen werden möglichst durch wörtliche
Interviewzitate belegt. Der Leser sollte diese nachvollziehen und
auf ihre Plausibilität und Stimmigkeit hin
überprüfen können. Die Interviewzitate sind so
ausführlich, daß es dem Leser gegebenenfalls auch
möglich ist, eigene Schlüsse zu ziehen und alternative
Lesarten zu entwickeln. Die Gültigkeit einer Interpretation
wird im Forscherdiskurs überprüft. Hier geht es um die
Plausibilität, Stimmigkeit und Nachvollziehbarkeit einer
Interpretation. Diese Rückmeldungen sind nicht nur ein
wichtiges Korrektiv, sie geben auch wichtige Anregungen für
ergänzende oder alternative "Lesarten". Die
Realitätshaltigkeit der Forschungsergebnisse hängt
nicht zuletzt davon ab, ob der gewählte methodische Zugang
dem Gegenstand der Untersuchung angemessen ist. [20]
1) Es ist in diesem Rahmen nicht
möglich, ausführlich auf Differenzen und Modifikationen
einzugehen. Hinzu kam die zusammenfassende Nacherzählung der
Interviews, zurückgenommen wurde die Bedeutung der
Kernsätze und hervorgehoben die Bedeutung der Szene.
Unterschiede gibt es auch hinsichtlich der Clusterung der (in
diesem Falle) Interviewtexte.
<zurück>
2) Eine auf den ersten Blick banale und
unmißverständliche Äußerung wie "es ist
kalt", kann über eine bloße Feststellung hinaus
verschiedene Bedeutungen haben. Wer feststellt, "es ist kalt",
der möchte möglicherweise dazu auffordern, die Heizung
anzumachen. Die Feststellung "es ist kalt" kann aber auch eine
Beziehungsaussage enthalten (in deiner Nähe ist mir kalt).
<zurück>
3) Wenn möglich, sollte die Auswertung
eines Interviews durch die Person erfolgen, die dieses auch
geführt hat. <zurück>
Cohn, Ruth (1978/1975). Von der Psychoanalyse zur
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Psychodynamik und Geschlechterdifferenz in der Beziehung zum
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Schorn, Ariane (1996). Scham und Öffentlichkeit.
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Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00tietel-d.htm
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(S.227-255). Heidelberg: Asanger.
Ariane SCHORN, geb. 1964, Dr. phil., Dipl.-Psych.,
Hochschulassistentin an der Universität Bremen, Institut
für Psychologie und Sozialforschung, Arbeitsschwerpunkte:
Entwicklungspsychologie, analytische Sozialpsychologie,
qualitative Sozialforschung, Supervision, Konzeption u.
Durchführung psychologischer Weiterbildungsseminare.
Dr. Ariane Schorn
Institut für Psychologie und Sozialforschung (IPS)
Universität Bremen, FB 11
Grazer Str. 2c
D 28359 Bremen
Tel.: (49) / 0421 / 218 - 3067 o. 0421 / 218 / 3079 (Sekr.)
Fax: (49) / 0421 / 218 - 4976
E-Mail:
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Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Schorn, Ariane (2000, Juni). Das "themenzentrierte Interview".
Ein Verfahren zur Entschlüsselung manifester und latenter
Aspekte subjektiver Wirklichkeit [20 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
[On-line Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00schorn-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 30.05.2003
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