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Prof. Dr. Rudolf Schmitt, Diplom-Psychologe dienstlich: Hochschule Zittau / Görlitz, Fachbereich Sozialwesen Brückenstr. 1, 02826 Görlitz, Tel.: 03581 / 4828 - 128 privat: Tübinger Str. 4, 10715 Berlin, Tel.: 030/4522943 Klosterplatz 16, 02826 Görlitz, Tel.: 03581/413817 E-mail: r.schmitt@hs-zigr.de
... "Aber Metaphern muß man erfinden können, und das ist nichts für einen Bauern wie mich ... " (Umberto Eco, Die Insel des vorigen Tages, 1995, S. 103)
Fragmente eines kommentierten Lexikons der Alltagspsychologie: Von lichten Momenten, langen Leitungen, lockeren Schrauben und anderen Metaphern für psychische Extremzustände.
Übersicht Warum Metaphernanalyse - Hirn-Gespinste - Umwege - Exkurs: Handeln und Metaphorik - Höhen und Tiefen - nicht dicht - Exkurs: Denken und Metaphorik - armer Irrer - Lampenbauer - lockere Schrauben - Wachsen und Welken - Psychohygiene - heiße Köpfe - Leib und Seele - Exkurs: Psyche und Faschismus - Bühne des Lebens - Mondsüchtige - Besessenheit - Kleider - Gleichgewicht - Krieg - Schule - Gesellschaft - Geometrie - Schuld - Haus - lange Leitungen - Methodisches.
0. Warum Metaphernanalyse? In der Arbeit mit Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen bin ich immer wieder auf Worte gestoßen, die in konzentrierter Form Lebenslagen und ihre ProtagonistInnen benannten; als Beispiel nehme ich eine Situation aus einer Gesprächsgruppe in einem Gefängnis. In einer Sitzung war mir aufgefallen, dass ein bisheriger Teilnehmer fehlte; ich erhielt auf meine Frage, ob jemand wüsste, warum er fehle, die abschätzige Antwort, er sei ein "Lampenbauer" gewesen. - Alle in dem kahlen Raum hatten verstanden - bis auf mich, den Psychologen: Was ist ein "Lampenbauer"? Es ist, so erfuhr ich, jemand, der in einem Gefängnis dem Wachpersonal Geheimnisse der Inhaftierten verrät, ihnen sozusagen "ein Licht aufsteckt"; der Verdacht, ein Lampenbauer zu sein, reicht aus, um misshandelt zu werden, und auch in diesem Fall hatte die Gefängnisleitung ihren Informanten zu spät in ein anderes Gefängnis verlegt. Das Wort "Lampenbauer" also - wirft ein Licht auf den Kosmos der Machtverhältnisse in Gefängnissen, - enthält eine Ethik, wie man sich zu verhalten hat, - enthält die Beschreibung eines Menschen, noch zu denen zu gehören, die "im Dunkeln stehen" (und von denen schon Brecht von Mackie Messer sagt, das man sie dort nicht sieht), nun aber ins (öffentliche) Licht wollen, - greift ein auch uns geläufiges Schema von Dunkel und Hell auf, das auch wir auf die unterschiedlichsten Verhältnisse metaphorisch übertragen, ob wir nun "dunkle" Vergangenheiten "aufklären" oder resignieren und bei "schwarzen Schafen" tatsächlich nur noch "schwarz sehen". Die Untersuchung von Metaphern ist, so legt diese Geschichte nahe, gleichbedeutend mit der Frage nach individuellen und kollektiven Denkmodellen. Wer sich forschend mit dieser Bedeutungsseite von menschlichen Äußerungen beschäftigt, sieht sich inzwischen einer Vielzahl qualitativer Forschungsverfahren gegenüber; am Ende des Aufsatzes werden Verbindungen zu diesen diskutiert. Die Metaphernanalyse, so viel sei hier vorweggenommen, beansprucht für sich, die Verbindungen von Sprache, Bewusstsein und kollektiven wie individuellen Bildern für Interaktionen, Gefühle und Kognitionen rekonstruieren zu können. Ursprünglich waren in einer Studie zur Selbststeuerung von HelferInnen im psychosozialen Bereich metaphorische Komplexe exploriert worden (Schmitt 1995); dabei fiel auf, dass diesen Metaphern des Helfens gleichsinnige Metaphern für psychische Krisen und Krankheiten korrespondierten. Es bot sich an, die Analyse von Metaphern auf drei Ebenen zu betreiben: a) Rekonstruktion der Metaphorik einzelner Menschen, z.T. in biographischer oder therapeutischer Absicht b) Rekonstruktion der für eine soziale Gruppe oder ein Thema typischen Metaphorik c) Rekonstruktion der kulturell üblichen Metaphorik eines Themas. In der genannten Arbeit war die Rekonstruktion individueller und gruppenspezifischer Metaphoriken versucht worden; es wurde dabei deutlich, dass eine Interpretation dieser Metaphern auf die Einbettung derselben in den kulturellen Kontext nicht verzichten kann - erst dieser erlaubt es uns, das Vorkommen wie das Fehlen bestimmter Metaphoriken als auffallend und interpretationsrelevant einzuschätzen. Um die kulturelle Breite der metaphorischen Beschreibungen eines Phänomens zu erfassen, wurden in einem weiteren und hier vorzustellenden Schritt aus möglichst verschiedenen Quellen (Interviews, Alltagsbeobachtungen, Therapiegespräche, Synonymlexika, Zeitungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen) metaphorische Formulierungen zum Thema gesammelt. Sie lassen sich in metaphorischen Modelle zusammenfassen; die oben zitierten Metaphern vom "Lampenbauer" bis zum "schwarzen Schaf" könnten verdichtet werden zu:"Soziale und psychische Integration ist hell, Desintegration dunkel". Solche Formulierungen eines metaphorischen Konzepts sind Ergebnis hermeneutischer Rekonstruktion von Sinn- und Bildzusammenhängen. Daher ist eine solche zusammenfassende Beschreibung in einem Satz nur der vorläufige Versuch einer Benennung - ein Versuch, der gleichermaßen einen bestimmten kulturellen Kontext, einen methodischen Zugang und den Erkenntnisstand des Interpreten spiegelt1. Dörner hat z.B. für die Zeit nach 1750 ein sehr spezifisches metaphorisches Modell elaboriert: Im "Saitenmodell der Nerven" (ders. 1984/123f) werden die nach 1750 in die wissenschaftliche und öffentliche Wahrnehmung getretenen Nervenstränge als Saiten eines Musikinstruments bebildert und ihre Anspannung und Erschlaffung als Ursache vieler psychischer Zustände gesehen; dementsprechend werden therapeutische Mittel mit dieser musik-handwerklichen Metaphorik beschrieben. Dieses metaphorische Modell spielt in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion keine Rolle mehr, unsere heutige Sprache ist jedoch noch voll davon: "verspannt", "entspannt", "gespannt", "überspannt", "verstimmt" sein, "Stimmung", "Missstimmung", "Missklang", "sich abstimmen", ein in sich "stimmiges" Verhalten, sich "umstimmen" lassen, im "Einklang mit sich" sein, "harmonische" Beziehung, "schwingungsfähig" sein, ein "falscher Ton", "Resonanz" finden, neudeutsch: die richtigen "vibrations" haben. Ein kräftiges Echo dieser Metaphorik hören wir noch in der Redewendung, "Nerven wie Drahtseile" zu haben: Auf dem Hintergrund dieser Bilder verstehen wir dann im Alltag, warum das Wort "Zerrissenheit" einen bedenklichen Zustand ausdrücken kann2. Dass die "schillerndste aller psychischen Störungen", die Schizophrenie, ihrerseits als Metapher dient, indem politische oder soziale Zustände als "schizophren" bezeichnet werden, hat Finzen 1994 zu recht kritisiert: Diese Metapher transportiert "Vorstellungen von Unberechenbarkeit und Gewalttätigkeit" (ebd./48) und diffamiert die Betroffenen. Finzen überlegt die Einführung eines neuen Begriffs - und fragt jedoch, ob dieser nicht bald als Metapher mit ähnlich fataler Bedeutung vereinnahmt würde. Die vorliegende Sammlung gibt ihm recht; umgangssprachliche Bezeichnungen für Störungen der Psyche fallen fast ohne Ausnahme abwertend aus. Die Metaphernanalyse nimmt die umgangssprachlichen Benennungen für Krisen und Gefährdungen der Psyche dennoch ernst, rekonstruiert aus ihnen die Vorstellungen des "common sense" über extreme psychische Zustände und trägt ein Lexikon der Alltagstheorien von "Ausrasten" bis "Zerrissenheit" zusammen. Meine These lautet, dass es nur ganz bestimmte metaphorische Modelle gibt, in denen in dieser Kultur psychische Erkrankung gedacht werden kann. Es existiert nur eine begrenzte Anzahl sprachlicher Schemata, welche die unzählbaren Möglichkeiten subjektiven krisenhaften Erlebens zu einleuchtenden Mustern bündeln, die gleichzeitig einen Erklärungswert im Sinne einer naiven Psychologie haben. Der vorliegende Aufsatz skizziert den Bereich kollektiver Metaphern für psychische Erkrankungen, Krisen und Extreme, die jeweils in Sprachbilder vom Normal- oder Alltagszustand der Seele eingebettet werden. Er beansprucht nicht, die Fülle der psychologisch relevanten Metaphern darzustellen; sie sind beim jetzigen Forschungsstand weder gänzlich dokumentiert noch in dieser Kürze vorzustellen. Der vorgelegte Versuch beschränkt sich auf die metaphorischen Modelle seelischer Extremzustände in der deutschen Sprache, ob diese nun in manifesten Diagnosen psychischer Erkrankung oder in alltagsnahen Beschreibungen zum Vorschein kommen; er versucht einen Gesamtüberblick und nimmt dabei weder auf eine bestimmte Gruppe noch einzelne Sprecher Bezug3. Auch das kann nur angedeutet werden; meine unabgeschlossene Sammlung vermerkt über 1800 gebräuchliche metaphorische Redewendungen zu diesem Thema, die sich in 23 Wurzelmetaphern sortieren lassen. Bei der Arbeit an dieser Sammlung ergaben sich ähnliche Modelle für die Themen "Liebe, Eros", "Trunkenheit, Rausch" und "Kriminalität, Gewalt"; so spannend diese Bezüge sind, so sehr sprengen sie den Rahmen eines Artikels und werden separat publiziert (Schmitt 1999b). Diese Einführung auf begrenztem Raum beschränkt sich daher auf die häufigsten Metaphern und Metaphernfelder; begleitende Kommentare zur Einführung in die Theorie von Lakoff und Johnson dürfen nicht fehlen. Zuletzt: Wie liest man ein, wenn auch kommentiertes, Lexikon? Am besten abschnittsweise, und die Liste zu Beginn soll den Zugriff auf das betreffende Unterkapitel erleichtern. Wer sich über die Breite der möglichen Bilder informieren will, wird bald feststellen, dass die Lektüre infolge der Fülle der Bilder und des ständigen Wechsels zwischen Bild und Reflexion ermüdet. Es ist sinnvoller, nur eine begrenzte Anzahl von Abschnitten in einer Arbeitsphase zu lesen; hilfreich kann es sein, sich das metaphorische Modell zeichnend zu visualisieren.
1. Hirn-Gespinste. Ich beginne mit den Metaphern, die wir im offiziellen beruflichen Kontakt nicht verwenden: Wir reden nicht davon, das Kollege oder Klient XY ein "Spinner" ist, sich von seinen Eltern nie "abgenabelt" hat, aber sowieso schon immer einen "Webfehler" hatte und irgendwelche "Hirngespinste" pflegte. Äußerst ärgerlich, dass er sich auch noch bei den kleinsten Anlässen "aufspult"; klarer Fall von "schief gewickelt". Nein, das sagen wir nicht. Wir bedauern jedoch, dass wir uns immer wieder in einer "Verstrickung" mit ihm finden, wir sehen auch, dass er noch in einer "Abhängigkeit" von seiner Mutter lebt, worunter seine "Bindungsfähigkeit" leidet, und wir hoffen, dass er sich in seinem sozialen Kontext4 besser "einbinden" und "vernetzen" kann als bisher. Der Metaphernanalytiker sieht da wenig Unterschiede, eher Gemeinsamkeiten: Sowohl "Spinner" wie "Verstrickung", sowohl "Hirngespinst" wie "Bindungsunfähigkeit" gehören zur gleichen Metapher, haben das gleiche Bild im Hintergrund: Der Mensch in seiner psychosozialen Komplexität erscheint da als Faden, der "schief gewickelt" sein kann, der sich manchmal sogar von selbst unkontrollierbar "aufspult", sich "ent-wickelt", auch "fehl-ent-wickelt" oder "verwickelt" und "verheddert". Das Urbild der "Bindung" mag die Nabelschnur sein; wir "nabeln" uns daher metaphorisch jahrelang ab, ziehen die ersten Spielzeuge hinter uns her, lernen damit, das wir die Dinge "ziehen" und diese an uns "hängen", fassen uns an den Händen und fühlen uns "verbunden": Diese Worte setzen das Schema von Schnur, Faden oder Band zu ihrem Verständnis voraus, das offenbar tief in den genannten körperlichen Erfahrung verankert ist; wir erwerben es noch vor der Entwicklung der Sprache als präkonzeptuelles, visuelles und motorisches Muster. Damit sind wesentliche Elemente einer Theorie der Metapher umrissen, wie sie der Linguist George Lakoff (1980, 1987) und der Sprachphilosoph Mark Johnson (1980, 1987) vertreten: Sprache ist von Metaphern "durchwirkt", die unsere psychischen und sozialen Regungen prägen. Metaphern lassen sich auf Schemata zurückführen, die in frühesten körperlichen Erfahrungen wurzeln. Wenn wir nun denken "Dieser Spinner!" oder "Er hat sich darin verstrickt!", dann sind unseren Emotionen, Gedanken und Interaktionen Bahnen gewiesen. Diese Metaphorik entwirft einen kognitiven Raum, in der zu enge oder zu nahe Bindungen als "Verstrickung" oder "Abhängigkeit" figurieren; große Distanzen sind z.B. als "fehlende Einbindung" benennbar, dann müssen eben Kontakte "geknüpft" werden. Zuletzt haben Buchholz und von Kleist 1997 auf die Implikationen der Faden-Metaphorik zur Beschreibung alltäglicher und therapeutischer Beziehungen hingewiesen; das o. g. "Saitenmodell der Nerven" ist ein Sonderfall dieser Faden-Metaphorik, dessen Seelen- und Beziehungsbeschreibung auf spezifischere Ausgangsbilder zurückgreift.
2. Um- und Abwege Wenn wir unsere KlientInnen auf ihrem "Weg" geduldig "begleiten", sie "da abholen, wo sie stehen", wie ein "Bergführer" sie bei ihren "Gratwanderungen" (Grawe 1988) vor "Fehltritten" bewahren und sie auch sonst immer wieder ermuntern, "eigene Schritte zu tun" und Veränderungen "in Gang" zu setzen, wenn auch wir privat genügend "Durststrecken" und "Sackgassen" kennen, wenn es auch uns nicht immer gut "geht" - dann scheint der "Lebensweg" doch voller Tücken zu sein. Das bestätigen sowohl unsere wissenschaftlichen wie auch umgangssprachlichen Bezeichnungen für psychische Krisen. Sie lassen sich zum Beispiel dadurch bebildern, dass ein Mensch auf seinem Weg zu schnell ist: Die "Nerven gehen mit ihm durch" oder auch "dem geht der Gaul durch", "jemand ist völlig durch den Wind", ist "fahrig", hat sich "in eine Sache verrannt" oder hat einen "Schub", z.B. eine psychotischen Phase. Ein Mensch kann auch zu langsam sein auf seinem Lebensweg oder stolpern: Das kann heißen, derjenige sei "zurückgeblieben" (im kognitiven Sinn) oder "eingeschränkt" in seinen Fähigkeiten, wenn man nicht gar das umgangssprachliche und drastischere "beschränkt" hört - es meint, er hat Schranken, kommt auf seinem Weg nicht "weiter". Mancher Zeitgenosse "steht sich selbst im Weg", und ein Anderer leistet sich öfter einen "Ausrutscher". Damit sind wir beim Stolpern auf dem Lebensweg angelangt: In unserem psychosozialen Jargon beschreiben wir manche Klienten als "rückfällig", junge Menschen als "auffällig" und ältere als "hinfällig". Die Weg-Metapher kann psychische und physische Grenzzustände auch dadurch ausdrücken, dass jemand weder zu schnell noch zu langsam ist, sondern neben diesem Weg existiert: Er ist dann "neben der Mütze", "nicht in der Spur", "para" oder "daneben", ist vielleicht auch sonst "weggetreten" und "verstiegen" oder "unzugänglich". Scheinbar wissenschaftlicher reden wir von "abweichendem" Verhalten, während die Umgangssprache drastischer formuliert, der Betroffene sei "ver-rückt". An diesen Beispielen wird dann deutlich, warum HelferInnen davon reden, ihre KlientInnen unbedingt "begleiten" zu müssen, wenn diese "nicht weiter kommen". Sie beschreiben oft, dass sie "auf keinen grünen Zweig kommen" oder Unternehmungen mit den Betreuten "schief laufen". Sie versuchen, die KlientInnen "in Bewegung zu bringen" und sind auf der Suche nach "Zielen" und "Freiräumen"; manchmal fühlen sie sich genötigt, Klienten auch zu "bremsen". Die letzten Bilder deuten den Bezug zu einem unerschöpflichen Reservoir an alltäglichen Formulierungen des metaphorischen Gehens an. Man kann von seinem Weg oder Ziel "abkommen", seinen "Weg finden" und in "verfahrenen" Situationen stecken. Menschen sind "erfahren" oder "bewandert", sind bestimmte Abschnitte des Lebenswegs gegangen, an dessen Ende in einer Zeitungsanzeige steht, sie seien "von uns gegangen"5. Das Alter selbst wird als "vorgerücktes" im gleichen Bild beschworen, und in dem Spruch: "ein alter Mann ist doch kein D-Zug" wird ebenfalls die Vielfalt altersbedingter kognitiver, emotionaler und körperlicher Veränderungen in der Metaphorik des Wegs und der Fortbewegung konzentriert. Das metaphorische Modell hinter diesen Metaphern lässt sich vorläufig so formulieren: "Der Mensch ist Wanderer auf seinem Lebensweg". Als Kondensat dieses Bildes rekonstruieren Lakoff und Johnson das "source-path-goal"-Schema. Es lässt sich auf prägnante Elemente reduzieren: einen Ursprung als Anfangspunkt, ein Ziel als Endpunkt, einen Pfad als Sequenz von jeweils anschließenden Räumlichkeiten zwischen Ursprung und Ziel sowie eine Richtung zu diesem hin. Es hat eine inhärente Logik: Um vom Ursprung zum Ziel zu kommen, muß jeder Punkt des Pfades berührt werden; je länger der Pfad, desto mehr Zeit muß dafür aufgewendet werden. Die Fachsprache nutzt diese Bildlichkeit ebenso: Das "Verzögern, Zurückbleiben" als "Retardierung" ist ein Beispiel für das Verschwinden des Bilds durch Latinisierung; das "Zurückgehen" als "Regression", das Fortschreiten als "Prozess" und auch die überall zu findende "Aggression" fußen auf dem lat. cedere, cessi: gehen; die entsprechenden Präpositionen re-, pro- und a(d)- weisen der Bewegung dann ihre Richtung und damit Bedeutung zu. Diese fachsprachlichen Wendungen greifen also ebenso wie die alltäglichen auf die gleichen Bilder zurück; diese oft latinisierten Termini profitieren somit von der Vielfalt und Einprägsamkeit naiver Psychologie, werden jedoch emotional neutral gebraucht, schließen daher kräftige und (deutlich) abwertende Formulierungen aus. Wie später noch zu zeigen ist, existieren Metaphernfelder für psychische Extremzustände, die nicht in die Fachsprachen aufgenommen wurden, aber als latente Denkmuster noch alltägliches und psychosoziales Handeln beeinflussen.
Exkurs 1. Metapher und Handlung Haben Metaphern tatsächlich einen Einfluss auf das Handeln? Bock 1981 hat in einer spannenden empirischen Studie gezeigt, wie durch die Präsentation unterschiedlicher Metaphern in den gleichen Problemlagen passive oder aktive Handlungsstrategien provoziert werden konnten. Er forderte die Probanden, nachdem er ihnen zwei Probleme aus dem beruflichen Kontext (Kündigung/Bewerbung) vorgab, auf, ihre Lösungsmöglichkeiten in einem telefonischen Rollenspiel zu besprechen und bot ihnen dabei en passant vier verschiedene Metaphern an: - Es sei eine Lawine von Problemen, die auf den Probanden zukomme; - das Problem türme sich wie ein Berg vor dem Probanden auf; - der Proband stehe quasi oben auf einem Skihang, der zu steil sei; - der Proband rudere wie in einem kleinen Boot auf dem Ozean (ebd./96f.). Die Versuchspersonen reagierten, wenn sie diese Metaphern nicht zurückwiesen, meist in wenigen und für das Szenario des Bildes typischen Bewältigungsmustern. Die Wirkungsanalyse der so induzierten Metaphern erbrachte, dass das Bild der "Lawine" bei den Probanden passive und resignative Lösungsstrategien provozierte; der "Skihang" erzeugte die meisten aktiven Lösungen. "Berg" und "Meer" induzierten ein in der Mitte zwischen beiden genannten Bildern liegendes Antwortprofil (ebd./200ff.). So beschreiben Metaphern nicht nur psychische Zustände, sondern strukturieren durch die Wahrnehmung einer Situation hindurch auch die anschließenden Handlungen. Aus der Analyse des Antwortverhaltens schlug Bock für den Metapherngebrauch in Beratungs- und Therapiegesprächen folgendes vor (ebd./277ff.): - BeraterInnen sollten ein ausreichendes Repertoire möglicher Bilder haben, und - sollten eine Passung zwischen Problemerleben der KlientInnen und Metapher suchen. - Einfach strukturierte Sprachbilder mit mittlerem Anregungsniveau sind vorzuziehen. - BeraterInnen sollten die Provokation von aktiven bzw. passiven Handlungsentwürfen vorher reflektieren, und - respektieren, das KlientInnen vorgegebene Bilder in eigener Weise interpretieren. - Sie sollten Metaphern erst dann einsetzen, wenn sie eine ausreichende Kenntnis des Problems erlangt haben.
3. Die Höhen und Tiefen des Lebens. Lakoff und Johnson analysieren als "orientierende" Funktion von Metaphern alle sprachlichen Hinweise, die auf eine räumliche Strukturierung von Situationen, Kognitionen und Emotionen schließen lassen; dies betrifft vor allem die Präpositionen "innen" und "außen", "vorne" und "hinten", "auf" und "unter", "tief" und "flach", "zentral" und "peripher", "hoch" und "tief" (Lakoff, Johnson 1980/14). Bleiben wir bei dem letzten Beispiel, bei "hoch" und "tief": Die Erfahrung des Erhebens, Erwachens, Aufstehens bezeichnet das kulturelle Muster, nach dem Freude erhebend, Depression niederdrückend, Erfolg steigend, Verlust als Abfallen erlebt wird, und auch die soziale Einteilung in "Oberschicht" oder "Unterschicht" rekurriert auf persönliche wie kulturelle Raumerfahrung. Gerade die am wenigsten zu fassenden Werte und "hohen" Tugenden werden räumlich konzipiert und durch die metaphorisch vermittelte Körperlichkeit begriffen: "Kopf hoch!" Zur Beschreibung nicht alltäglicher psychischer Phänomene wird dies oft genutzt. Wir sprechen von "Höhen und Tiefen des Lebens"; "jemand hebt ab", kann dabei "den Boden unter den Füßen verlieren", wobei er eventuell "im siebten Himmel ist" und den "Kopf in den Wolken" hat. Dagegen stehen Zustände in der Tiefe, die oft mit einer herunterdrückenden Last bebildert werden: Wir können "down" sein (ebenso "high", siehe oben), wir kennen "Schwermut" und meinen, etwas nur noch "schwer aushalten" zu können, wir sind "bedrückt" oder "gedrückt", auch "deprimiert" (lat: herunterdrücken, versenken, davon abgeleitet: depressus: niedrig gelegen), sind auch "mit den Nerven runter" oder "heruntergekommen", wir kennen "Niedergeschlagenheit," "sind am Boden", sind "belastet" oder gar "überlastet," und infolgedessen spätabends in einer Kneipe "abgestürzt" und "versumpft", was ja auch in der (psychischen und sozialen) Tiefe stattfindet. Psychosoziale Hilfen bestehen entsprechend diesen Metaphern darin, jemanden "aufzurichten" und von seiner Last zu befreien; also kann "entlasten", "erleichtern" und "stützen" bzw. "unterstützen" helfen, um KlientInnen "aufrechterhalten" oder gar "aufbauen" zu können. Das Alter wird als "hohes" Alter in die Vertikale projiziert; wir finden jedoch in der Wendung "viele Jahre auf dem Buckel haben" und in der feststehenden Verknüpfung der Adjektive "alt und gebeugt" das physisch-psychische Kondensat der Erfahrung, das Leben auch insgesamt als eine Last zu empfinden. Typischer ist jedoch die Rede vom "Altersabbau" oder gar "dementieller Abbau". Das Präfix "Ab-" deutet die Richtung in die Tiefe an, dem sich das euphemistische "Auf-" als "Aufbau" seltener als im übrigen helfenden Bereich entgegenstellen kann. Metaphern wie z.B. "da war ich ganz unten" beschreiben sowohl die Erfahrung mit sich wie mit den Mitmenschen; sie kondensieren oft soziale Verhältnisse in Bildern vom erlebenden Subjekt und betreiben damit eine individualisierende Etikettierung. Besonders in der Metaphorik psychosozialer HelferInnen lässt sich die Ausblendung sozialer Zusammenhänge zeigen (Schmitt 1995/256f.).
4. Wer ganz offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Manches Erleben psychisch Kranker wird in Lehrbüchern beschrieben als "Auflösen der Ich-Grenzen": "Die Begrenzung des Ichs gegenüber anderen Personen, ja gegenüber Sachen und abstrakten Begriffen kann sich verwischen ..." (Bleuler 1975/409), die Grenzen des bewußten Ichs seien soweit zurückgenommen, dass eigene Gedanken als fremde Stimmen erscheinen. Manche fühlen, dass ihnen die Gedanken von anderen Menschen abgezogen werden oder man ihre eigenen lesen kann, oder sie erleben Einflüsse von außen als Vergiftung oder Bestrahlung. Alle diese Beschreibungen nehmen im Normalzustand der Psyche eine Grenze zwischen Innen und Außen an, die Innenwelt und soziales Draußen trennt6; der Mensch erscheint als Behälter, der im Krankheitsfall zerbricht. Auch die Alltagssprache kennt viele Formulierung der sog. Behälter-Metaphorik: Mancher hat sich "abgekapselt", ist "völlig zu" und hat "dicht gemacht", was auf einer höheren Stilebene "verschlossen" heißt; der gegenteilige Zustand besteht im "offen" sein. Wir "äußern" uns; eine andere Richtung nimmt das "Er-innern" ein. Auch "Innerlichkeit" und "Äußerlichkeit" bezeichnen sprachliche Differenzierungen des menschlichen Behälters und verschiedener Schwerpunktsetzungen des Verhältnisses von Innen und Außen. Übergänge zwischen beiden Sphären finden sich in den Worten vom "Eindruck" und "Ausdruck", Spontanes kommt "aus dem Bauch heraus", Gefühle werden "herausgelassen". Die Umgangssprache nutzt diese Metaphorik oft, um psychische Extremzustände als Zerbrechen des Gefäßes zu benennen. Man kann vor Wut "platzen", einen "Ausbruch" haben oder "außer sich" sein. Gefährdete sind "durchlässig", "nicht ganz dicht" oder haben einen "Sprung in der Schüssel". Eine andere Variante umgangssprachlicher Diagnosen von unüblichen psychischen Zuständen findet sich in der Annahme, im Gefäß der Psyche sei Unrat. So wird vermutet, X habe "Stroh im Kopf", Y beherberge "Rosinen" darinnen, während Z ein "Torfkopf" sei (oder "Holzkopf", je nach Gegend). Die dritte Variante der Behälter-Metaphorik lässt vermuten, das Menschen-Gefäß sei ohne Inhalt. Wir kennen Zustände, in denen wir "leer" und "ausgelaugt" sind; schlimmer ist es jedoch, von anderen als "Hohlkopf" erlebt oder gar komplett als "hohl" bezeichnet zu werden. Jedoch deutet die Formulierung "Rauhe Schale, weicher Kern" an, das die Alltagspsychologie offen für eine komplexe Beziehung zwischen dem Innen und dem Außen ist. Die Beschreibung unscharfer Grenzen zwischen Innen und Außen bedient sich natürlich auch der Bildlichkeit des flüssigen Elements. Wir sind "beeinflußt", "nah am Wasser gebaut" und "zerfließen" vor Rührung, wollen uns über unser Inneres "auslassen", bis "der Damm gebrochen" ist und wir von Gefühlen "überschwemmt" werden. Die Metaphorik psychosozialen Helfens ist in zwei Richtungen kodiert: Wenn jemand "verschlossen" o. ä.. ist, wird "Einmischen", "Intervenieren" (lat.: in etwas hineingehen") und "Würmer aus der Nase zu ziehen" zur Pflicht, derjenige soll sich "aussprechen" und "aus sich herauskommen". Ist jedoch jemand von nicht allzu dichten Grenzen geplagt oder plagt seine Umwelt damit, müssen die HelferInnen "Grenzen ziehen"; er (oder sie) muß auch lernen, sich "abzuschirmen" und "abzugrenzen", wenn er (oder sie) zu "durchlässig" oder "übergriffig" ist. Aber nicht nur Beschreibungen des Psychischen, sondern auch menschlicher Gruppen funktionieren in der Behälter-Metaphorik: "in" und "out" sein, "Insider" und "Außenseiter", auch sich zu "outen" bedeutet eine Übergang von Innen nach Außen. Das Erlebnis, in einer Beziehung seine Grenzen zu verlieren, findet sich in den Formulierungen "ein Herz und eine Seele sein", sich "vereinigen" und "eins" werden. Ungleiche Verteilungen im Entgrenzungsprozess sind in der ironischen Formulierung von "meiner besseren Hälfte" zu finden, manche fühlen sich "ausgesaugt" vom Partner. Letzteres deutet die "Einverleibung" als Modus einheitsstiftender Entgrenzung an: jemanden mit den Augen "verschlingen" oder "zum Fressen gern haben". Die Fachsprache war mit "Intervenieren" schon erwähnt worden; die Formulierungen "endogen" und "exogen" sowie "intro-" bzw. "extravertiert" deuten ebenso in ihren griechischen bzw. lateinischen Entlehnungen die Fortdauer des Behälter-Schemas in der Wissenschaft an.
Exkurs 2. Metaphorik und Denken Die Behälter-Metaphorik hat, wie andere sprachliche Bilder auch, wesentliche Funktionen für das Denken: Sie reduziert die Komplexität psychischer Erscheinungen, die primär nicht-sprachlich verfasst sind, zu einleuchtenden und klar strukturierten Bildern; sie vermittelt darüber hinaus durch die Sprachtradition ein Gerüst, auch das Unfassliche in Worte fassen zu können. Jede Reduktion dieser Komplexität zieht jedoch zwei Erscheinungen nach sich, die Lakoff und Johnson "highlighting" und "hiding" nennen. "Highlighting" meint ein Hervorheben bestimmter Eigenschaften und Merkmale; in unserem Beispiel forciert die Behälter-Metaphorik, uns als abgegrenzte Einheit, als "Ich" zu empfinden. Gleichzeitig blendet diese Metaphorik den Verlauf in der Zeit aus, man ist entweder "dicht" oder "nicht dicht". So wird ein ahistorisches, tendenziell unsoziales Wesen konstruiert. Diesen Effekt bezeichnen Lakoff und Johnson als "hiding", als Verstecken. Der Verlauf in der Zeit - "Ver-lauf" deutet es an - lässt sich besser in der Weg-Metaphorik beschreiben; selbst in der abstrakten Formulierung vom "abweichenden" Verhalten ist der transitorische Moment des Geschehens noch zu rekonstruieren. Ein typisches "hiding" von vielen der hier genannten Metaphern liegt, wie schon erwähnt, darin, das sie die Komplexität von Interaktionsphänomenen oder im weiteren Sinn sozialen Phänomenen auf Bilder vom Subjekt reduzieren, also individuell etikettieren. Wir sind daher sehr beschränkt, bleiben wir in einer Metaphorik befangen - das belegen auch Pollio et al. (1977/90f.) in ihrer Untersuchung, dass kognitive und soziale Flexibilität mit einem breiten aktiven und passiven Vokabular an Metaphern korrelieren. Aber noch in einem anderen Sinn beeinflussen Metaphern das Denken: Sie geben kulturell übliche metaphorische Modelle vor, lassen andere undenkbar werden; an historischen oder ethnologischen Beispielen (wie z.B. das Saitenmodell s.o.) lässt sich zeigen, dass Psyche in anderen Kontexten auch anders begriffen wird. Metaphern geben nicht nur den äußeren Denkrahmen vor; auch innerhalb der Metaphorik sind implizite Ansprüche auf Wahrheit und Richtigkeit zu rekonstruieren. So sind mit den genannten vier metaphorischen Modellen bereits einige kulturelle wie bereichsspezifische Normen vortheoretisch und alltagssprachlich benennbar, welche die Ziele psychosozialen Helfens vorgeben: Psychische und soziale "Beweglichkeit" werden mit Wohlergehen assoziiert, wobei damit keine "Bindungslosigkeit" gemeint ist, sondern ein vielfältiges Verbundensein. Wir wünschen uns zwar "offene", aber nicht zu "distanzlose" Mitmenschen und versuchen, nicht allzu "beschwert" zu sein. Nicht nur Ziele, auch Ablaufmodelle werden metaphorisch generiert: von einem "engen" oder "verstiegenen" Ort über "Gratwanderungen" zu "Freiräumen", von "Verstrickungen" über "Entwicklung" zu "Bindungen", von der "Last" zur "Erleichterung". Diese Formulierungen scheinen an der Grenze zur Banalität angesiedelt; in ihrer metaphernanalytisch zugespitzten Form offenbaren sie jedoch implizite Regeln und Muster der Alltagspsychologie, denen fachspezifische Differenzierungen noch gehorchen. So stellt zum Beispiel das Modell von "mittlerer Nähe" der helfenden Beziehung, wie es von der Weg- und Bindungsmetaphorik nahegelegt wird, eine Erfahrung gelingender Interaktion dar, wie sie auch in Therapieausbildungen immer wieder gelernt werden muß. Ebenso sind misslingende Hilfen auf dem Hintergrund des "Rückfalls", der "Verstrickung" oder der "Überlastung" antizipier- wie interpretierbar. In ihrer Gesamtheit stellen sie ein sich gegenseitig korrigierendes (nicht nur widersprüchliches) System richtigen Handelns dar; nur nach der Metaphorik der Last handelnd, würden "Unterstützen" und "Erleichtern" ohne die von anderen Metaphern empfohlene notwendige Distanz der helfenden Beziehung wahrscheinlich zu einer auf Dauer unbefriedigenderen Lösung werden. Metaphern stellen damit ein "nicht-intendiertes Lernparadigma" dar (Oevermann et al. 1976/376), in das wir hineinsozialisiert wurden. Sie stellen Muster von Erfahrungen dar, nach denen wir weitere Erfahrungen machen.
5. Ein armer Irrer In einem Kulturkreis, in dem Sein und Haben auf eine tiefe Weise verbunden sind, wundert es nicht, wenn geistige Gesundheit als kostbarer Besitz7 und Erkrankung als Abwesenheit von materiellen Ressourcen bebildert werden. In letzterem Fall hat man "nicht mehr alle Tassen im Schrank", ist "von allen guten Geistern verlassen", hat "nicht mehr alle (Sinne) beisammen" oder den Kopf, den Verstand und vielleicht noch die Nerven "verloren": Immer fehlt etwas. Zustände psychischer und sozialer Desorientierung vermitteln Formulierungen, die das defizitäre Pekuniäre direkt betreffen: "Ich bin rumgelaufen wie Falschgeld" oder: "Pass auf, das ist ein falscher Fuffziger!". Wenn jemand "kopflos" ist, zeigt dies eine empfindliche Verminderung der sonst serienmäßigen Ausstattung an; eine andere Reduzierung psychischer Wohlhabenheit trifft den, der stöhnt, das X ihm den letzten Nerv "raubt"; so etwas habe er wirklich nicht "verdient". Aber nicht nur der "Raub" der Nerven, auch die ökonomische Auffassung, dies und das habe wieder "Nerven gekostet", entspringt dem genannten Bild: Psychische Zustände unangenehmer Natur figurieren als Abwesenheit oder Verlust von Besitz. Das Suffix "-los" in "sprachlos", "geistlos", "emotionslos", "humorlos", "hoffnungslos" und "schamlos" erzeugt das gleiche Bild des Mangels psychischer Substanz8. Wir sind uns etwas "wert", reden daher von unserem "Selbstwertgefühl", gehen ganz ohne falsche Hintergedanken davon aus, dass diese und jene Bekanntschaft eine "Bereicherung" ist, während wir andere Kontakte mit der Begründung "Das bringt mir nichts" abbrechen. Gewünschte und hilfreiche Eigenschaften sind unser "Vermögen", sind "Reaktionsvermögen", "Durchsetzungsvermögen" oder "Beharrungsvermögen". Alle Komposita mit "-reich", wie "geistreich", "erfolgreich", "hilfreich" verweisen ebenso auf nützliche Kompetenzen wie umgekehrt das Suffix "-arm" in "kontaktarm" und "gefühlsarm" unangenehme psychische Eigenschaften als Defizit markiert. Auch die Leontews Tätigkeitstheorie nutzt das Bild der materiellen Ressourcen und begreift Sozialisation als "Aneignung des gesellschaftlichen Erbes" (Schmitt 1995/260f.). Kurz soll hier nur angemerkt werden, das psychosoziale Hilfen in dieser Metaphorik von Krankheit als Defizit natürlich ein Geben und Versorgen sein müssen: Wir "bieten" Zuwendung "an", die KlientInnen "bekommen" Hilfen, wir "geben" Ratschläge und machen "Gesprächsangebote": Die Welt der psychosozialen "Versorgung" funktioniert nach dem Defizit-Modell. Die sich davon distanzierende Fraktion der BeraterInnen, die stattdessen "Ressourcen aktivieren" will, weiß sicher aber auch nicht mehr, dass im 18. Jahrhundert "Ressource" den Bestand von Naturprodukten und Geldmitteln meinte (Kluge 1989/596). Der Logik der Tauschverhältnisse ist nur mit anderen Metaphern zu entkommen. Übrigens werden auch Beziehungen in dieser Metaphorik des Besitzes begriffen. Wir unterschreiben intimere Briefe mit "Dein ..." oder "Deine ...", halten unsere/n Lebensabschnittspartner/in für einen "Schatz", früher "Teuerste!" oder "Du mein Goldstück!". Während wir "besitzendes" Verhalten weniger wohlwollend betrachten, nimmt an der Redewendung, Freunde zu "gewinnen", niemand Anstoß, auch sind wir bereit, in eine Beziehung zu "investieren" und bei Sorgen "anteilnehmend" nachzufragen. Diese Metaphorik funktioniert über eine Verdinglichung: Psychische Qualitäten sind etwas Materielles, das man unter anderem auch "besitzen" kann. Aber das Erleben der sinnlichen Qualitäten des Materials lässt sich nicht auf das Besitzen beschränken. Lakoff und Johnson betonen das Vorbild klar gegliederter physisch-physikalischer Erfahrungen als Bildspender für emotionale, geistige, kulturelle und andere Erfahrungen (dies. 1980/59), und so wundert es nicht, wenn Adjektive, die physikalische Qualitäten beschreiben, zugleich psychische bebildern. Der Mensch kann "hart" oder "weich", "grob" oder "fein" sein, sich "dünn" oder "breit" machen, einen "festen" Charakter oder ein "steinernes Herz" haben, "steinalt" sein, vor Rührung "zerfließen" und gleichzeitig ein "trockener" Alkoholiker sein, "scharf" reagieren, einen "rauen" Umgang haben, "spitz" auf etwas sein oder "stumpf" vor sich hin leben. Für den Bereich psychischer Extremzustände bleiben die Formulierungen: "eiserner" Wille, "ungehobelter Klotz", "starr" sein. Entsprechend dieser Bildlichkeit spiegelt sich die kranke Seele in der Beschädigung des Materials: Seine Gesundheit ist "angeknackst"9, man kann durch "Schläge" des Schicksals "zerbrechen" und "gebrochen" wirken, vielleicht einfach nur "geknickt sein". Sie können zu einem "Knick in der Biografie" führen, was um so gefährlicher scheint, wenn man ein "fragiles" Ich hatte, das Unerträgliches "abspalten" mußte. Wir kennen Zustände, wenn wir "gespalten" sind, uns nicht entscheiden können und wissen auch um die Gefahren der "Schizophrenie": ein Graezismus für das "gespaltene" Bewusstsein10.
6. Lampenbauer, Licht und Schatten Eine der gängigeren Metaphern für kognitive Vorgänge lautet: Denken ist Sehen. Wir reden von unserem "geistigen Auge", wenn wir uns etwas vorstellen, und wir sprechen von einer "Sichtweise". Die unterschiedlichsten sozialen und psychischen Zustände und Einstellungen finden sich in Komposita mit "-sicht": "Einsicht", "Nachsicht", "Rücksicht", "Vorsicht", "Aussicht", "Absicht", "Zuversicht", "Umsicht", "Übersicht". Natürlich ist diese visuelle Ausrichtung auch in den entsprechenden Verben enthalten: "einsehen", "nachsehen", "vorsehen", "übersehen", "absehen". Der Gesamtkomplex aller Emotionen und Kognitionen einer Person ist in den Worten vom "Selbstbild" und dem "Fremdbild" gemeint; auch das "Vorbild" beschreibt zwischenmenschliches Einwirken als Metapher des Sehens. Diese visuelle Orientierung greift oft eine naheliegende Dichotomie auf: Licht und Schatten. In der natürlichen Logik der Erfahrung sind Erlebnisse des kognitiven Zugewinns als Helligkeit kodiert: "einleuchten", ein "lichter Moment"; "Vision", "mir geht ein Licht auf", ein "heller Kopf", eine "Erleuchtung" und ein "Geistesblitz". Aber nicht nur kognitive Vorgänge bedienen sich dieser Metapher und dieses Gegensatzes: Wenn jemand "strahlt" oder sich "verfinstert", wenn eine Stimmung "aufhellt" oder sich "verdüstert", bezeichnen diese Metaphern immer auch die emotionale Seite der Person. Folglich ist es dann "einleuchtend", dass der Gegensatz zum emotionalen und kognitiven Gelingen im Dunkel oder im falschen Sehen vermutet wird; letzteres erwähne ich zuerst: "Einbildung", "durch eine rosarote Brille sehen", "Projektion", "Verblendung", "uneinsichtig", "jemand auf dem Kieker haben" oder umgekehrt ein "negatives Selbstbild" haben, "blind vor Liebe sein", ein "blinder Optimist" oder ein "blinder Narr" sein, einer "kurzsichtige Strategie" vertrauen. Ähnlich bieten Dunkelheit und Schatten ein Bild für unerwünschte Zustände: "umnachtet" sein, "umnebelt", "Bewusstseinstrübung", "Trübsinn", "trübe Gedanken", "betrübt"; X. hat einen "Blackout"; Y. "sieht schwarz", und Z. "hat doch einen Schatten"!. Sie "ist nicht die Hellste", er ist nur "ein kleines Licht", man kann "vor sich hin dämmern"; wir können eine "dunkle Ahnung" haben und doch "hinters Licht geführt" werden. Dieses Metaphernfeld nutzt auch Fotografie und andere Techniken des Lichts im gleichen Sinn: Unangenehmes können wir "ausblenden", mancher ist nur "schwach belichtet" oder "unterbelichtet", hat auch sonst eine "Mattscheibe" nebst einem "Knick in der Optik", das Wort vom "Filmriss" hat nicht nur eine umgangssprachliche, sondern sogar eine diagnostische Bedeutung bei der Abklärung deliranter Syndrome. Die Metaphern psychosozialer Hilfen legen in der natürlichen Logik der Sprache nahe, das die HelferInnen ihre KlientInnen vom Dunkel ins Helle bringen wollen. Dazu dient das inflationär gebrauchte "das muß ich mit ihm noch klären", manchen muß etwas "klar gemacht" werden, und Missverständnisse fordern eine "Klarstellung". Wir hoffen, dass die KlientInnen "klar kommen" und "durchblicken", wir "klären auf", haben eher "Supervision" als eine "Vision", erwarten, dass die PatientInnen "introspektionsfähig" sind und eine "Perspektive" gewinnen können11. Wir müssen manche Situation "transparent" machen. Die Metaphorik der Enthüllung (Blumenberg 1960/20-36) rekurriert ebenfalls auf die (Un-) Sichtbarkeit problematischer Ereignisse, wir "entdecken", wir "decken auf", es gibt den Gegensatz zwischen "aufdeckenden" und - nein, nicht "zudeckenden", sondern "stützenden" psychotherapeutischen Verfahren, weil "zudeckend" allzu negativ besetzt ist, denn Wahrheit ist seit der Aufklärung vor allem die nackte, sichtbare und unverhüllte (Blumenberg ebd.). Diese Bildlichkeit stellt ähnlich wie die Behälter- oder Weg-Metaphorik nicht nur im engeren Sinn Psyche, sondern auch psychosoziale Phänomene dar. So wird z.B. Kriminalität sowohl in dieser Licht-Metaphorik ("zwielichtiger Typ", "Dunkelmänner", jemanden "beschatten", eine "schwarze Seele" oder, weniger dramatisch, ein "schwarzes Schaf") wie auch der Weg-Metaphorik begriffen ("krumme Touren", "schiefe Bahn", "auf Abwege geraten", sich an jemandem "vergehen").
7. Die lockere Schraube und der Psychoklempner Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Umwelt ist seit den ersten Faustkeilen nicht mehr ohne Werkzeug zu denken; so ist zu erwarten, dass die handwerklichen Traditionen der Antike und des Mittelalters wie auch die Erfahrungen der industriellen Revolution und der Automatisierung sich in Bildern der Arbeit und des Werkzeugs ablagern, denen eine übertragene, metaphorische Bedeutung zur Beschreibung körperlicher wie seelischer Zustände zukommt12. Natürlich sind die hier gesuchten psychischen Extremzustände in Bildern von beschädigten Werkzeugen oder Maschinen zu finden: Bei Herrn X "rappelt es doch!", Herr Y "dreht durch", und Frau Z "kommt morgens nicht auf Touren". Die Uhr als abendländisches Sinnbild eines komplexen Mechanismus liefert viele Bilder dysfunktionaler Maschinerie: "einen Tick haben", "bei dem tickt es nicht richtig"; "ausrasten", "ausklinken", der hat "'ne Sperre" und ist "blockiert", sie ist "verklemmt", ein "Rädchen im Getriebe" sein. Natürlich können auch andere Techniken Bilder für die Psyche geben: einen "Sprung in der Platte" haben, "endlich ist der Groschen gefallen!". Ein altes Handwerk, das der "Prägung" von Münzen, gibt fach- wie alltagssprachlich ein Muster vor, den Einfluss der Umwelt auf uns eindimensional zu denken. Unsere liebsten Maschinen, die Fortbewegungsmaschinen wie Auto, Flugzeug und Eisenbahn, induzieren weitere passende Bilder: A. hat ein "Rad ab", bei B. ist die "Luft raus", C. "hat doch 'ne Panne!", D. ist "fertig auf der Bereifung", E. ist gerade "überdreht", F. hat das "überhaupt nicht geschaltet", G. "hat Leerlauf", H. ist "ins Schleudern gekommen", I. hat die "Kontrolle über sich verloren", J. war dabei "abgelenkt", K. stand dann natürlich "unter Dampf", den er jedoch nicht "ablassen" konnte; auch L. hat sich keine "Entgleisung" zuschulden kommen lassen. M. ist so erschöpft, kann jedoch nicht "auftanken", N. ist von O. gebremst" worden, P. versucht dagegen, "Gas zu geben", auch Q. "macht einen Gang schneller", R. "kriegt die Kurve nicht", S. hat mit seinem Anliegen T. völlig "überrollt", ähnlich wie U. den V. mit dem Antrag "überfahren" hat, weswegen der mit ihm befreundete X. "nicht mehr abschalten" kann; Y. ist "falsch verlötet", und Z. hat "eine Schraube locker". Eine andere, seit mehr als zweihundert Jahren bekannte Technologie hat ihren Einzug in den Bildersaal der Psyche ebenfalls gehalten: die Elektroenergie. Während die Formulierung: "ich war elektrisiert" noch einen hellwachen Zustand anzeigt, ist jemand mit einem "Kurzschluss" dem Übermaß dieser Energie zum Opfer gefallen, ähnlich dem, welchem "eine Sicherung durchgebrannt" ist. Die Gefährlichkeit der als Strom gedachten Psyche lässt sich auch mit den Formulierungen "die Nerven liegen blank" und "er steht unter Strom" bebildern. Das Gegenteil solcher dynamischer Krisen findet sich in der Formulierung, dass jemand "auf der Leitung steht". Die psychischen Erscheinungen, wenn zwei Menschen sich finden, scheinen zumindest dann, wenn es zwischen ihnen "gefunkt" hat, nicht energiearm abzulaufen; etwas weniger dynamisch wird der Fall beschrieben, wenn jemand sich z.B. einer Gruppe "anschließt", weil er zu ihnen "einen Draht hat". Das Radio als Sonderfall einer elektrischen Maschine kann sowohl Sympathie bebildern ("er hat eine Antenne für ...", "auf der gleichen Wellenlänge sein") wie Antipathie ("der geht mir auf den Sender"). Im esoterischen Kontext fühlen sich manche Exemplare der menschlichen Spezies "aufgeladen" von kosmischen Energien, konsequent im Bild gedacht, legen sie Wert darauf, sich auch wieder zu "erden". Die Metaphern dieser vorgeblich naturnahen Denkwelt, die "Energieströme" und "Organ-Akkumulatoren", verdanken sich den Erfindungen von Siemens, Edison, Faraday und anderen; ihre Unsichtbarkeit hat schon ab 1760 dazu eingeladen, sich der ebenso unsichtbaren Psyche psychiatrisch-therapeutisch durch Elektrisieren zu nähern (Dörner 1984/44f). Fast überflüssig zu sagen, dass wir technische Bilder auch im wissenschaftlichen Bereich für Psyche und Soziales nutzen. Wir reden von "Bedarfssteuerung" und psychischen "Mechanismen", finden manches Benehmen "angemessen" und forschen über "Funktionen" des Verhaltens, reden von depressiver "Verarbeitung" und "Regulation" von Gefühlen. Umgangssprachlicher äußern wir, dass die Arbeit uns "verschleißt" und der Kollege Z. sich heute "nicht geregelt kriegt". Die meisten Metaphern deuten es an: Neben dem Funktionieren als Maschine gibt es noch den Zustand der "kaputten" Psyche. Wie viele der bisherigen Metaphernfelder zeigt auch diese eine polare Organisation: "kaputt" vs. "funktionierend"; v. Kleist (1987) beschreibt solche Pole als gelingende bzw. nicht gelingende Elaboration einer Metaphorik. Im Fall der kaputten Psyche korrespondieren dann entsprechende Metaphern der psychosozialen Hilfe, sie geschieht durch den "Seelen-" oder "Psychoklempner", mit dem dann Konflikte "aufgearbeitet" und "durchgearbeitet" werden. Man hat sich auch selbst "abgearbeitet" an Eltern und anderen Zuständen, und im gravierenderen Fall war man nach der "therapeutischen Arbeit" mit einem entsprechenden "Arbeitsbündnis" wieder "hergestellt". Im Nachhinein schätzt man vielleicht bestimmte Gespräche als besonders "produktiv" ein. - "Drogenarbeit", "Jugendarbeit", "Sozialarbeit", "Trauerarbeit": Helfen ist (auch) handwerkliches Machen.
8. Vom Wachsen und Welken, von Mensch und Tier Mit den Bildern aus Technik und Handwerk sind bereits moderne Metaphern geschildert worden; jedoch ist der Rückgriff auf Fauna und Flora zur Versinnbildlichung menschlicher Qualitäten ebenso belegbar: Der Mensch ist manchmal eine Pflanze und ein anderes Mal ein Tier. Anders als die aktives Eingreifen nahe legende Metaphorik der Technik finden wir hier Bilder, die eine größere Unabhängigkeit des also Beschriebenen, aber auch Unbeeinflussbarkeit implizieren. Wenn wir jemanden als "unreif" oder "grün" (insbesondere "hinter den Ohren") bezeichnen, meinen wir, dass derjenige sein psychisches "Wachstum" noch vor sich hat; vor allem humanistische Therapien nutzen diese organische Metaphorik (Leihener 1998). Vertrauen "wächst", wir bedauern, dass jemand keine "Wurzeln" hat, Kinder "gedeihen"; im Deutsch der Juristen hält sich noch das Wort "Leibesfrucht". In der Alltagssprache wird bei kindlichen Fehlentwicklungen eher davon ausgegangen, dass diese sich "verwachsen" oder "auswachsen", ganz unbefangen reden wir von "Erwachsenen" und "Heranwachsenden", von "Auswüchsen" und sittlicher, moralischer oder psychischer "Reife". Weitere durch Pflanzen bestimmte Metaphern konstruieren ebenfalls Seelenlagen, die ihren eigenen "natürlichen" Wert und Ablauf haben, auf den kaum von außen eingewirkt werden kann: "geil" sein, "faul" sein, "Moos ansetzen", "einen alten Baum verpflanzt man nicht"; die verblichene Allegorisierung des Todes zum "Sensenmann" enthielt: Der Mensch ist ein Grashalm. Diese Metaphorik zeigt eine deutliche Geschlechtsspezifik. Es ist die Rede von "Mauerblümchen", "vertrockneten Jungfern" und "Mimosen"; Worte wie "aufblühen", "blühende Schönheit"13, "sich entblättern", "verblüht" oder "verwelkt" werden ebenfalls meist für Frauen verwendet. Die Rose als Symbol für die Frau (Motto: "Sah ein Knab ein Röslein stehen") erscheint ebenso wie die "Defloration" als Verbilderung des Weiblichen zur passiven Natur. Die unfreundliche Bezeichnung "Klette"14 weist Frauen ebenfalls nichts Eigenständiges zu; das Gegenbild ist ein "Mann wie eine Eiche", der "natürlich" auch aus "härterem Holz geschnitzt" ist. Diese pflanzliche Metaphorik ist für die Beschreibung psychischer Extremzustände nicht sehr ergiebig; anders verhält es sich, wenn wir uns den Tieren als Teil der Natur zuwenden. Unter ihnen sind die Vögel besonders prädestiniert, unübliche psychische Verfassungen zu dokumentieren: "Der hat doch eine Meise!" oder ein "Spatzenhirn", "bei dem piept es", das ist ein "komischer Kauz", ein "schräger Vogel" oder ein "verrücktes Huhn"15. Mit diesen Redewendungen sind in unserem Kulturkreis keine therapeutischen Praktiken verbunden wie z.B. das "Begleiten" von "verirrten" Menschen in der Weg-Metaphorik. Allenfalls sind sie im juristischen Bereich relevant; wer im Straßenverkehr jemandem "den Vogel zeigt", hat sich eines Delikts schuldig gemacht. Eine andere Erfahrung machte der Chefarzt einer psychiatrischen Abteilung, der nach der Rückführung eines an einer Psychose erkrankten Menschen in seine afrikanische Heimat dort den Kontakt zu einheimischen Heilern suchte16. Er fand auf dem Hof eines Medizinmanns einen für seine europäischen Begriffe kataton wirkenden Menschen, dem der Heiler ein Huhn auf den Kopf gesetzt hatte; nach der Überzeugung des Heilers würde das Huhn wegfliegen, wenn die Erkrankung bzw. der böse Geist in das Huhn übergegangen sei. Die Metapher vom Vogel als Träger psychischer Erkrankung ist hier also, anders als in unserem Sprachgebrauch, nicht mit ausgrenzend-entwertenden Ritualen des Vogel-zeigens, sondern mit helfenden Praktiken verbunden. An dieser Stelle kann nur spekuliert werden, welche Metaphern und Bilder kultur- und sprachübergreifend wirken; zumindest die englische Sprache zeigt außerordentliche viele Übereinstimmungen mit der deutschen17. Von den anderen Tieren wird selbst unser nächster Verwandter seltener als Metapher gebraucht: "der ist vom wilden Affen gebissen", das ist "affig", "den wilden Affen machen", "Affentheater", "sitzt da wie ein Affe auf dem Schleifstein". Eher aggressive Anteile werden in Formulierungen wie "X tobt/brüllt/wütet wie ein Stier", "dem geht der Gaul durch", "sie ist eine Schlange", "Drache" deutlich. Mentale Teilbegabung wird in den als Schimpfwort gebrauchten Metaphern als "Rindvieh", "dumme Kuh", "steht da wie der Ochse vorm Scheunentor", "Schaf" und "Kamel" ausgedrückt. Genitale und anale Impulse werden ebenfalls in das Tier verlagert: "Schwein!", "Schweinkram", "schweinisch", "die Sau rauslassen", "Du Ferkel!". Übrig bleibt ein weites Feld von Tieren, das zur Bezeichnung undramatischerer psychischer Eigenschaften dient: "Ziege", "Ameisen" oder "Hummeln im Hintern", "Schmetterlinge im Bauch", "einen Floh im Ohr", von einer "Tarantel gestochen", "Krokodilstränen", jemanden "zur Schnecke machen", aber auch "seine Fühler ausstrecken", ein "Hasenfuß", "Pfau", "sich aufplustern", sich "durchschlängeln", eine "graue Maus sein", "flotte Biene" und "fauler Hund"; ein "alter Fuchs", ein "gemütlicher Bär18", "bockig" oder "verbockt" sein", aber auch: "geiler Bock" und "keinen Bock haben". Das Verstehen der psychisch Kranken als wilde Tiere wie ihre Zurschaustellung bezeichnen eine Epoche der Vor-Psychiatrie, in der diese Metaphorik als dingliche Wahrheit begriffen wurde (Dörner 1984/22).
9. Psycho-Hygiene Norbert Elias und andere19 haben den Prozess der Zivilisation auch als Verdrängung des Schmutzes in realem Sinn beschrieben: Irgendwann zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert wird es z.B. zumindest in der Oberschicht undenkbar, seine Bedürfnisse direkt vor der Haustüre des Gastgebers zu verrichten. Die Unterdrückung gesellschaftlich problematischer Verhaltensweisen und ihre sprachliche wie räumliche Ausgrenzung als Schmutz lässt sich auch in der Bildlichkeit der Psyche nachzeichnen: Formulierungen wie "der ist doch nicht mehr ganz sauber im Kopf", "schmutzige Phantasien haben", "unreine Gedanken" und "keine weiße Weste haben" zeigen, dass metaphorischer Schmutz psychische, moralische und bürgerliche Qualitäten gleichermaßen bebildert. Die (manchmal ironische) Aufforderung "Bleib sauber!", die beruhigende Floskel "mit sich im reinen sein" und ältere Formulierungen von der "reinen Jungfer" und ihrer "unbefleckten" Empfängnis zeigen die breite Palette des sprachlichen Waschzwangs. Die Formulierung "Psychohygiene" macht seelische Gesundheit zur Pflicht wie das Zähneputzen; einzig die Wendung, "mit allen Wassern gewaschen" zu sein, deutet eine Ambivalenz gegenüber der Norm der psychischen Sauberkeit an. Dagegen wird therapeutische Arbeit von Psychotherapie-KlientInnen oft als Reinigung erwartet20 ähnlich der Buße. Die Metaphern des Behälters und der Sauberkeit überschneiden sich dabei im Modell der Katharsis: Die Psyche als Behälter kann durch das "Rauslassen" der "schmutzigen" Gedanken gereinigt werden. In der Psychiatrie erleben wir immer wieder auch Menschen, KlientInnen wie Angehörige, welche eine Psychose als Katharsis verkennen, bis deutlich wird, dass das "Herauslassen" keine zeitliche und psychische Grenze mehr findet, diese metaphorische Konzeption der Psychose als Katharsis nicht angemessen ist. Natürlich existiert diese Vorstellung ebenso in Konstrukten esoterischer "Blutreinigung" und "Entschlackung", die zugleich die Psyche meinen. Gleichermaßen gehen die in vielen Kulturen bekannten rituellen Reinigungen davon aus, dass nicht nur die Haut, sondern auch die Seele gleich mitgewaschen wird. Diese Ideen berühren sich mit dem Thema der psychischen Ansteckung, das später diskutiert wird.
10. Heiße und kühle Köpfe Lakoff zeigt in einer imponierend breit angelegten Fallstudie zu "Wut" im Englischen, dass diese Emotion sehr oft mit Hitze in Verbindung gebracht wird (Lakoff 1987/380ff). Auch im Deutschen lassen sich dafür und für den hier interessierenden Bereich extremer psychischer Zustände viele Beispiele finden. Wenn jemand "zu heiß gebadet" worden oder "hirnverbrannt" ist, einen (Sonnen-) "Stich" hat oder "vor Wut kocht", wenn er beschimpft wird: "der hat doch 'nen Fön!", wenn es in ihm "brodelt", wenn wir jemand "Feuer", "Fieber" oder "Glut" attestieren, dann sind wir uns einig, dass es sich dabei um einen hohen psychischen Aktivierungszustand handelt, der in Einzelfällen ("zu heiß gebadet") offenbar überdosiert war. Hohe Temperatur ist also nicht nur negativ kodiert, sondern ambivalent: auf etwas "heiß" zu sein, drückt unterschiedliche angenehm erlebte Bedürfnisse aus. Stärker zeigen Formulierungen wie "Der ist nicht ganz gar" oder "nicht ganz gebacken", dass Lebenserfahrung in höheren psychosozialen Temperaturbereichen notwendig zu sein scheint; einmal auf "glühenden Kohlen" gesessen zu haben, reicht vielleicht nicht aus, während "abgebrüht" zu sein ein ungesundes Übermaß solcher Erfahrungen nahe legt. - Aber auch das entgegengesetzte Ende der Temperaturskala ist nicht nur negativ besetzt. Einen "kühlen Kopf" bewahren zu können, wird durchaus als angenehm empfunden, während "kaltes Lächeln", "eisige Reaktionen" und "kühle" Begrüßungen unangenehm wirken - man bekommt dann "kalte Füße" und zieht sich eventuell zurück21. Diese Formulierungen übergreifen den Bereich der nur auf das Psychische orientierten Betrachtungen; auch in den Wendungen "warmherzig" oder "kaltherzig" ist nicht nur die beschriebene Person, sondern auch die soziale Interaktion gegenwärtig: Metaphern sind implikationsreich und selten auf ein einziges Bedeutungsfeld zu vereindeutigen. So ist die "heiße Phase" einer Beziehung für beide temperierend, entgegengesetzt wirkt ein sich "abkühlendes" Verhältnis auf seine darin befangenen ProtagonistInnen. Ein "Strohfeuer" verdeutlicht eine zeitlich begrenzte soziale Erwärmung zweier Personen, während das zurückhaltendere "mit jemandem warm werden" oder "auftauen" stabilere Temperaturen erwarten lässt. Einen "warmen Bruder" scheinen manche Geschlechtsgenossen nur durch "kühle Behandlung" zu ertragen. Kurze Heizperioden findet man in "sich die Köpfe heiß reden" und "hitzigen Diskussionen". Im psychosozialen Bereich ist natürlich der "Burnout" bzw. die Verdeutschung "ich bin völlig ausgebrannt" als Synonym der emotionalen Verausgabung üblich, das ähnlich lautende "ich bin ziemlich abgebrannt" beschränkt sich auf den wirtschaftlichen Zustand seines bürgerlichen Subjekts. Trotz dieser Verwendung finden sich keine Beispiele für die Hitze-Metaphorik als psychosozial-professioneller Praktik; es handelt sich hier um eine Bildwelt, die ausschließlich in der Umgangssprache Interaktionen beschreibt und leitet ("Bleib' cool!"). Wie jedoch die rigiden Ratschläge einer älteren Pädagogik, bei warmen Gedanken kalt zu duschen, und die Theologie der Bäderkuren nach Kneipp zeigen, wird in der Behandlung mit warmen, heißen und kalten Bädern psychische Stimulation bzw. Abkühlung vermutet. Natürlich spielen sie auch in der Geschichte psychiatrischer Be- und Misshandlungsmittel eine Rolle (Dörner 1984/83, 124; Bleuler 1975/189): Hier wurde die Metaphorik der "Erhitzungen" als wörtliche Wahrheit verstanden, die Metaphorik verdinglicht und den Betroffenen mit kalten Bädern und Untertauchungen die heißen Gedanken ausgetrieben.
11. Leib und Seele So wenig konkret psychische Extremzustände zu fassen sind, so sehr benötigen sie Bilder aus anderen Bereichen; schon die eben diskutierte Metaphorik - "Psychische Krisen sind Überhitzungen" - greift auf körperliche Erfahrungen zurück: Temperaturanstieg bis ins Gesicht, rot werden, Blutandrang, "Ich könnte platzen!". So liegt es auch nahe, psychische Extreme als organische Erkrankungen zu metaphorisieren. Diese Metaphorik hat eine deutliche institutionelle Ausprägung erfahren: So hat Dörner (1984) darauf hingewiesen, dass die Integration der "Irren" als Kranke, als "Geisteskranke" in die Medizin ein, historisch gesehen, junges Ereignis ist. Dörner und Plog (1984/34) haben auf die Implikationen der Krankheitsmetaphorik hingewiesen: Einerseits hat die Zuschreibung einer Krankenrolle eine Stigmatisierung als Minusvariante des Gesunden zur Folge, andererseits hat sie die medizinische Behandlung und die Schaffung von Lebensräumen ermöglicht, die weniger den Anforderungen der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft entsprechen22. Neben dieser institutionell konstitutiven Metaphorik von der "Geisteskrankheit" existiert jedoch eine Vielzahl umgangssprachlicher Metaphern, in denen solche Krisen23 als Körperkrankheiten gedeutet werden. Da ist zunächst das Bild: Psychische Krankheit ist eine oft durch einen Schlag herbeigeführte Beschädigung des Körpers, meistens des Kopfs: "hirnamputiert", "Hirnis", "hirnrissig", "einen Hau / Klopfer / Schlag haben", "selig sind die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer", "behämmert", "bescheuert"; "einen Schuss / Lattenschuss / Knall" haben, "durchgeknallt" sein, "Knallkopf"24, "Knallis", in der "Klapse" bzw. "Klapsmühle" sein, "Tollpatsch (Duden: patsch: klatschender Schlag), "wie vom Schlag getroffen", "betroffen" sein, das "trifft ihn hart", "angeschlagen", "beschlagen", "verschlagen", "zerschlagen", dass hat ihn "umgehauen", "gerädert" sein25, eine "Macke" haben26. Der Kopf als Sitz der meisten Sinnesorgane eignet sich besonders zur Beschreibung psychischer Qualitäten: "Schwachkopf", der "hat doch einen Hirnstein", ein anderer jedoch ist "nicht auf den Kopf gefallen", ein dritter will "mit dem Kopf durch die Wand", "Dickschädel", "Holzkopf", "engstirnig", "dickköpfig", "sich den Kopf zerbrechen", "verkopft" sein. Aber auch die anderen Körperteile können in metaphorischer Absicht gebraucht werden. Die Haut als größtes Sinnesorgan finden wir in Formulierungen wie "das ist ein wunder Punkt", "das gibt mir einen Stich", "das verletzt ihn", eine "dünne Haut haben", "das juckt mich nicht"; "Vulnerabilität" transportiert die fachsprachliche Variante dieser Metaphorik. Allgemeinere Beschreibungen physischer Zustände des Leibs werden umstandslos für die Psyche genommen: "Kränkung", "Stärkung", "geistlich gestärkt", "stark" sein, "bekräftigen" und "verkraften", "Verstärker", intellektuell "schwach" sein, "Schwachsinn", es "wurmt" mich, "Würmer aus der Nase ziehen", "sich in die Hosen machen" vor Angst, mir geht es "beschissen", "Laus über die Leber gelaufen", "steif" sein, jemandem "auf den Zahn fühlen", "der tötet mir den letzten Nerv", er "hat den Nerv getroffen". Auch das Herz hat seine Bilder: "beherzt" sein, "gebrochene Herzen", ein "weiches" oder "steinernes Herz" haben, das "Herz rutscht ihm in die Hosen".
Geschmack und orale Empfindungen stehen ebenfalls als Bildspender für die Wahrnehmungen des Psychischen zur Verfügung: "das war bitter für ihn", "verbittert sein", der ist ein "Sauertopf", "sauer" sein; jemandem etwas "schmackhaft machen", das ist "unverdaulich" und "liegt mir im Magen", jemanden "süß" finden; "Liebe geht durch den Magen", "die Arbeit frisst ihn auf", er ist ein "Kotzbrocken", "in den sauren Apfel beißen". Ähnlich nützen wir olfaktorische Eindrücke: "der stinkt mir", die "Nase rümpfen" über jemanden, "anrüchig", "stinkig" sein, "stänkern", die "können sich nicht riechen", "Stunk machen".
Medizinische Latinismen und Graezismen transportieren ebenso oft körperliche Bilder in das Seelische: "debil" (lat.): kraftlos; "imbezil" (lat): imbecillus: haltlos, schwach; die "Hysterie" bezog sich auf einen phantasierten körperlichen Zusammenhang mit der Gebärmutter (griech.: hystera); die "Melancholie" verdankt sich humoralpathologischen Vorstellungen der Körpersäfte (griech.: melas: schwarz; cholos: Galle), und "Trauma" (griech.) ist die körperliche "Verletzung". Die "Neurasthenie" (griech. "neuron": Nerv; griech. "sthenos": Stärke), wörtlich also "Nervenstärke", ist in der deutschen Bedeutung zum Gegenteil einer Stärke mutiert.
Exkurs 3. Körper, Psyche und Faschismus Eine Zuspitzung erfuhr das metaphorische Konzept "Psychische Extremzustände sind körperliche Erkrankungen" in der Rhetorik des Faschismus. Die Biologisierung psychischer Qualitäten mit der im Rassenwahn verankerten Vorstellung einer umfassenden Vererbbarkeit psychischer Erkrankungen kulminierte in den Euthanasie-Programmen; Vorstadien dieses Denkens lassen sich jedoch schon vorher finden (Damm, Emmerich 1989/45; Grell 1989/73, 297ff.). Die ausschließliche Biologisierung der psychisch Erkrankten27 als "erbbiologisch Minderwertige" (Hühn 1989/93) quer durch alle Diagnosegruppen bis hin zu kriminellem Verhalten ("verbrecherischen Anlagen") hat, in der Metapher konsequent gedacht, das Ziel, die "Entartung" zu verhindern und eine "Aufartung" zu erreichen; ebenfalls konsequent züchtungs-biologisch folgt die Notwendigkeit der "Ausmerzung" der Betroffenen. In den Kontext der Biologisierung gehört der Gedanke, psychische Erkrankungen seien ansteckend: Die ironische Rede vom "Schizzokockus", die Wahrnehmung einer depressiven "Ansteckung", aber auch der Ausspruch "Lachen ist ansteckend" zeigen, wie sich der Versuch, den Übergang der Affekte von einem Menschen auf den anderen zu denken, auch in harmloseren Formulierungen der Metaphorik der Ansteckung bedient. Jodelet (1991) hat in französischen Gemeinden, in denen psychisch Kranke seit Jahrzehnten in Familien untergebracht waren, Alltagstheorien der Ansteckung von psychischer Erkrankung rekonstruiert, die auch besondere Reinigungen der Wäsche und des Geschirrs der Untergebrachten mit sich zogen, ebenso wie fast abergläubische Trennungen der Räume etc.28 Dieser Gedanke der Ansteckung psychischer Erkrankungen ist daher nicht nur auf faschistisches Gedankengut zu reduzieren, sondern vielleicht epochenspezifisch; dazu ein Beispiel: Victor Klemperer hat als Jude, der mit einer deutschen Frau verheiratet war und deshalb dem KZ, nicht aber den Erniedrigungen bis zur Folter entkam, in seinen Tagebüchern versucht, das Geschehen um sich zu erklären und seine intellektuelle Existenz als Professor für romanische Philologie zu retten. Seine darauf aufbauenden eindringlichen Analysen der Sprache des Dritten Reichs (Lingua tertii Imperii, LTI, 1947, 1993) haben ihn nach dem Krieg bekannt gemacht. Aber auch er kann sich der Biologisierung psychischer (und gesellschaftlicher) Qualitäten nicht entziehen: "Auch ich glaube, dass er" (Hitler, R.S.) "sich wirklich für einen neuen deutschen Heiland zu halten bestrebt war, das in ihm die Überspannung des Cäsarenwahns in ständigem Zwist mit Wahnideen des Verfolgtseins lag, wobei beide Krankheitszustände sich wechselseitig steigerten, und das eben von solcher Krankheit her die Infektion auf den vom Ersten Weltkrieg geschwächten und seelisch zerrütteten deutschen Volkskörper übergriff. ... wurde er doch eine spezifisch deutsche Krankheit, eine wuchernde Entartung deutschen Fleisches, ..." (1993/61; ähnlich 140f.; Hervorhebung R. S.). Die Metaphorik psychischer und sozialer Extremzustände als körperlicher Erkrankung dominiert hier noch in der entschiedenen weltanschaulichen Gegnerschaft das Denken. Während bei Klemperer die Rede vom "geschwächten Volkskörper" noch als Metapher für das Verstehen des Grauens diente, hat der Nationalsozialismus aus den Bildern blutigen Ernst gemacht, sie verdinglicht. Einschränkend sei gesagt, dass die Worte des Faschismus für psychische Extreme sich nicht auf die Bilder von körperlich vererbbaren Erkrankungen beschränken; die oben zitierte Metaphorik seelischer Gesundheit als "kostbares Gut" und des Gegenteils in Form des "armen Irren" kehrt wieder als "lebendiges Volksvermögen", dem die "lebensunwerte" "Minderwertigkeit" gegenübersteht. Der Körper ist darüber hinaus Ort eines (erblichen) Schmutzes, und das "Erbgesundheitsgesetz" vom 14.7.1933 will daher die "allmähliche Reinigung des Volkskörpers" erreichen; andere Worte sind "Rassenreinheit" und "Rassenhygiene". Ferner taucht die Kampf-Metaphorik auf: "Krankheitsbekämpfung", psychische Erkrankungen sind "gemeingefährliche" Erkrankungen29. Auch diese Bildlichkeit existiert in neutralem Kontext heute noch: Thesen "verteidigen", Diskussions"gegner" etc. (Brünner 1987). Es liegt daher nahe, dass die Sprachbilder des Faschismus nicht neu, sondern Zuspitzungen bekannter und auch heute noch aktueller metaphorischer Muster sind. Das gilt auch für Licht, Feuer und Dunkelheit sowie der entsprechenden graphischen, plastischen und sprachlichen Bilder und Zeichen ("Lichtdome", Sonnwendfeiern) der nationalsozialistischen Ideologie. Licht und Wärme wurden positiv bewertet und mit dem Nationalsozialismus assoziiert ("Licht der neuen Zeit"), Dunkelheit und Kälte standen für die Charakterisierung von Gegnern und Feinden (Juden als "lichtscheue Gesellen"), der 2. Weltkrieg galt als "Kampf des Lichtes gegen die Finsternis" (Thöne 1976).
12. Auf der Bühne des Lebens Eine spezifischere Metapher als die Körpermetapher für psychische Ausnahmezustände ist das Schauspiel: Jemand "spielt verrückt" oder "macht ein Theater" und "braucht eine Bühne". Ein sicheres "Auftreten" wird noch angenehm erlebt, während Erlebnisse, dass B. wieder "einen Auftritt gehabt" und "eine Show abgezogen" hat, uns zu sehr distanzierten Zuschauern machen können. Überhaupt finden wir, dass X. "eine Rolle spielt", die nicht zu ihm paßt; Y. "spielt" mit Z. "ein übles Spiel". T. "bekam eine Rolle übergestülpt" oder hat "die Rolle übernommen", irgendetwas zu tun, ist jedoch "Marionette" von X.; er sollte "sich die Idee abschminken", dabei etwas erreichen zu wollen. - Aber auch hier findet sich innerhalb der gleichen Metaphorik die heilende Kur: Nicht nur Moreno mit dem von ihm beschriebenen Psychodrama als Psychotherapiemethode, auch Perls hat in der von ihm begründeten Gestalttherapie dem Schau-spielen psychotherapeutischen Wert zuerkannt; allerdings sind diese Gedanken in der psychiatrischen Behandlung spätestens seit Pinel um 1800 bekannt und praktiziert (Dörner 1984/151). In der Soziologie wurde die Schauspielmetapher in extensiver Weise genutzt, um soziale Strukturen darzustellen: "Rollenverhalten", "rollenkonform", "Rolleninhaber", "Rollenkonflikt", "Rollendistanz", "Rollenerwartung", "Patientenrollen" etc. Im weiteren finden sich noch einige Metaphern, die andere Spiele als das Schauspiel zu Bildspendern für die Beschreibung verzwickter psychischer Lagen funktionalisieren: "schachmatt sein", "im Abseits stehen", "aus dem Spiel geworfen sein", "in der Zwickmühle sein".
13. Von Mondsüchtigen, windigen Typen und sonnigen Gemütern Der Titel des Unterkapitels deutet es an: Im Wetter und in anderen Abläufen und Gegenständen der Natur finden wir nicht nur das Thema, welches das Material des alltäglichen Smalltalks ergibt, sondern auch einen Bildspender, der als naturgegebenes und von außen nicht beeinflussbares Modell wie Pflanzen, Tiere (s.o.) und Wasser (s.u.) eine große Selbständigkeit und Andersheit des Fremdpsychischen hervorhebt. Jemand ist "stürmisch", ein "windiger Typ", oder gar "durch den Wind"; die Laune ist jemandem "verhagelt" worden: Bei diesen eher unattraktiven Zuständen oder Eigenschaften der Psyche lässt sich kaum eine Intervention denken, ebenso wenig in den Formulierungen, sie habe ein "sonniges Gemüt", sei "versonnen" oder würde sich "in der Anerkennung sonnen". Die aktivste Redewendung, jemand würde "versuchen, gut Wetter zu machen" hat den Makel der möglichen Vergeblichkeit: Diese Redewendung findet sich daher oft in Kombinationen mit Modalverben wie "wollen" und "sollen", die nicht unbedingt die gelungene Handlung antizipieren. Angesichts dieser dominierenden Umwelt bleibt als freier Akt der Selbstbestimmung nur die resignative Strategie, "sein Mäntelchen nach dem Wind" zu hängen. Ganz selten kann man diese Erscheinung für sich nutzen: "Wind von einer Sache bekommen". Das Wetter als alleinigen Quellbereich dieser Metaphorik zu begreifen, scheint jedoch etwas eng; es ist sinnvoller, andere Vorgänge der äußeren Natur miteinzubeziehen. Wir finden sie in Formulierungen wie "im zweiten Frühling sein", dem "Herbst des Lebens" oder dem "Lebensabend"30: Der Wechsel der Jahreszeiten und der Tag-Nacht-Rhythmus fügen sich in die Unbeeinflussbarkeit des Natürlichen ein. "Mondsucht" war nicht nur eine Paraphrase des Schlafwandelns, sondern des Irreseins überhaupt; in England hießen sie "lunatics", die Behandlungsstätten "lunatic asylums" (Dörner 1984/27). - Die Metaphorik dieser äußeren Naturkräfte lassen sich, so hat es Rauchfleisch 1982 belegt, in der therapeutischen Kommunikation gerade auch mit schwierigen KlientInnen nutzen, um für die Heftigkeit der Affekte dennoch Wort und Bild in der Sprache zu finden.
14. Krankheit ist Besessenheit Die Metaphorik, psychische Erkrankung als Besessenheit zu interpretieren, scheint uns historisch und kulturell31 sehr fern. Diesem ersten Eindruck widersprechen Metaphern, die immer gebräuchlich waren, sowie neue Erscheinungen im religiösen und esoterischen Kontext. Zunächst zu der bekannten Wendung: "Was ist denn in den gefahren?" Das klingt neutral - aber beantworten wir die rhetorische Frage, kommen nur Formulierungen wie "der Teufel" oder "ein böser Geist" in Frage. Natürlich ist das dann ein Zustand, in dem man "von allen guten Geistern verlassen" sein muß: sozusagen ein Wohnungswechsel der imaginären Besucher. In der Formulierung "einen kleinen Mann im Ohr haben" ist ebenfalls eine Besessenheit zu rekonstruieren; dies mag eine Verbilderung akustischer Halluzinationen sein. Wir reden davon, dass "sein guter Geist" ihn vor einem Unfall bewahrt habe; Ideen und Meinungen, die wir für weniger zutreffend halten, "geistern" durch das Land. Als gebe es ein Tabu für das Aussprechen, glauben wir nur noch von Dingen oder Situationen, sie seien "verhext"; selten trifft man noch den "bösen Blick" an, der sich meistens in ein "jemanden auf dem Kieker haben" verwandelt hat. Ebenso diffus ist die Andeutung, "mich überkommt etwas". Diese Tilgung des handelnden bösen Geistes aus der Sprache und dem Denken scheint vollkommen und erlaubt es uns, die Worte "besprechen" und "Besprechung" neutral zu erleben - dabei waren es Hexen und Zauberer, die Warzen, Amulette und andere Symbole "besprochen" haben. Die universelle Kultur der "Besprechung" von "Problemen" in allen Sparten und Disziplinen partizipiert offenbar an der magischen Wirkung des Rituals der "Besprechung" und ermächtigt uns zu Hexen(meistern). Auch ein anderes, harmlos klingendes Wort verweist auf Zusammenhänge jenseits des Rationalen: "begeistert" zu sein impliziert die Aufnahme von Geistern zur Steigerung des Lebensgefühls; andere, eher orale Zufuhr von Geistern finden sich in den Ausdrücken wie "Kellergeister", "Weingeist", "geistige Getränke". Eher ein nur etymologischer, nicht mehr psychisch aktiver und nachvollziehbarer Zusammenhang findet sich im Wort "Panik", dem französischen "panique" im 16. Jahrhundert entlehnt, das wiederum auf das griechische "panikos" zurückgeht: "durch Pan bewirkt", da das Auftreten des Gottes (mit Ziegenhörnern und -füßen behängt) Schrecken bewirken sollte (Kluge 1989/524). PraktikerInnen der psychiatrischen Versorgung wissen, dass für große Teile des Islam, aber auch in christlichen Freikirchen ebenso wie den orthodoxeren Zirkeln der beiden großen Konfessionen, psychische Erkrankungen von Mitgliedern nach wie vor als Besessenheit interpretiert werden; die Glossolallie-(Zungenreden)-Bewegung, in der Metaphern der Besessenheit ebenfalls als reale, körperliche Erscheinungen verdinglicht werden, beschreibt Csordas 1990.
15. Kleider machen (kranke) Leute Blumenberg 1960 hat in seinem Essay über die Metaphern der Philosophiegeschichte darauf hingewiesen, dass zur Beschreibung einer Wahrheit seit der Aufklärung Unverhülltheit, ja Nacktheit als Bild gebraucht wurde: die "nackte Wahrheit". Ähnliches ist in der Umgangssprache immer noch zu finden, bezeichnet dort vor allem die soziale Dimension der Psyche und damit auch den ihrer Zustände und Verirrungen. Zum einen sind es Menschen, die "zugeknöpft" sind, sich "bedeckt halten", vielleicht sogar etwas "verschleiern" wollen, günstigstenfalls sich "in Schale geworfen" haben. Ihnen stehen Menschen gegenüber, die "Blößen zeigen", "bloß gestellt" werden oder in wenig passenden Momenten "die Hosen runter lassen". Psychische Irritation zeigt sich im Licht dieser Metaphorik also als eine Über- bzw. Unterstimulation der sozialen und gleichzeitig leibhaft erfahrenen Kommunikation; sexuelle und psychosoziale Macht findet sich dann in den entsprechend übergriffigen Bildern: "jemandem an die Wäsche gehen", "jemanden umkrempeln", sie "hat die Hosen an", er "steht unter dem Pantoffel". Eine ähnliche Verletzung der persönlichen Sphäre besteht darin, jemandem "auf den Schlips zu treten". Kleidung konstruiert also, wie oben in der Behälter-Metaphorik beschrieben, einen umgrenzten Raum, an dessen Grenzen die soziale Interaktion prozessiert und das Bild der Psyche verhandelt wird. Formulierungen wie "ein dünnes Nervenkostüm" verweisen darauf, dass eine soziale, durch Kleidung imaginär konstruierte Abgrenzung als tendenziell gesund empfunden wird. Ähnlich wird im "Seelenstriptease" der Verlust an Kleidung mit der (unpassenden) Preisgabe persönlicher Erfahrungen verbunden - dieses Bild kennzeichnet Ängste und Abwehr der Alltagspsychologie gegenüber Psychotherapie.
16. Die Psyche und das Gleichgewicht Ein bekanntes Bild für psychische Stabilität ist das der Waage: "unausgeglichen" oder "ausgeglichen" sein, "sein Gewicht in die Waagschale werfen", "das war ein Balance-Akt", einen "Ausgleich" brauchen. In latinisierten Formen der "Kompensation" oder des "Kompensierens" ist das originale "pensare: abwägen, ausgleichen" (Kluge 1989/394) zu finden. Es scheint jedoch, dass wir auch hier eine starke körperliche Komponente dieses Bildes vermuten müssen, die mit dem Bild der Waage nur nach außen verlegt wird: Wir kennen das körperliche "Gleichgewicht" und sprechen in übertragenem Sinn dann vom "inneren Gleichgewicht" oder davon, jemanden "aus dem Gleichgewicht zu bringen". Ein Gefühl oder eine Situation kann "umkippen" oder "auf der Kippe" stehen. Dieses Bild der Psyche hat wie viele andere einen strengen bipolaren Charakter, und die Alltagspsychologie konstruiert damit eine eindeutige Zuordnung wie Wertung: Psychische Erkrankung oder Krise wird mit Bildern des Ungleichgewichts metaphorisiert, Gesundheit oder psychotherapeutische Arbeit als (geglückten) Versuch, sein "Gleichgewicht zu finden"; meist ist mit "Ausgleich" ein sportliches Betätigen verbunden, das der Arbeit am Schreibtisch gegenübergestellt wird.
17. Die Psyche und der Krieg Unter die einfachen und zugleich kräftigen Bilder des alltä |