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Debatte "Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung"

Moderation: Franz Breuer, Carlos Kölbl, Jo Reichertz und Wolff-Michael Roth

Was ist gute Wissenschaft? Was ist gute Sozialwissenschaft? Was ist gute qualitative Sozialforschung? Was sind die Kriterien und Maßstäbe für solche Beurteilungen?

Die Diskussions-Tradition zu dieser Problematik im Zwanzigsten Jahrhundert ist – was den offiziellen Diskurs anbetrifft – hauptsächlich geprägt von Gesichtspunkten der Erkenntnistheorie, der Wissenschaftstheorie bzw. einer allgemeinen Methodenlehre. Im frühen Zwanzigsten Jahrhundert gab es in europäischen Denktraditionen die Idee einer "Einheitswissenschaft", die einheitliche methodologische und Güteprinzipien für alle empirischen Wissenschaften postulierte und auszuarbeiten versuchte. Diese Idee zerfiel unter den Erfordernissen disziplinärer Besonderheiten. Aber auch die Sozialwissenschaften waren – besonders seit der Zeit des Zweiten Weltkriegs – in der "westlichen Hemisphäre" von Überresten dieser Tradition bestimmt: dem Gedanken eines naturwissenschaftlichen Königswegs der Erkenntnisproduktion. Hermeneutische, "qualitative" Methodologien und Methoden besaßen (und besitzen) demgegenüber in den Beurteilungen der empirischen Sozialwissenschaften verbreitet (aber disziplinär und regional/national durchaus mit Differenzen) ein Minus an akzeptierter Wissenschaftlichkeit.

Mit der Dominanz-Einbuße wissenschaftslogischer Konzepte (prototypisch: des Kritischen Rationalismus) und einer stärkeren Fokussierung auf "soziale Verhältnisse" in der Wissenschaft und in wissenschaftlichen Gemeinschaften (etwa in der von Thomas S. KUHN angestoßenen Denktradition) begann eine Trendwende in wissenschaftstheoretischen Überlegungen: Nicht mehr nur die logisch und epistemologisch zu rechtfertigenden Kriterien der Gewährleistung von Erkenntnisgewissheit werden als Gütemerkmale von Wissenschaft gesehen. Vielmehr fällt nun der Blick auf kognitive, soziale, wirtschaftliche, kulturelle, mediale, historische Aspekte des Handelns von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Nicht dass solche Aspekte zuvor keine Rolle gespielt hätten – vor allem die Aussicht auf Nutzen für Wirtschaft und Kriegführung war immer ein mächtiges Stimulans der Wissenschaft, auch der Sozialwissenschaften. Nun werden solche Überlegungen jedoch auch im offiziellen Diskurs aus der Tabuzone herausgeholt, in stärkerem Maße realistisch beschrieben und analysiert – aber auch wissenschaftspolitisch neu akzentuiert.

Galt beispielsweise das Einwerben von Fördermitteln aus der Privatwirtschaft in den westdeutschen Sozialwissenschaften in den 1970er Jahren in weiten Kreisen (v.a. bei "kritischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen") als verpönt, stellen solche Gelder heutzutage einen verbreitet akzeptierten ausgezeichneten Qualitätsbeweis wissenschaftlicher Arbeit (Projekte, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen) dar. Welche (sozial-) wissenschaftlichen Argumente rechtfertigen diesen Haltungs-Wandel?

Die gesellschaftlich-sozialen Maßstäbe der Beurteilung wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion haben sich drastisch verändert: Neben Postulaten einer engeren Verknüpfung mit "der Wirtschaft" spielen "die Medien" in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle: seien es innerwissenschaftliche Publizitäts-Gesichtspunkte (Ranking von Zeitschriften, in denen veröffentlicht wird; Maßzahlen für Zitationshäufigkeiten u.ä.) oder außerwissenschaftliche Resonanz (in Massenmedien: Presse, Fernsehen etc.). Besitzen diese (Selektions-) Instanzen bzw. Kriterien eine begründbare Rationalität? Was ist deren Legitimitäts-Basis unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten?

Die traditionellen wissenschaftstheoretisch-methodologischen Gütekriterien des Zwanzigsten Jahrhunderts sind in der jüngeren Vergangenheit (mindestens) von zwei Seiten in die Zange genommen worden.

  • Einerseits von Rückzügen bzw. Abschwächungen der innerwissenschaftlich postulierten Ansprüche hinsichtlich (prinzipiell) erreichbarer Erkenntnisgewissheit: Durch wissens- und wissenschaftssoziologische Argumente zur Bedeutung der Erkenntnisinstrumentarien, der Sprache, der sozialen Kontexte, der Diskurse, der Erkenntnissubjekte etc. für unser wissenschaftliches Wissen wurde vieles relativiert, was bis dahin "felsenfest" zu stehen schien. Nicht mehr die "eine Wahrheit" ist im Visier wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen, sondern die Frage nach der (legitimen) Anzahl der Wahrheiten – bis hin zu einer Aufhebung von Wahrheitsansprüchen überhaupt.

  • Andererseits durch eine engere Führung und Kontrolle der wissenschaftlichen Arbeit (zunehmend gerade auch an wissenschaftlichen Hochschulen) durch wirtschaftliche und administrative Interessen und Bewertungen und entsprechende institutionelle ("Evaluations"-) Prozeduren.

Hier hat sich im letzten Vierteljahrhundert offensichtlich etwas Entscheidendes verändert. Nach welchen Prinzipien richten sich denn die aktuell praktizierten Bewertungs- und Güte-Richtlinien für (qualitative) Sozial-/Wissenschaft? Und wonach sollten sie sich richten? Haben (reflexive) Sozialwissenschaftler(innen) selbst zu dieser Frage überhaupt etwas beizutragen? Woher kommt dieses sonderbare verbreitete Schweigen zu diesen essenziellen Grundsatzfragen? Gibt es keine eigenen Standpunkte und Überlegungen zur Begründung von Standards? Oder wollen die Akteure sich lieber beim Wettlauf auf die Ressourcenverteilung nach zweifelhaften (und im Hinterbühnen-Diskurs verspotteten – aber leider mächtigen) administrativen Kriterien nicht die eigenen "Gewinn"-Chancen vergeben?

Die Positionen in Lehrbüchern der sozialwissenschaftlich-qualitativen Methodenlehre zum Problem der Gütekriterien bewegen sich in einem breiten Spektrum: Zwischen grundsätzlicher Übernahme der klassisch-kanonischen Standards des "quantitativen" Forschungsmodells (mit gewissen Modifikationen und Anpassungen) bis zu der Auffassung, hier müssten grundsätzlich andere Wege gegangen werden. Die Richtung des Wegs zu einem "alternativen" Kriterien-Kanon ist jedoch noch nicht konsensuell ausgemacht. Die methodologisch gerechtfertigte Abschwächung eigener Erkenntnisansprüche (im "innerwissenschaftlichen Diskurs") fördert einerseits neuartige und kreative Ideen wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion zutage (ein Paradefall scheint uns die selbstreflexive Debatte in der Ethnologie der letzten Jahre). Andererseits schwächt eine solche Selbstbesinnung die "politische" Position gegenüber dem ("quantitativen") Sozialwissenschafts-Mainstream sowie in der Konkurrenz um materielle Ressourcen für wissenschaftliche Projekte in der Arena der sich ungebrochen selbstgewiss Gebenden.

In diesem Spannungsfeld aus erkenntnistheoretischen und methodologischen, wissens-, wissenschaftssoziologischen und wissenschaftspolitischen Argumenten und Fronten wünschen wir uns diese FQS Debatte zu "Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung". Überlegungen und Diskussionen dieser Art sind gegenwärtig aus der Mode gekommen – aber dies scheint uns Teil des Problems: der Verunsicherung zwischen epistemologischer Beliebigkeit und "politischen" Behauptungen/Ansprüchen auf Hervorbringung gültiger Erkenntnisse, praktisch nützlicher und "darstellbarer" Problemlösungen.

Wir wünschen uns viele Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Leser, die (wieder) bereit sind, sich diesen Fragen in einer wissenschaftlich-selbstbewussten, autonomen und reflexiven Weise zuzuwenden.

Wenn Sie selbst einen Beitrag zu dieser Debatte schreiben wollen, wenden Sie sich bitte an Franz Breuer, Carlos Kölbl, Jo Reichertz oder Wolff-Michael Roth.

Bisher veröffentlichte Beiträge

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Zu der Replik von Franz Breuer
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Über das In-die-Knie-Gehen vor der Logik der Einwerbung ökonomischen Kapitals – wider bessere wissenssoziologische Einsicht. Eine Erregung
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Editorial Note
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Zur Gültigkeit von Qualitativer Sozialforschung
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FQS 1(2)

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Letzte Änderung: 28.09.2007

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(ISSN 1438-5627)

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