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Dem Prinzip der Gegenstandsorientierung entsprechend gibt es für unterschiedliche Erkenntnisinteressen und thematischen Bezüge verschiedene Auswertungsmethoden. Der folgende Vorschlag, der sorgfältige Einzelfallanalysen mit einer Typenbildung auf der Basis relativ großer Fallzahlen zu verbinden sucht, bezieht sich auf langjährige eigene Erfahrungen in Forschungsprojekten mit sozialisations- und lebenslauftheoretischen Fragestellungen (z.B. HEINZ et al. 1987, KÜHN & WITZEL 1999). [19]
Grundlage aller Auswertungsarbeit (WITZEL 1996) ist die Fallanalyse auf der Basis vollständig transkribierter Interviews. Dabei bezieht sich der erste Schritt konsequenterweise auf die bereits im Verlauf der Erhebung initiierten Vorinterpretationen, die der Auswerter Satz für Satz deutend nachvollzieht. Die Resultate dieses Auswertungsprozesses bestehen zunächst in der Markierung des Textes mit Stichworten aus dem Leitfaden (theoriegeleitet) und mit Begrifflichkeiten, die neue thematische Aspekte aus den Darstellungen der Interviewpartner kennzeichnen (induktiv). [20]
Diese Markierungen können auch Grundlage der Entwicklung eines Codierrasters für den Aufbau einer Textdatenbank sein, die als elektronisches Fundstellenregister mit komplexen Zugriffsmöglichkeiten genutzt werden kann. Mithilfe von "Retrievals", d.h. über eine Datenbank hergestellte Verknüpfungen von Schlagwörtern ("Codes") oder Variablen (wie Geschlecht, Beruf) mit Textpassagen (vgl. PREIN 1996), lassen sich dann unter verschiedenartigsten Aspekten Originaltextstellen finden oder Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Textstellen und Einzelfällen herstellen (KÜHN & WITZEL 1999). [21]
Des weiteren erfolgt eine analytische Zuordnung thematischer Auffälligkeiten zu "In-vivo-codes", d.h. alltagsnahen Begriffen. Diese Auswertungsideen können Eingang finden in Notizen oder kleinen Ausarbeitungen, die GLASER und STRAUSS (1998) "Memos" nennen. [22]
Der nächste Schritt der Fallanalyse besteht im Verfertigen einer Falldarstellung oder biographischen Chronologie, die den Interpreten mit dem Einzelfall vertraut machen soll. Mit ihnen lassen sich in der weiteren Analyse Einzelaussagen oder Textsequenzen in einen Gesamtzusammenhang, z.B. eines biographischen Verlaufs stellen. Diese Gesamtgestalt erleichtert auch den Einstieg in die ständig notwendigen Re-Analysen. [23]
Das Dossier bzw. die Fallbewertung enthält einen Kommentar des Auswerters über die Beschaffenheit des vorliegenden Interviewmaterials, die Besonderheiten des Falls, interpretative Unsicherheiten, außergewöhnliche Ereignisabläufe und methodische Fehler. [24]
Fallspezifische zentrale Themen stellen erste Ergebnisse des theoriegenerierenden Interpretationsschritts mit themen- oder biographieorientierten Auswertungsideen dar. Sie werden zu einer prägnanten Aussage verdichtet und verbinden Originaltextstellen, Paraphrasierungen und analytische Aussagen ("offene Kodierung", STRAUSS & CORBIN 1990). Gleichzeitig können Heuristiken wie z.B. ein handlungstheoretisches Modell für die themenspezifische Nachvollziehbarkeit der subjektiven Logik des Falls nützlich sein ("axiale Kodierung", dies.). Dies zeigt wiederum, wie eine offene und eine theoriegeleitete Vorgehensweise miteinander verschränkt sind. Diese Stufe der theoretischen Begriffsbildung wird anschließend individuell am Text und dann im Auswertungsteam diskursiv validiert. [25]
Der systematisch kontrastrierende Fallvergleich zielt zunächst auf die Erarbeitung fallübergreifender zentraler Themen. Dabei werden die Einzelfälle in ihren inhaltlichen Ausprägungen und Merkmalen wie Geschlecht, Region und Beruf nach dem Prinzip "maximaler und minimaler Kontrastierung" (GERHARD 1986, S.69) miteinander verglichen und Ähnlichkeiten und Gegenevidenzen gesucht. Interessante Problembereiche, Querverbindungen etc. werden herausgearbeitet und in Memos festgehalten. Ziel ist dabei, "Kernkategorien" (STRAUSS & CORBIN 1990) z.B. in Form eines Typologiekonzeptes zu entwickeln, die dann in der nächsten Auswertungsstufe des "selektiven Kodierens" (vgl. dies.) als Deutungshypothese genutzt, nunmehr theoriegeleitet oder deduktiv mit weiterem empirischen Material aufgefüllt werden. [26]
1) Empfehlenswerte Zusammenfassungen: MEY 1999, S.142-150, LAMNEK 1989, S.74-78. Hinweise zur Durchführung der Erhebung und der Auswertung am praktischen Beispiel: SCHMIDT-GRUNERT 1999.
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2) Handlungskontexte wie Schul-, Berufs- und Arbeitsmarktorganisation, Geschlecht, Schicht oder regionale Besonderheiten sind objektiv insoweit, als sie dem individuellen Handeln vorausgesetzt und von den Akteuren nicht veränderbar sind.
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Andreas WITZEL, Dr. phil., Dipl.-Psych.; geboren 1945; Studium in Regensburg und Darmstadt; wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen; seit 1990 im Sonderforschungsbereich 186 "Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf" (hierzu weitere Informationen unter: http://www.sfb186.uni-bremen.de) (Broken link, FQS, May 2003).
Interessen: Berufliche und vorberufliche Sozialisationsforschung, insbesondere Umgangsweisen Jugendlicher und junger Erwachsener mit ihrer Berufsbiographie und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität; Methoden der interpretativen Sozialforschung, insbesondere qualitative Interview- und Auswertungsverfahren und Verknüpfung qualitativer und quantitativer Methoden.
Kontakt:
Sonderforschungsbereich 186
Wiener Straße, Postfach 330440
D 28334 Bremen
Fax: +49 / (0)421 / 218 4153, Tel.: +49 / (0)421 / 218 4141
E-Mail: awitzel@sfb186.uni-bremen.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und Absatznummern, wenn notwendig):
Witzel, Andreas (2000, Januar). Das problemzentrierte Interview [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00witzel-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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