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Volume 8, No. 2, Art. 14 – Mai 2007 Vorschläge zur Operationalisierung der Diskurstheorie von Laclau und Mouffe in einer Triangulation von lexikometrischen und interpretativen Methoden Georg Glasze Zusammenfassung: Die Diskurstheorie nach Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE führt den FOUCAULTschen Diskursbegriff mit dem (post-)marxistischen Hegemoniebegriff sowie den poststrukturalistischen Arbeiten von Jacques DERRIDA und Roland BARTHES zusammen. Diskurse werden dabei betrachtet als temporäre Fixierung von Differenzbeziehungen. Bedeutung, d.h. jegliche soziale "Objektivität", wird als Effekt einer solchen Fixierung konzeptionalisiert. Die Diskussion über eine angemessene Operationalisierung der Diskurstheorie steht erst in den Anfängen. Im Beitrag wird argumentiert, dass eine Triangulation zweier sprachwissenschaftlicher Verfahren geeignet ist, temporäre Fixierungen herauszuarbeiten: Mittels korpusbasierter lexikometrischer Verfahren sowie der Analyse narrativer Muster werden die Regelhaftigkeiten der Verknüpfung von Elementen herausgearbeitet und bspw. im diachronen Vergleich gegenübergestellt. Am Beispiel eines geographischen Forschungsprojekts wird gezeigt, wie auf diese Weise die historisch kontingente Konstitution einer internationalen Gemeinschaft und "Weltregion" analysiert werden kann. Keywords: Diskurstheorie, Diskursanalyse, Lexikometrie, Korpuslinguistik, Narrationsanalyse, Politische Geographie, Kulturgeographie, Frankophonie 1. Wie untersucht man die Fixierung von Bedeutungen? 2. Grundlagen der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE 2.1 Die strukturalistische Linguistik nach SAUSSURE: Bedeutung als Effekt von Differenzierungsbeziehungen 2.2 Kritik und Radikalisierung strukturalistischen Denkens im Poststrukturalismus: Bedeutung als fragil und niemals fixiert 2.3 Der Diskursbegriff bei Michel FOUCAULT: Diskurse als historisch kontingente Sagbarkeitsräume 3. Die Diskurstheorie nach Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE 3.1 Weiterführung und Präzisierung des Diskursbegriffs 3.2 Ausarbeitung eines nicht-essentialistischen Identitätsbegriffs 4. Diskursanalyse: Vorschläge zur Operationalisierung der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE 4.1 Triangulation von lexikometrischer Analyse und Untersuchung narrativer Muster 4.2 Lexikometrische Verfahren: von quantitativen Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen zur Bedeutung 4.3 Analyse narrativer Muster: von der Einbindung in narrative Muster zur Bedeutung 5. Fallstudie: die diskursive Konstitution der Frankophonie (1969-2004) 5.1 Ausgangspunkt: lexikometrische Untersuchungen 5.2 Analyse narrativer Muster und Interpretation 6. Fazit: Zählen und deuten
1. Wie untersucht man die Fixierung von Bedeutungen? Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE haben seit den 1980er Jahren auf der Basis des Diskursbegriffs von Michel FOUCAULT eine Diskurstheorie entwickelt, die in hohem Maße an die Konzepte des Strukturalismus und deren Radikalisierung im Poststrukturalismus anschließt. Diskurse sind danach eine kontingente und temporäre Fixierung von Bedeutung. Die Diskussion über eine angemessene Operationalisierung der Diskurstheorie im Rahmen von empirischen Forschungsprojekten steht allerdings erst in den Anfängen. Im Folgenden wird dargestellt, dass dafür Verfahren aus den Sprachwissenschaften genutzt werden können. Diese können in einer Art und Weise in das Forschungsdesign integriert werden, dass sie den ontologischen Grundannahmen der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE entsprechen: Bedeutung wird dabei als Effekt der Beziehung zwischen (sprachlichen) Elementen analysiert. Anhand eines geographischen Forschungsprojekts, das die Regelmäßigkeiten der Produktion und Reproduktion der Idee und Organisation einer weltumspannenden politischen Gemeinschaft untersucht, wird ein Forschungsdesign vorgestellt, in dem korpusbasierte, lexikometrische Analysen in einer Triangulation mit der Untersuchung narrativer Muster kombiniert werden.1) [1] 2. Grundlagen der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE 2.1 Die strukturalistische Linguistik nach SAUSSURE: Bedeutung als Effekt von Differenzierungsbeziehungen Die Grundlagen der Diskurstheorie liegen in den strukturalistischen Sprachwissenschaften. Der Schweizer Linguist SAUSSURE verwirft die Vorstellung, dass (Sprach-) Zeichen die Welt einfach so abbilden können "wie sie ist". Sprache wird vielmehr als Zeichensystem konzipiert, das erst Bedeutung herstellt. Nach SAUSSURE vereinigt das sprachliche Zeichen das Bezeichnende (den Signifikanten) und das Bezeichnete (das Signifikat). So verweise die gesprochene Laut- bzw. die geschriebene Buchstabenfolge "H u n d" (der Signifikant) auf das Konzept bzw. die Vorstellung "Hund" (das Signifikat). Kernidee von SAUSSURE ist nun, dass diese Beziehung zwischen Signifikanten und Signifikat arbiträr ist: Isoliert betrachtet, könnte das geschriebene Wort (Graphem) oder gesprochene Wort (Phonem) "H u n d" auch auf irgendein anderes Konzept verweisen. Es gibt danach keine naturgegebene Verbindung von Signifikant und Signifikat (2001 [1916], S.143). [2] Die Tatsache, dass das Konzept "Hund" (Signifikat) in unterschiedlichen Sprachen mit jeweils anderen Signifikanten verknüpft ist (z.B. engl. "dog", frz. "chien", russ. "собака"), verdeutlicht die Feststellung von SAUSSURE, dass die Signifikanten arbiträr sind. Aber auch die Konzepte gehen nicht dem Sprachsystem voraus. Wäre dies der Fall, dann müssten in allen Sprachen die gleichen Konzepte existieren. Viele Konzepte existieren aber nur in bestimmten Sprachen. So bieten beispielsweise die samischen Sprachen mehrere Dutzend Konzepte für das eine Konzept "Rentier" des Deutschen, das Konzept "Heimat" der deutschen Sprache existiert in vielen anderen Sprachen überhaupt nicht. Beide Beispiele veranschaulichen eine Kernaussage von SAUSSURE: Auch die Konzepte, die Signifikate, gehen nicht dem Sprachsystem voraus, sondern werden erst im Sprachsystem gebildet (ebd., S.138). [3] Nach SAUSSURE ist ein sprachliches System eine "Reihe von Verschiedenheiten des Lautlichen, die verbunden sind mit einer Reihe von Verschiedenheiten der Vorstellungen" (ebd., S.144). Beide Differenzsysteme – die Ordnung der Signifikanten und die Ordnung der Signifikate – decken sich nach SAUSSURE vollständig. Das System stelle "im Inneren jedes Zeichens" die Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat her. Bedeutung wird dabei gedacht als ein Effekt der Differenzordnung. [4] Die Sprache (langue) als ein System gesellschaftlicher Konventionen kann nach SAUSSURE im Gegensatz zum Sprechen (parole) nicht durch die Individuen verändert werden, sondern sei innerhalb einer gegebenen Sprachgemeinschaft weitgehend unveränderlich (ebd., S.21-24 und 91, dazu auch STÄHELI 2000, S.17). Sprache wird gedacht als ein geschlossenes System von Differenzen – jedes Zeichen hat eine feste Position wie die Knoten in einem Fischernetz (PHILLIPS & JØRGENSEN 2002, S.11). Veränderung ist im Konzept von SAUSSURE zwar möglich, wird allerdings eher vage mit der Umgestaltung des Verhältnisses zwischen Signifikant und Signifikat in der Zeit konzipiert (2001 [1916], S.87-91). [5] Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass im strukturalistischen Denken Bedeutung als ein Effekt der Differenzordnung von Einheiten gedacht wird, die für sich alleine ohne Bedeutung sind. Bedeutung wird als analysierbarer und eindeutig identifizierbarer Effekt einer Struktur betrachtet. SAUSSURE hat in seinem "Cours de Linguistique Générale" bereits den Anspruch formuliert, dass sein Konzept von Sprache als System von Differenzen die Grundlage lege für eine neue Wissenschaft, die Semiologie. Diese sei die "Wissenschaft, welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht" (ebd., S.19). SAUSSURE entwirft also bereits die Übertragung strukturalistischen Denkens auf das Feld nicht-sprachlicher Bedeutungssysteme. [6] 2.2 Kritik und Radikalisierung strukturalistischen Denkens im Poststrukturalismus: Bedeutung als fragil und niemals fixiert Die späten Publikationen von Roland BARTHES (1987 [1970]) sowie die Arbeiten von Jacques DERRIDA (1999 [1972]) haben die Konzepte des Strukturalismus weiter entwickelt und radikalisiert, indem sie herausarbeiten, dass Strukturen niemals geschlossen und fixiert sein können. Festgehalten wird an der Idee, dass Bedeutung ein Effekt von Differenzbeziehungen ist. [7] Roland BARTHES betont die Vielfalt an möglichen Verweisen und die Mehrdeutigkeit jedes Signifikanten: Eine Grenze zwischen Denotation und Konnotation könne nicht gezogen werden, abschließende und eindeutige Interpretationen seien unmöglich und damit sei letztlich jeder Text "plural" (1987 [1970], S.7ff.). Jacques DERRIDA wertet gegenüber SAUSSURE die Stellungen der Signifikanten auf. Nach DERRIDA erklärt sich das Verhältnis des Signifikats zu einem Signifikanten "aus dessen Abgrenzung zu anderen Signifikanten" (MÜNKER & ROESLER 2000, S.43). Letztlich entkomme damit "kein Signifikat (…) dem Spiel aufeinander verweisender Signifikanten. (…) Das Signifikat fungiere seit je als Signifikant" (DERRIDA 1983 [1967], S.17). Konsequenz dieser Überlegungen ist, dass es kein ursprüngliches, "transzendentales" Signifikat geben kann, denn dieses müsste ja außerhalb der Differenzierung stehen und wäre nicht mehr als Effekt der Differenzierung beschreibbar (MÜNKER & ROESLER 2000, S.43). DERRIDA lehnt daher die Vorstellung ab, dass Strukturen durch ein "Fundament", einen unverrückbaren Punkt, fixiert werden können und damit jeder Signifikant im Zusammenspiel mit den differierenden Signifikanten eine eindeutig zu bestimmende Bedeutung hat. Letztlich sei Bedeutung niemals feststehend, da jeder Signifikant immer auf verschiedene vorausgegangene oder nachfolgende Signifikanten verweise. In einem solchen offenen Verweisungszusammenhang wandelten sich Bedeutungen permanent (ZIMA 1994, S.41f.). So ist auch zu erklären, dass ein und dasselbe Wort (Lexem) in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen hat. So hat beispielsweise das Wort "Hund" unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem ob im Kontext von Tieren in einem Hundesportverein oder von Arbeitskollegen die Rede ist. [8] Festzuhalten bleibt: poststrukturalistische Ansätze gehen wie strukturalistische Ansätze davon aus, dass Bedeutung ein Effekt von Differenzierung ist. Im Gegensatz zum Strukturalismus betonen die poststrukturalistischen Arbeiten jedoch, dass je nach Kontext unterschiedliche Differenzierungen und damit immer wieder neue Bedeutungen möglich sind. [9] 2.3 Der Diskursbegriff bei Michel FOUCAULT: Diskurse als historisch kontingente Sagbarkeitsräume Vor dem Hintergrund der Etablierung des Strukturalismus und dessen Kritik in poststrukturalistischen Ansätzen hat Michel FOUCAULT in den 1960er und 1970er Jahren das Konzept von Diskursen als Aussagesystemen entwickelt. In "Die Ordnung der Dinge" geht er dabei von einem wissenschaftshistorisch-epistemologischen Interesse aus (1971 [1966]) und fragt sich, wie in einer bestimmten Epoche "die Kohärenz und die Wahrheitsfähigkeit (Evidenz)" wissenschaftlicher Diskurse hergestellt wird (DIAZ-BONE 2002, S.75). Mit dem Begriff der Episteme bezeichnet FOUCAULT dabei das Ensemble der Zusammenhänge zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Diskursen einer Epoche (2005 [1972], Bd.II, Text 109). [10] Indem er Regelmäßigkeiten in wissenschaftlichen Texten untersucht, will FOUCAULT die Grundstrukturen der Wissensordnung einer bestimmten Epoche rekonstruieren. Er zeigt sich dabei in hohem Maße vom Strukturalismus beeinflusst (MARTI 1999 [1988], S.55ff.; MÜNKER & ROESLER 2000, S.24). Im Gegensatz zu dezidiert strukturalistischen Arbeiten sucht FOUCAULT allerdings nicht universale, sondern historisch situierte Strukturen. [11] In der "Archäologie des Wissens" öffnet FOUCAULT die strukturalistische Grundperspektive noch weiter, indem er die Ereignishaftigkeit von Aussagen betont (1973 [1969], S.43). Die Idee der Episteme als Grundstruktur von Wissensordnungen tritt zurück, und FOUCAULT setzt den Begriff des Diskurses als Aussagesystem ins Zentrum seiner Überlegungen. Nicht zuletzt will er Konzepte wie "Tradition", "Mentalität" und "Geist" (einer Epoche) meiden, da diese eine Strukturierung von Wissensordnungen ohne empirische Überprüfung auf individuelle Subjekte, ein kollektives Bewusstsein oder eine transzendentale Subjektivität zurückführen (1973 [1969], S.177). Er plädiert hingegen für die "reine Beschreibung" (ebd., S.41) der endlichen Menge von Aussagen, die tatsächlich geäußert wurden. In diesem Sinne beschreibt er sich gar als "fröhlicher Positivist" (ebd., S.182). "In der Analyse, die hier vorgeschlagen wird, haben die Formationsregeln ihren Platz nicht in der 'Mentalität' oder dem Bewusstsein der Individuen, sondern im Diskurs selbst; sie auferlegen sich folglich gemäß einer Art uniformer Anonymität allen Individuen, die in diesem diskursiven Feld sprechen" (FOUCAULT 1973 [1969], S.92). [12] Das Zitat macht den auf den ersten Blick mehrdeutig erscheinenden Regelbegriff FOUCAULTs verständlich. Einerseits beschreibt er Regeln als empirisch beobachtbare Regelmäßigkeiten (régularités) (z.B. 1973 [1969], S.177f.), andererseits fasst er Regeln aber auch als Normen (régles), die vorschreiben, "was in einer diskursiven Praxis in Beziehung gesetzt werden muss" (z.B. ebd., S.108). Die Regelmäßigkeiten der Aussagen sind für FOUCAULT also die Regeln für neue Aussagen. Um zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten Kontext als sinnvoll und wahr akzeptiert zu werden, müssen Aussagen bestimmten Regeln folgen. Gleichzeitig sind Aussagen durch ihre Einmaligkeit gekennzeichnet. In Diskursen erfolgt somit eine – immer nur temporäre – Fixierung von Bedeutungen. [13] Wie ANGERMÜLLER (i.Dr.) zeigt, steht der Begriff der Aussage bei FOUCAULT "janusköpfig" zwischen der Ebene eines Zeichens im Sinne des (Post-) Strukturalismus und der Ebene eines spezifischen Geschehnis im Sinne der Pragmatik. Verschiedene Autor(inn)en haben vorgeschlagen, das FOUCAULTsche Konzept hier mit etablierten sozialwissenschaftlichen Konzepten zusammenzuführen und die "Regeln" in den Praktiken der sozialen Akteure zu verorten (KELLER 2005, S.144). Die im Folgenden dargestellte Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE ordnet sich hingegen dezidiert in die (post-) strukturalistische Theorieentwicklung ein. [14] 3. Die Diskurstheorie nach Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE 3.1 Weiterführung und Präzisierung des Diskursbegriffs Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE entwickeln seit Mitte der 1980er Jahre eine Diskurstheorie, die auf dem FOUCAULTschen Diskurskonzept, den Konzepten des Poststrukturalismus und einer Weiterentwicklung des (post-) marxistischen Hegemoniekonzepts aufbaut (2001). Im Anschluss an die Überlegungen DERRIDAs gehen sie davon aus, dass Bedeutungen niemals fixiert werden können und daher auch Identitäten und gesellschaftliche Beziehungen immer kontingent sein müssen: Gesellschaftliche Strukturen können nicht auf irgendein unverrückbares Fundament wie eine "göttliche Ordnung" oder "Gesetze der Ökonomie" zurückgeführt werden. Die Unmöglichkeit einer endgültigen Fixierung bedeutet gleichzeitig, dass immer neue partielle, temporäre Fixierungen möglich werden und ist Grundlage für die fortwährenden Auseinandersetzungen um soziale Beziehungen und Identitäten (LACLAU & MOUFFE 1985, S.112). [15] Hier führen LACLAU und MOUFFE den Diskursbegriff ein: "Any discourse is constituted as an attempt (…) to arrest the flow of differences" (ebd.). Sie beziehen sich dabei explizit auf den FOUCAULTschen Diskursbegriff in der "Archäologie des Wissens" (ebd., S.105). Allerdings unterscheidet sich ihr Diskurskonzept in zwei Punkten von demjenigen FOUCAULTs: Erstens gehen LACLAU und MOUFFE konsequenter als FOUCAULT über den Bereich der Sprache hinaus. Für die beiden Politikwissenschaftler(innen) gibt es im Gegensatz zu FOUCAULT keinen Bereich des Außer- bzw. Vordiskursiven. Vielmehr sind nach LACLAU und MOUFFE alle sozialen Beziehungen die temporären Ergebnisse diskursiver Auseinandersetzungen. Die Vorstellung, dass jedes Objekt, jedes soziale Phänomen ein Objekt des Diskurses ist, muss dabei allerdings nicht bedeuten, dass es nichts außerhalb von Sprache und Gedanken gibt: "An earthquake or the falling of a brick is an event that certainly exists, in the sense that it occurs here and now, independently of my will. But whether their specificity as objects is constructed in terms of ‘natural phenomena' or ‘expressions of the wrath of God' , depends upon the structuring of a discursive field. What is denied is not that such objects exist externally to thought, but the rather different assertion that they could constitute themselves as objects outside of any discursive condition of emergence" (LACLAU & MOUFFE 1985, S.108). [16] Zweitens betonen LACLAU und MOUFFE gerade die Bedeutung der Abgrenzung eines Diskurses (s.u. und Abbildung 1) und werfen FOUCAULT vor, dass seine Idee der diskursiven Formation als einer "Regelmäßigkeit der Streuung von Aussagen" (régularité dans la dispersion des énoncés) es letztlich unmöglich macht, die Grenze eines Diskurses zu bestimmen (LACLAU 1993, S.434).2) [17] LACLAU und MOUFFE unterscheiden in ihrer Theorie zwischen "Elementen" und "Momenten". Als "Momente" beschreiben sie all jene Differenzierungen, deren Bedeutung in einem spezifischen Diskurs temporär fixiert wurde. Im "Feld der Diskursivität" gibt es hingegen einen Überschuss an Bedeutungen. Diese Bedeutungen, welche in anderen Diskursen existierten bzw. existieren, bezeichnen sie als "Elemente". Die Praktiken, die eine Beziehung zwischen Elementen herstellen, so dass deren Identität verändert wird, nennen sie "Artikulation". Auf diese Weise können sie ihren Diskursbegriff wie folgt präzisieren: "The structured totality resulting from the articulatory practice, we will call discourse" (LACLAU & MOUFFE 1985, S.105). Ein Diskurs ist also der Versuch, die Bedeutung von Elementen zu fixieren und sie somit in die Momente eines Diskurses umzuwandeln. Die Elemente werden dabei in eine Äquivalenzkette mit einem Knotenpunkt eingebunden, der damit gleichzeitig die Grenze des Diskurses präsentiert. Diese Weiterführung des Diskurskonzeptes führen LACLAU und MOUFFE mit dem Hegemoniebegriff von Antonio GRAMSCI zusammen. Hegemonie definieren sie als "besonders erfolgreichen" Diskurs, der bestimmte Bedeutungen und damit eine bestimmte Weltsicht naturalisiert, d.h. als natürlich gegeben erscheinen lässt. [18] Ein Diskurs kann bei LACLAU und MOUFFE also als eine Fixierung von Bedeutung in einem Netz von Differenzbeziehungen interpretiert werden. Im Unterschied zu SAUSSURE und in Anlehnung an die Konzepte des Poststrukturalismus verneinen sie jedoch die Möglichkeit einer geschlossenen Struktur, die alle Bedeutungen bestimmt. Ein Diskurs leistet immer nur eine partielle und temporäre Fixierung von Bedeutungen. [19] 3.2 Ausarbeitung eines nicht-essentialistischen Identitätsbegriffs Die Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE ermöglicht es, die Konstitution von Identitäten und sozialen Gruppen zu konzeptualisieren, ohne auf die essentialistische Vorstellung von Wesensmerkmalen oder auf die strukturalistische Vorstellung kontextunabhängiger Strukturen zurückgreifen zu müssen. Identität wird als ein "articulated set of elements" (LACLAU 1990, S.32) konzipiert – eine kontingente und immer temporäre Struktur. Gruppen werden danach in einem doppelten Prozess gebildet, der zum einen eine Äquivalenzkette ausbildet, welche die Differenzen innerhalb der Gruppe aufhebt, und zum anderen eine Grenze gegenüber dem Außen definiert. Das Außen ist dabei in paradoxer Weise auf der einen Seite Existenzbedingung jeder Identität. LACLAU veranschaulicht sein Argument mit der Konstitution verschiedenster Gebiete von Marokko, über Indien bis nach China als eine einzige Weltregion um den Knotenpunkt "Orient"; eine Konstitution, die nur möglich wird, weil "Orient" dabei gleichbedeutend mit der Abgrenzung gegenüber "dem Westen" ist: "Orient" ist also gleich "Nicht-Westen" (1990, S.32). [20] Auf der anderen Seite blockiert das "konstitutive Außen" eine vollkommene und permanente Ausbildung von Identität, indem es die Kontingenz jeder Identität zeigt (ebd., S.21). ŽIŽEK (1998/1990) weist unter Bezug auf LACAN allerdings darauf hin, dass jede Identität bereits "in sich selbst blockiert" ist. Die "intrinsische, immanente Unmöglichkeit" von Identität werde auf ein Außen, einen antagonistischen Gegner, "projiziert".3) Identität "mit sich selbst" könne letztlich auch nach der Vernichtung eines antagonistischen Gegners niemals erreicht werden. In der Fortführung dieses Gedankens beschreiben die LACLAU-Schüler GLYNOS und STAVRAKAKIS (2004) das "Phantasma", durch die Überwindung des Gegners eine vollkommene Identität erreichen zu können, als Antriebskraft der diskursiven Dynamik. [21] In seinen neueren Schriften unterscheidet LACLAU den Begriff des "Antagonismus" von dem der "Dislokation". Mit "Dislokation" benennt er die Ereignisse, die nicht in einem bestehenden Diskurs dargestellt und integriert werden können, daher existierende Strukturen aufbrechen, die determinierende Wirkung von Diskursen unterminieren und damit die Ausbildung vollständiger, permanenter Identitäten unmöglich machen. Die Herausbildung eines Antagonismus ist danach eine mögliche – diskursive – Antwort auf die Dislokation, welche die Ursache für die "Dislokation" in einem antagonistischen Gegner verortet: "… antagonism is not only the experience of a limit to objectivity but also a first discursive attempt at mastering and reinscribing it" (LACLAU 2001 in einem Interview zit. n. NORRIS 2006, S.133). Die Versuche, die Dislokation zu überwinden und eine neue Struktur, eine neue "Objektivität" und damit neue Identitäten zu konstituieren, indem die dislozierten Elemente reartikuliert werden, bezeichnet LACLAU als Mythos (1990, S.61). Die Faszination eines Mythos, bspw. des "verheißenen Landes" oder der "idealen Gesellschaft", leite sich dabei unmittelbar von der Vorstellung einer Vollkommenheit ab, welche die Gegenwart gerade nicht bietet (ebd., S.63). [22] Die Äquivalenzkette und die antagonistische Grenze eines Diskurses werden nach LACLAU von einem spezifischen Knotenpunkt repräsentiert: Dieser als Signifikant zu verstehende Knotenpunkt bricht die Logik der Differenz und ermöglicht so die Logik der Gleichheit zwischen den Mitgliedern der Gruppe (s. Abbildung 1). Dieser Knotenpunkt muss von jeglicher spezifischer Bedeutung entleert sein, da er sonst ja wieder in eine Differenzbeziehung treten würde und keine Äquivalenzbeziehung herstellen könnte: Er repräsentiert die vollkommene, aber letztlich unmögliche Identität einer Gruppe. Die Frage, welche Signifikanten zu einem bestimmten Zeitpunkt als leere Signifikanten funktionieren und wie diese (immer wieder) mit Bedeutung gefüllt werden, ist eine Auseinandersetzung um Hegemonie. In neueren Publikationen setzt LACLAU die Funktion des leeren Signifikanten mit der Bezeichnung des "Universellen" gleich. Hegemonie bedeutet damit, dass ein – zunächst immer partikularer – Signifikant das Universelle präsentiert: "Hegemony requires the production of tendentially empty signifiers which, while maintaining the incommensurability between universal and particulars, enables the latter to take up the representation of the former" (2000b, S.207). Dafür ist es notwendig, dass der Signifikant ein "flottierender Signifikant" ist, d.h. dass dieser Signifikant nicht fest mit einem spezifischen Signifikat verbunden ist. Leer ist ein "leerer Signifikant" insofern, als er weitgehend von einer spezifischen Bedeutung entleert ist. Das Universelle der Gemeinschaft kann dieser Signifikant dann repräsentieren, wenn er gleichzeitig das radikal Ausgeschlossene, das Andere demarkiert und damit eine Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen Elementen in der Abgrenzung von dem Anderen herstellt (LACLAU 2002 [1996]; 2000a, S.55ff.; 2000b, S.207f.; NONHOFF 2006, S.124ff.).
LACLAU und MOUFFE entwickeln also eine Gesellschaftstheorie, die keine prä-diskursive Basis der sozialen Organisation voraussetzt, wie beispielsweise marxistische Theorien mit der Idee der ökonomischen Basis oder kulturalistische Theorien mit der Vorstellung prä-diskursiver kultureller Differenzen. Soziale Gruppen entstehen nicht auf der Basis eines Wesenskerns, sondern werden um einen Knotenpunkt herum gebildet, der die vollkommene, aber letztlich immer unmögliche Identität der Gruppe präsentiert. Auch wenn wir handeln, als ob Identitäten und als ob soziale Institutionen objektiv gegebene Fakten seien, so muss diese Objektivität als das historische Ergebnis von politischen Prozessen gelesen werden – als "sedimentierter Diskurs" (LACLAU 1990, S.34). Die Diskurstheorie befähigt auf diese Weise, die Idee von "vorgestellten Gemeinschaften" (ANDERSON 1996 [1983]) wie Nationen, Ethnien, politische Gruppen, Sprachgemeinschaften etc. konzeptionell zu schärfen: Die Erinnerung historischer Konflikte, die Idee einer gemeinsamen Hautfarbe oder Sprache funktionieren als Knotenpunkte, welche eine Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen Elementen ermöglichen, diese gleichzeitig gegenüber einem Außen abgrenzen und so eine Gemeinschaft herstellen (genauer dazu bspw. NORVAL 1996; KEOHANE 1997; SARASIN 2003; GLASZE 2007a). [24] 4. Diskursanalyse: Vorschläge zur Operationalisierung der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE 4.1 Triangulation von lexikometrischer Analyse und Untersuchung narrativer Muster Empirische Studien, die auf der Diskurstheorie aufbauen, stehen vor dem Problem, dass LACLAU und MOUFFE sich kaum zur empirischen Umsetzung ihrer Theorie geäußert haben. Die Diskussion über eine angemessene empirische Operationalisierung dieser Diskurstheorie steht erst in den Anfängen. Die LACLAU-Schüler HOWARTH und STAVRAKAKIS (2000) gehen in diesem Zusammenhang davon aus, dass empirische Arbeiten, die auf der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE aufbauen, vor den "Fallstricken" eines reinen Empirismus gefeit sind, da in der diskurstheoretischen Literatur die Bedeutung der Theorie für die Abgrenzung von Forschungsobjekten und -methoden betont wird. Sie weisen allerdings bereits auf die Gefahr hin, empirische Fallstudien einfach nur in abstrakte theoretische Konzepte einzupassen (S.4f.). Tatsächlich fällt auf, dass zahlreiche Arbeiten, welche die Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE zur Untersuchung empirischer Fallstudien verwenden, kaum Fragen einer angemessenen Operationalisierung diskutieren. So ist KELLER zuzustimmen, der mit Blick auf diese Arbeiten kritisiert: "Die methodische Umsetzung des Ansatzes gerät häufig zu einem deduktionistischen, im konkreten Vorgehen unbestimmt bleibenden Interpretationsvorgang" (KELLER 2000, S.162). Vor diesem Hintergrund erscheint es also notwendig, Wege für eine Operationalisierung der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE zu finden, die eine den theoretischen Vorannahmen entsprechende empirische Umsetzung leisten können. [25] Wie dargestellt, werden in der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE Diskurse als temporäre Fixierung von Differenzbeziehungen betrachtet. Bedeutung, d.h. Identitäten und letztlich jegliche soziale "Objektivität", werden als Effekt einer solchen Fixierung konzeptionalisiert. Im Folgenden wird vorgeschlagen, für die Operationalisierung der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE auf eine Triangulation zweier etablierter Sets an Verfahren zu setzen: die Lexikometrie und die Analyse narrativer Muster. Die Verfahren können in einer Art und Weise in das Forschungsdesign eingebunden werden, dass sie den ontologischen Grundannahmen der Diskurstheorie entsprechen. Die Lexikometrie und die Analyse narrativer Muster zielen dabei auf zwei unterschiedliche, allerdings eng miteinander verschränkte Dimensionen der Bedeutungskonstitution: Lexikometrische Verfahren untersuchen, wie Bedeutungen durch Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen hergestellt werden, und die Analysen narrativer Muster arbeiten heraus, wie Bedeutungen konstituiert werden, indem sprachliche Elemente in narrative Muster eingebunden werden, die bspw. Beziehungen der Äquivalenz, der Temporalität oder der Opposition herstellen. [26] Eine "Übersetzung" der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE in die Begrifflichkeiten dieser sprachwissenschaftlichen Verfahren ist nicht zuletzt deswegen möglich, da sowohl die Diskurstheorie als auch diese Analyseverfahren vor dem Hintergrund strukturalistischer Ansätze und deren Radikalisierung im Poststrukturalismus entwickelt wurden. So werden die "Elemente" der Diskurstheorie als lexikalische Formen gefasst, die in temporären Fixierungen zu "Momenten" eines Diskurses werden. Das "Feld der Diskursivität" der Diskurstheorie kann empirisch mit dem von PÊCHEUX ausgearbeiteten Begriff des "Interdiskurses" konzeptionalisiert werden. Interdiskurs lässt sich danach als das Ensemble aller Elemente fassen, die Elemente von Diskursen sind. Diskurse werden durch permanente Abgrenzung im Interdiskurs reproduziert (PÊCHEUX 1975, S.147; in deutscher Übersetzung bietet PÊCHEUX 1984 eine knappe Darstellung). [27] Man mag grundsätzlich gegen die Verwendung von Forschungsmethoden, die an Texten ansetzen, einwenden, dass die "Elemente" und "Momente" in der Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE mehr als nur lexikalische Formen umfassen. Wenn man aber beispielsweise mit Roland BARTHES davon ausgeht, dass Sprache die Grundlage aller Sinnzusammenhänge ist, "weil in ihr und durch sie Sinn für den Menschen kodiert wird" (MÜNKER & ROESLER 2000, S.15), dann erscheint die Anwendung dieser Verfahren mehr als gerechtfertigt.4) [28] Die Verfahren der Lexikometrie und der Analyse narrativer Muster sind nicht zu verwechseln mit Verfahren der Inhaltsanalyse. Die Inhaltsanalyse hat ihre Ursprünge in der US-amerikanischen Kommunikationswissenschaft und baut auf einem Kommunikationsmodell "Sender -> Inhalt -> Empfänger" auf. Ziel ist dabei, vom "Inhalt" auf "die soziale Wirklichkeit" zu schließen – d.h. auf den "Kommunikator", den "Rezipienten" oder die "Situation". Wichtigste Methodik ist die Kodierung der "Inhalte" von Texten mittels eines Kategoriensystems (MERTEN 1995, S.15ff.). Die Inhaltsanalyse geht dabei davon aus, dass jeder Text(-teil) einen "Inhalt", d.h. eine Bedeutung transportiert, und dass dieser "Inhalt" durch die Inhaltsanalyse erschlossen werden kann. Aus der Sicht einer poststrukturalistisch informierten Diskursforschung ist ein solches Repräsentationsmodell, das von einem Text(-teil) auf die (!) Bedeutung schließen will, problematisch. Insbesondere französische Diskursforscher(innen) kritisierten, dass die Arbeit mit Kategoriensystemen zudem das Risiko mit sich bringt, Tautologien zu erzeugen, indem ein voretabliertes System durch Belegstellen reifiziert wird (siehe beispielsweise den Artikel "analyse de contenu" von Simone BONNAFOUS in CHARAUDEAU & MAINGUENEAU 2002, S.39ff.). [29] BERELSON, der als einer der Väter und Vordenker der Inhaltsanalyse bezeichnet werden kann, plädierte allerdings Anfang des 20. Jahrhunderts dezidiert für eine Inhaltsanalyse, die am "manifesten Inhalt" und an den "black-marks-on-white" ansetzt (BERELSON 1952, S.19). Tatsächlich gehen Frequenzanalysen von Wörtern und Wortfolgen, wie sie in so genannten "quantitativen Inhaltsanalysen" in der Tradition von BERELSON durchgeführt werden, ähnlich vor, wie Frequenzanalysen in der Lexikometrie bzw. Korpuslinguistik (s.u.). Der theoretische Hintergrund und damit der Stellenwert, der den Ergebnissen zugesprochen wird, ist jedoch ein anderer: In der Inhaltsanalyse werden Wörter nicht wie in der Lexikometrie als "Bausteine" der Konstitution von Bedeutung, sondern unmittelbar als Indikatoren für die "soziale Wirklichkeit" interpretiert, indem ihnen eine denotative "Standardbedeutung" zugeschrieben wird (MERTEN 1995, S.67). BERELSON war sich zwar der engen Grenzen einer solchen Perspektive durchaus bewusst. Seine Lösungsvorschlag lautet etwas naiv: "… content analysis must deal with relatively denotative communication materials and not with relativeley denotative materials"; er nennt "Nachrichtenmeldungen" (news stories) als Beispiel für solche "denotativen Kommunikationen" (BERELSON 1952, S.19f.). Auch neuere computergestützte Verfahren der Inhaltsanalyse gehen von der Prämisse aus, dass die Bedeutung von Wörtern feststeht. Sie arbeiten mit "a priori Wörterbüchern", welche Wörter "gleicher Bedeutung" auflisten, die von den Programmen gemeinsam kategorisiert werden (ATTESLANDER 2006, S.202ff.). Wie insbesondere Roland BARTHES gezeigt hat, kann allerdings eine Grenze zwischen der einen, denotativen "Standardbedeutung" und weiteren konnotativen Nebenbedeutungen nicht sinnvoll gezogen werden (s. Abschnitt 2.2). [30] Innerhalb der Sozialforschung wurde versucht, der Problematik der Inhaltsanalyse insofern zu begegnen, als Methoden entwickelt wurden, welche die Interpretation methodisch kontrollieren und intersubjektiv absichern sollen. In diese Richtung zielen beispielsweise die Vorschläge einer "Objektiven Hermeneutik" nach OEVERMANN (WERNET 2006 [2000]) oder auch der "Qualitativen Inhaltsanalyse" nach MAYRING (1985). In den vergangenen Jahren hat zudem ein Austausch zwischen Inhaltsanalyse und Sprachwissenschaften eingesetzt, und in der Forschungspraxis finden sich Überschneidungen zwischen Inhaltsanalysen und sprachwissenschaftlichen Verfahren. Die Unterschiede in der theoretischen Fundierung bleiben jedoch bestehen: Aus einer poststrukturalistisch informierten Perspektive fehlt der Inhaltsanalyse nach wie vor eine Auseinandersetzung mit einer Theorie der Bedeutungskonstitution (so auch der Inhaltsanalytiker MERTEN 1995, S.46). [31] Die Kritik am Repräsentationsmodell (Text als Repräsentation einer vor- bzw. außertextlichen Wirklichkeit) und der Vorstellung der Sinntransparenz eines Textes bedeutet allerdings nicht das "Ende der Interpretation". Wie zu zeigen sein wird, erfordert das vorgestellte Forschungsdesign an mehreren Stellen interpretative Entscheidungen. Die diskurstheoretische Perspektive soll jedoch sicherstellen, dass die empirische Arbeit von einer hohen Sensibilität für die erkenntnistheoretischen Probleme der Interpretation bestimmt wird. Bedeutung wird als Effekt von Differenzbeziehungen konzipiert. Das Forschungsdesign zielt daher darauf ab, zunächst Differenzbeziehungen herauszuarbeiten und die Interpretation dann soweit wie möglich an die Ergebnisse dieser Analysen anzuschließen. [32] In der folgenden Methodendiskussion liegt ein Schwerpunkt auf den lexikometrischen Verfahren, da diese Verfahren bislang in der sozial- und sprachwissenschaftlichen Diskursforschung nicht zum Spektrum der etablierten Methoden zu zählen sind – zumindest im deutschsprachigen Bereich. Ein Forschungsdesign, in dem eine Triangulation mit der Analyse narrativer Muster zur Anwendung kommt, wird im nächsten Abschnitt vorgestellt. [33] 4.2 Lexikometrische Verfahren: von quantitativen Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen zur Bedeutung Lexikometrische Verfahren untersuchen die quantitativen Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen in geschlossenen, d.h. klar definierten Textkorpora (allgemein zur Lexikometrie und zu korpusbasierten Verfahren5) der Linguistik MAINGUENEAU 1991, S.48ff.; FIALA 1994; BONNAFOUS & TOURNIER 1995; LEBART, SALEM & BERRY 1998; MARCHAND 1998; TEUBERT 2005; LEMNITZER & ZINSMEISTER 2006; SCHERER 2006; BAKER 2006 ).6) [34] Die Verfahren der Lexikometrie und der Korpuslinguistik wurden innerhalb der Sprachwissenschaften entwickelt. Ihre konzeptionellen Grundlagen liegen in der SAUSSUREschen Linguistik und zumindest teilweise auch in der Radikalisierung der SAUSSUREschen Ansätze im Poststrukturalismus sowie den diskurstheoretischen Überlegungen FOUCAULTs. Während bei der Inhaltsanalyse die Interpretation kaum problematisiert wird und mit der Kategorisierung von Textabschnitten die Interpretation i.d.R. an den Anfang der Untersuchung gestellt wird, steht bei der Lexikometrie zunächst die Herausarbeitung quantitativer Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen im Vordergrund – der Schwerpunkt der Interpretation wird im Forschungsprozess damit nach hinten verlagert.7) Folgt man der gemeinsamen theoretischen Grundannahme von Strukturalismus und Poststrukturalismus, dass Bedeutung ein Effekt der Beziehung von lexikalischen Elementen zu anderen lexikalischen Elementen ist, dann können lexikometrische Verfahren herangezogen werden, um diese Beziehungen und damit die Konstitution von Bedeutung herauszuarbeiten.8) [35] Bislang werden lexikometrische Verfahren allerdings kaum im Rahmen von Forschungsprojekten eingesetzt, die auf eine Operationalisierung des FOUCAULTschen Diskursbegriffs bzw. speziell der Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE zielen. Wo liegen die Ursachen für diese Zurückhaltung? BAKER (2006) vermutet, dass lexikometrische Verfahren als quantitative Methoden vielfach in eine Schublade mit Ansätzen gesteckt werden, die in einem naiven Realismus davon ausgehen, dass wissenschaftliche Analysen einfach objektive Fakten messen können (S.8). Hinzu kommt, dass lexikometrische Verfahren vielfach selbst bei diskursanalytisch arbeitenden Sozialwissenschaftler(inne)n nicht bekannt sind. Auch in sozial- und kulturwissenschaftlich orientierten Bereichen der deutsch- und englischsprachigen Sprachwissenschaften werden bislang nur vereinzelt korpusbasierte lexikometrische Verfahren angewendet (für die deutschsprachige Diskursgeschichte siehe bspw. JUNG 1994 und NIEHR 1999, für die – überwiegend englischsprachige – critical discourse analysis siehe beispielsweise ORPIN 2005).9) In der Konsequenz bleibt der Einsatz lexikometrischer Verfahren vielfach auf Bereiche der Linguistik beschränkt, die kaum im Austausch mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen stehen. Dabei werden lexikometrische Verfahren teilweise in Forschungsdesigns eingebunden, die in einer rein strukturalistischen Perspektive darauf abzielen, sprachliche Strukturen zu messen (kritisch dazu beispielsweise der Sprachwissenschaftler TEUBERT 1999, S.239).10) [36] Lexikometrische Verfahren können jedoch sinnvoll in ein Forschungsdesigns eingebunden werden, das auf die Kontingenz und Dynamik von Bedeutungen abhebt (ähnlich argumentiert bspw. KOTEYKO 2006, S.133 und – ohne Bezug zur Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE – TEUBERT 1999, 2005). Die Lexikometrie ermöglicht es, grundlegende Prinzipien der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE zu operationalisieren: Der Prozess der Konstitution von Bedeutung wird empirisch gefasst, indem die temporären Fixierungen von lexikalischen Elementen untersucht werden. Das Konzept der "Regelmäßigkeit von Differenzbeziehungen" wird operationalisiert als die Spezifität der Verknüpfung lexikalischer Elemente. Die Spezifität ist dabei das Maß der Überwahrscheinlichkeit für das Auftreten eines lexikalischen Elements im Kontext eines anderen Elements (s.u.). Dabei kann die Temporalität jeglicher Fixierung mittels einer vergleichenden Untersuchung verschiedener (Sub-) Korpora im Zeitvergleich herausgearbeitet werden. [37] Grundlage lexikometrischen Arbeitens sind digitale Textkorpora.11) In den Analysen werden unterschiedliche Teile des Korpus verglichen. Korpora für lexikometrische Analysen müssen "geschlossen" sein, da die lexikometrischen Analysen nur dann sinnvoll sind, wenn sie sich auf ein stabiles, d.h. geschlossenes Ensemble von Texten beziehen. Für die Zusammenstellung des Korpus ist es entscheidend, dass – mit Ausnahme der zu analysierenden Variable – die Bedingungen der Aussageproduktion möglichst stabil gehalten werden. Denn bei einem Vergleich, bei dem zwischen den Teilen sowohl die Zeit bzw. Epoche, die Kommunikationskanäle, die Sprecherposition, die Genres, etc. wechseln, könnten keine sinnvollen Ergebnisse gewonnen werden. Die Begriffe "Sprecherposition" und "Genre" werden von LACLAU und MOUFFE nicht verwendet. Sprecherpositionen werden hier in Anlehnung an Überlegungen FOUCAULTs (1973 [1969], S.106) als institutionell stabilisierte Positionen gefasst, die spezifische Zugangskriterien haben, und die bestimmte Möglichkeiten, Tabus und Erwartungen des Sprechens bzw. allgemein der Textproduktion mit sich bringen – weitgehend unabhängig von den Individuen, welche die Position einnehmen. Die Sprecherpositionen sind dabei selbst diskursiv konstituiert. Mit dem Begriff des Genre bzw. der Gattung werden in den Sprachwissenschaften Gruppen von Texten bezeichnet, für deren Strukturierung und damit deren Kohärenz sich historisch spezifische, institutionell stabilisierte Regeln etabliert haben (MAINGUENEAU 2000, S.152): So gelten für die Strukturierung und Kohärenz wissenschaftlicher Fachaufsätze andere Regeln als für Zeitungsartikel und wiederum andere für politische Reden. Im Rahmen der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE können die entsprechenden Institutionen als "sedimentierte Diskurse" interpretiert werden (s. Abschnitt 3). [38] Die Korpuserstellung muss dabei also immer auf einer Interpretation des Kontextwissens aufbauen: Das Erkenntnisinteresse bestimmt die Auswahlprinzipien. Zielt das Erkenntnisinteresse in einer diskurstheoretischen Perspektive auf temporäre Fixierungen, d.h. auf die Dynamik von Diskursen und damit diachrone Analysen, so sollte der Korpus aus Texten zusammengestellt werden, die von einer möglichst homogenen Sprecherposition stammen und einem homogenen Genre zuzurechnen sind.12) Je nach Fragestellung der Untersuchung kommen unterschiedliche Sprecherpositionen in Frage, wobei im Rahmen diskursanalytischer Fragestellungen i.d.R. Texte von sozial bedeutsamen Sprecherpositionen untersucht werden. Für diachron angelegte Studien ist darüber hinaus die Arbeit mit Serien sinnvoll, die durch regelmäßige Publikationen einer Sprecherposition entstehen (Texte regelmäßig erscheinender Medien, Verhandlungsbände regelmäßig stattfindender Konferenzen, Protokolle regelmäßig tagender Gremien etc.). [39] Textanalysen stehen immer in der Gefahr, dass nur jene Texte bzw. Textpassagen berücksichtigt werden, die den impliziten Erwartungen der Wissenschaftler(innen) entsprechen (BAKER 2006, S.12). Eine Arbeit mit thematisch zusammengestellten Textkorpora, wie sie BUSSE und TEUBERT (1994, S.14) vorgeschlagen haben, erhöht diese Gefahr und scheint daher für lexikometrische Studien nicht sinnvoll.13) Die Analyse geschlossener Korpora beispielsweise mit Serien von Texten einer homogenen Sprecherposition begrenzt hingegen das Risiko von Zirkelschlüssen und erhöht die Chance, Diskursmuster herausarbeiten zu können, die den impliziten Erwartungen zuwider laufen. [40] Die drei wichtigsten Methoden der Lexikometrie für Arbeiten, die sich auf die Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE beziehen, sind Frequenzanalysen, Analysen der Charakteristika (Spezifitäten) und Analysen von Kookkurrenzen (eine ausführlichere Darstellung bieten LEBART & SALEM 1994; LEBART, SALEM & BERRY 1998; MARCHAND 1998, S.29ff.; BAKER 2006):
Durch einen Vergleich der charakteristischen Kookkurrenzen eines bestimmten Wortes im Zeitvergleich kann in diachronen Korpora die Dynamik von Bedeutung analysiert werden. Um die Konstitution von Gemeinschaften zu analysieren, können auf diese Weise beispielsweise die Kookkurrenzen des "wir" in Texten von Organisationen untersucht werden, die sich als Vertretung der Gemeinschaft definieren. Signifikanten, die für den Kontext des "wir" in einer bestimmten Epoche charakteristisch sind, können als Hinweise für potenzielle Knotenpunkte nach der Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE interpretiert werden. [42] 4.3 Analyse narrativer Muster: von der Einbindung in narrative Muster zur Bedeutung Die lexikometrischen Verfahren ermöglichen, den Prozess der Konstitution von Bedeutung insofern zu operationalisieren, dass Differenzbeziehungen von lexikalischen Elementen untersucht und damit temporäre Fixierungen im diachronen Vergleich herausgearbeitet werden. Die Lexikometrie bietet damit Hinweise auf Charakteristika von Teilkorpora und auf die Kontinuitäten sowie Verschiebungen und Brüche des Diskurses. [43] Die Verwendung lexikometrischer Verfahren stößt allerdings auch an Grenzen: So kann mittels lexikometrischer Verfahren beispielsweise gezeigt werden, ob und wann das Wort "Afrika" regelmäßig mit "Armut" verknüpft und dementsprechend eine bestimmte Bedeutung hergestellt wird – oder nicht. Die lexikometrischen Analysen sind aber kaum in der Lage, die Qualität dieser Verknüpfungen herauszuarbeiten und damit zu analysieren, ob bspw. zwischen den Elementen Beziehungen der Temporalität, der Äquivalenz, der Opposition oder der Kausalität hergestellt werden. Es erscheint daher heuristisch fruchtbar, auch diese Dimension der Konstitution von Bedeutung ins Blickfeld zu nehmen. Im Folgenden wird vorgeschlagen, dafür auf Verfahren der Narratologie zurückzugreifen. 18) [44] Ziel der Narratologie bzw. Erzähltheorie ist eine systematische Darstellung der strukturellen Zusammenhänge des Erzählens (STANZEL 1995, zit. nach NÜNNING 2002, S.4). Die Grundlagen liegen im russischen Formalismus sowie insbesondere im Strukturalismus (BARTHES 1988 [1966]). Dabei wurde eine Vielzahl von Kategorien für die Analyse literarischer Erzählungen entwickelt (bspw. Fragen der Zeitstruktur und der Perspektive der Erzählung; s. insbesondere GENETTE 1998). Mit der Rezeption der Ansätze des Poststrukturalismus sowie der Anwendung von Konzepten der Narratologie auf Frage- und Themenstellungen der postcolonial studies und der Geschlechterforschung rücken seit einigen Jahren verstärkt die "kontextuellen und funktionellen Aspekte des Erzählens" (NÜNNING 2002, S.23) in das Blickfeld der Forschung. Parallel zu dieser Öffnung der vormals überwiegend auf literarische Texte ausgerichteten Erzählforschung werden Konzepte der Erzähltheorie vermehrt auch in den Sozialwissenschaften für die Untersuchung nicht-fiktionaler Texte verwendet.19) [45] Neuere Ansätze der Erzählforschung betrachten Narrationen als Konzepte einer sozialen Epistemologie und Ontologie: Narrationen konstituieren soziale Wirklichkeit, und dies eben nicht nur in fiktionalen Texten (WHITE 1981; STONE 1989; FIOL 1990; SOMERS 1994; GUTENBERG 2000; VIEHÖVER 2001; BIRK & NEUMANN 2002). Im Folgenden werden narrative Muster in Anlehnung an SOMERS (1994, S.616) als regelmäßige Verknüpfungen von Elementen gefasst, die Beziehungen einer spezifischen Qualität herstellen. Die narrativen Muster fügen sich in umfassendere Narrationen ein, die allerdings in konkreten Texten vielfach nur teilweise reproduziert werden. [46] Ein Schwerpunkt der neueren Erzählforschung liegt auf Fragen der Konstitution von Identitäten, wobei von einer relationalen Konstitution von Identität und damit von einer notwendigen, aber letztlich immer unmöglichen Abgrenzung von "dem Anderen" ausgegangen wird (s. beispielsweise SOMERS 1994; BIRK & NEUMANN 2002). Narrationen können danach als Artikulationen im Sinne der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE analysiert werden, die eine Beziehung zwischen Elementen herstellen, Grenzen etablieren, auf diese Weise eine temporäre Fixierung leisten, Bedeutung und damit Identität konstituieren.20) [47] Für die Analyse narrativer Muster kann mit einem "offenen, sich (…) erweiternden Korpus" (PÊCHEUX 1983, S.54, zit. nach BUSSE 2000, S.44) gearbeitet werden. Auf diese Weise wird es möglich, ein Teil des "Kontextes" der geschlossenen Korpora in die Analyse zu integrieren. Hinweise, die sich in der lexikometrischen Analyse ergeben, können so teilweise bei der Analyse narrativer Muster kontextualisiert werden. Mit der Integration eines solchen "offenen Korpus" in das Forschungsdesign wird zudem einem Risiko der Arbeit mit homogenen und geschlossenen Korpora begegnet, welches darin liegt, dass die Analyse einseitig auf hegemoniale Diskurse abhebt und subalterne, marginalisierte Stimmen nicht gehört werden. [48] Im Rahmen einer Operationalisierung der Diskurstheorie ergänzt die Analyse narrativer Muster die lexikometrischen Verfahren v.a. in zwei Punkten:
Die Textverwaltungs-, Such- und Kodierfunktionen von Programmen zur computergestützten qualitativen Inhaltsanalyse können die Analyse von narrativen Mustern erleichtern, indem zunächst alle Absätze kodiert werden, in denen ein Wort bzw. eine Wortfolge vorkommt, die sich in der lexikometrischen Analyse als Kookkurrenz bzw. für bestimmte Epochen als charakteristisch erwiesen hat.21) Anschließend wird untersucht, in welche Verknüpfungen diese Wörter und Wortfolgen eingebunden werden. Dabei wird induktiv ein Set an narrativen Mustern entwickelt. Einige Programme zur computergestützten qualitativen Inhaltsanalyse ermöglichen, "Netzwerke" zwischen unterschiedlichen Kodierungen zu etablieren und helfen auf diese Weise, Zusammenhänge zwischen narrativen Mustern herauszuarbeiten. [50] 5. Fallstudie: die diskursive Konstitution der Frankophonie (1969-2004) Nach LACLAU und MOUFFE entstehen soziale Gruppen nicht auf der Basis gemeinsamer Wesensmerkmale. Vielmehr ermöglicht ein leerer Signifikant, dass verschiedene Elemente in eine Äquivalenzbeziehung treten können und konstituiert auf diese Weise eine Gemeinschaft. Im Rahmen eines laufenden Forschungsprojektes am Geographischen Institut der Universität Mainz wird der Ansatz der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE genutzt, um die Herstellung und Reproduktion der Identität einer Gruppe zu untersuchen, die sich in aktuellen Publikationen selbst als "weltumspannende Gemeinschaft", "internationale Organisation" und "geokultureller Raum" bezeichnet: die Frankophonie.22) Die Organisation Internationale de la Francophonie (OIF) vereinigt als internationale Organisation inzwischen mehr als 60 Mitglieder und versteht sich als Vertreter der Frankophonie. Die Vorgängerorganisation Agence de coopération culturelle et technique (ACCT) entstand nach der Entkolonialisierung Ende der 1960er Jahre. Mitgliedsstaaten sind neben Frankreich, Belgien und Kanada vor allem ehemalige französische und belgische Kolonien überwiegend in Afrika – sowie seit den 1990er Jahren zahlreiche mittel- und ostmitteleuropäische Staaten.23) Ziel der Studie ist es, in einer diachronen Perspektive (mit einem Schwerpunkt auf der Phase von 1969 bis 2004) folgende Punkte herauszuarbeiten:
Während die lexikometrischen Analysen in erster Linie darauf abzielen, Hinweise auf Spezifika und Verschiebungen des Diskurses zu identifizieren24), soll mit der Analyse narrativer Muster in erster Linie untersucht werden, inwiefern die Wörter und Wortfolgen, die sich für bestimmte Epochen als charakteristisch erwiesen haben, als Knotenpunkte dienen, damit Gemeinschaft herstellen und gleichzeitig das Außen der Gemeinschaft definieren. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse der lexikometrischen Analyse kontextualisiert werden: Zum einen soll herausgearbeitet werden, was jeweils zur Dislokation des Diskurses geführt hat, zum anderem soll gezeigt werden, mit welchen Mythen eine erneute Stabilisierung erreicht wurde. Im Folgenden werden Forschungsdesign und Teilaspekte der ersten Ergebnisse vorgestellt. [52] 5.1 Ausgangspunkt: lexikometrische Untersuchungen Um die historische Dynamik des Frankophonie-Diskurses untersuchen zu können, wurden vier geschlossene, digitale Korpora erstellt, die jeweils von einer weitgehend homogenen Sprecherposition stammen und in hohem Maße einem homogenen Genre zuzurechnen sind: Die ersten beiden Korpora ermöglichen zu untersuchen, wie die Frankophonie von den internationalen Organisationen, die sich selbst als Vertreter der Frankophonie bezeichnen, konstituiert wurde und wird. Dafür wurde ein Korpus mit den Verhandlungen auf den Konferenzen der ersten internationalen Organisation der Frankophonie erstellt, der Agence de coopération culturelle et technique (ACCT) (1969-1996, 1995 umbenannt in Agence intergouvernementale de la Francophonie AIF), und ein Korpus mit den Eröffnungs- und Schlussreden der seit 1986 zweijährlich stattfindenden Gipfelkonferenzen der Staats- und Regierungschefs. Zwei weitere Korpora wurden zusammengestellt, um zu analysieren, wie im Interdiskurs in Politik und Medien in Frankreich die Frankophonie hergestellt wurde und wird: ein Korpus aus dem Bereich der Printmedien (Berichterstattung Le Monde 1986-2005) und ein Korpus mit den Reden der französischen Präsidenten (1973-2005)25). Die Analysen wurden mit der französischen Software Lexico3 durchgeführt.26) [53] Auf der Basis der ersten beiden Korpora wurde im ersten Schritt zunächst die Konstitution des "nous" (wir) im historischen Vergleich herausgearbeitet. Mittels einer Kookkurrenzanalyse lässt sich zeigen, dass in den Verhandlungen der drei ersten Konferenzen der ACCT in den 1970er Jahren in der Umgebung von "nous"27) zum Vergleich zu den gesamten Verhandlungen auf diesen drei Konferenzen "culture française" (französische Kultur) und "langue française" (französische Sprache) sowie "assimilé" (assimiliert) spezifisch sind. Anfang der 1990er Jahre (1991, 1993 und 1996) sind hingegen der Organisationsname "ACCT" sowie "francophonie" spezifisch für die Umgebung des "wir". Im zweiten Schritt wurde analysiert, welche Wörter (Grapheme) und Wortfolgen für den derzeitigen Diskurs der institutionalisierten Frankophonie charakteristisch sind. Dafür wurden die Schluss- und Eröffnungsreden der drei letzten Gipfelkonferenzen von 1999, 2002 und 2004 mit allen Gipfelkonferenzen seit 1986 verglichen (vgl. Abb.2).28) Es zeigt sich, dass "diversité culturelle" (kulturelle Vielfalt) "développement durable" (nachhaltige Entwicklung), "dialogue (des cultures)" (Dialog der Kulturen) und "mondialisation" (Globalisierung) die charakteristischen Wortfolgen für diese drei Konferenzen waren.
Tabelle 1: Analyse der charakteristischen Formen des Teilkorpus der Gipfelkonferenzen der Frankophonie 1999, 2002 und 2004 im Vergleich zum Gesamtkorpus der zehn Gipfelkonferenzen seit 1986 (dargestellt bis zu einer Spezifität von 10-16) [54] Untersucht man, welche Wörter in der Gründungsphase der ersten internationalen Frankophonie-Organisation im Vergleich zu den späteren Konferenzen überdurchschnittlich häufig auftauchen29), dann zeigt sich, dass neben Wörtern aus dem Bereich der Konferenzorganisation insbesondere die Wortfolge "langue française" für die Gründungsphase charakteristisch ist. Vergleicht man hingegen die drei ACCT/AIF-Konferenzen in den 1990er Jahren mit dem Gesamtzeitraum, so zeigt sich, dass die Wortfolgen "la francophonie" und "affaires étrangères" (auswärtige Angelegenheiten) für diese Phase charakteristisch sind. Im Vergleich zu den vorherigen Konferenzen lässt sich eine Verschiebung von "langue française" zu "francophonie" ausmachen sowie eine zunehmende Dominanz von Wörter und Wortfolgen, die semantisch dem Feld der (Geo-) Politik zugerechnet werden können.30) [55] Im Langzeitvergleich auf der Basis der beiden Konferenzkorpora wird deutlich, dass die relative Häufigkeit von "langue française" seit den 1970er Jahren tendenziell sinkt und die von "francophonie" seit Ende der 1980er Jahre stark ansteigt. Die Wortfolge "diversité culturelle" findet sich erst ab Ende der 1990er Jahre in steigender Frequenz (Abbildung 2).
Abbildung 2: Relative Häufigkeit von "langue française", "francophonie" und "diversité culturelle" in den Korpora der Frankophonie-Konferenzen [56] In einem dritten Schritt wurde schließlich untersucht, wie die Frankophonie außerhalb der Organisationen der Frankophonie im Interdiskurs in Politik und Medien in Frankreich konstituiert wird. Dafür wurden im Rahmen einer Kookkurrenzanalyse für 2003 alle Zeitungsartikel der Le Monde und alle öffentlichen Reden des Präsidenten, in denen jeweils die Wörter "Frankophonie" bzw. "frankophon" vorkommen, mit allen anderen Reden bzw. Zeitungsartikeln aus diesem Jahr verglichen. In den Präsidentenreden zeigte sich dabei die höchste Spezifität für die Eigennamen "Algérie", "Tunisie" und "Canada" gefolgt von "diversité culturelle" und "langue". In Le Monde kommen 2003 in den Artikeln, die die Formen "francophon/e/s/ie" enthalten, überzufällig häufig vor: "langue", "chaîne d' information" (Informationssender), "TV5" (internationaler, französischsprachiger Fernsehsender der Frankophonie), "UNESCO", Eigennamen aus dem Feld der literarischen Frankophonie31) sowie die Wortfolgen "diversité culturelle" und "pluralisme culturel" (kulturelle Vielfalt). [57] Es zeigt sich also, dass auf den Verhandlungen während der Gründungsphase der institutionalisierten Frankophonie spezifisch häufiger von der französischen Sprache geredet wurde als auf den späteren Konferenzen. Das "wir" wurde in dieser Epoche in hohem Maße mit "langue française" verknüpft und auf diese Weise mit Bedeutung geladen. Die relative Häufigkeit der Wortfolge "langue française" sinkt jedoch seit dieser Zeit. Gleichzeitig nimmt seit den 1980er Jahren die relative Häufigkeit des Begriffs "francophonie" deutlich zu. Das "wir" auf den Frankophonie-Konferenzen wird jetzt regelmäßig mit "Frankophonie" bzw. "Frankophone" verknüpft. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird im Interdiskurs in Politik und Medien "Frankophonie" in Frankreich regelmäßig nicht nur mit "Sprache", sondern auch mit "kultureller Vielfalt" verknüpft. Gleichzeitig hat seit Ende der 1990er Jahre in den Verhandlungen auf den Gipfelkonferenzen der Frankophonie die relative Häufigkeit der Wortfolge "diversité culturelle" deutlich zugenommen. [58] 5.2 Analyse narrativer Muster und Interpretation Für die Analyse narrativer Muster wurden die Korpora der lexikometrischen Analyse in ein Programm zur computergestützten qualitativen Inhaltsanalyse eingelesen.32) Darüber hinaus wurden einige weitere Texte integriert: So wurden die Einleitungen und Schlusskapitel von zwölf auflagenstarken Monographien zur Frankophonie gescannt und mittels einer Texterkennung digitalisiert. 1997 wurde der Posten eines Generalsekretärs der Frankophonie als Sprecher und "Gesicht" der Organisation geschaffen – die Reden der Generalsekretäre (1997-2005) wurden ebenfalls in die Analyse einbezogen. Darüber hinaus wurden einige Texte integriert, die von den heutigen Organisationen der Frankophonie als Gründungstexte präsentiert werden, wie beispielsweise Teile der Schriften des Kolonialgeographen Onésime RECLUS, der Ende des 19. Jh. den Neologismus "Frankophonie" in die Literatur eingeführt hat, sowie einige Schriften des ehemaligen senegalesischen Präsidenten L.S. SENGHOR, der in den letzten Jahren zunehmend als "Vater der Frankophonie" präsentiert wird (genauer dazu GLASZE 2007b). Um dem Risiko zu begegnen, ausschließlich den hegemonialen Diskurs der institutionalisierten Frankophonie ins Blickfeld zu nehmen, wurden darüber hinaus alle Presseartikel der Le Monde, in denen die Wörter "francophon/e/es/ie" vorkommen (1987-2004), sowie einige Publikationen zweier afrikanischer Schriftsteller und der französischen Nichtregierungsorganisation Survie France33), die sich alle dezidiert als Gegner der Frankophonie positionieren, in die Analyse mit einbezogen. [59] Die Analyse narrativer Muster muss sich aus arbeitsökonomischen Gründen auf bestimmte Textstellen fokussieren: Dargestellt wird im Folgenden, wie die Wörter und Wortfolgen, die sich in der lexikometrischen Analyse als charakteristisch für eine bestimmte Epoche bzw. als Kookkurrenzen erwiesen haben, in narrative Muster eingebunden werden, die spezifische Beziehungen und damit Bedeutungen herstellen. [60] So hat sich gezeigt, dass "langue française" in der Gründungsphase der ersten internationalen Frankophonie-Organisation häufiger verwendet wurde als später und zudem überwahrscheinlich häufig in der Umgebung des "wir" auftritt. In einer punktuellen Analyse wurde herausgearbeitet, dass "langue française" in dieser Phase mehrfach in narrative Muster eingebunden wird, welche die französische Sprache als die Grundlage und Ursache einer heterogenen Gemeinschaft beschreiben. So heißt es 1969 auf der Vorbereitungskonferenz zur Gründung der ersten internationalen Frankophonie-Organisation in der Rede des tunesischen Staatspräsidenten, dass die französische Sprache "Instrument der Kohäsion innerhalb einer Gruppe von unterschiedlichen Menschen, Rassen, Hautfarben und Lebensweisen ist".34) In der Rede seines nigerianischen Amtskollegen findet sich ein narratives Muster, das die französische Sprache als "Ursprung" der Gemeinschaft präsentiert. Und ein Jahr später auf der Gründungskonferenz 1970 bezeichnet er die französische Sprache explizit als den "Kitt", "der uns zusammenhält trotz unserer Vielfalt".35) "Langue française" wird also regelmäßig in narrative Muster eingebunden, welche die Wortfolge zu einem Bindeglied machen, das heterogene Elemente verbindet. [61] Es lässt sich zeigen, dass damit im Frankophonie-Diskurs der Gründungsphase zwei zunächst antagonistische, einander ausschließende Diskurse narrativ integriert werden: Insbesondere die intellektuellen Eliten der gerade unabhängig gewordenen ehemaligen Kolonien verknüpfen den antikolonialen Diskurs des "Andersseins" und der "Heterogenität" mit Elementen des überkommenen imperialen Diskurses der "Assimilation mit der überlegenen französischen Kultur und Sprache" (genauer dazu GLASZE 2007b). In der Perspektive der Diskurstheorie nach LACLAU und MOUFFE kann die Institutionalisierung einer Gemeinschaft, die durch das Band der französischen Sprache geschaffen wird, damit als ein Mythos interpretiert werden, der die Dislokation des Kolonialdiskurses im Rahmen der Entkolonialisierung überwindet. In paradoxer Weise entsteht die Frankophonie in Kontinuität und Abgrenzung zur Kolonialzeit.36) [62] Die lexikometrische Analyse hat allerdings gezeigt, dass die relative Häufigkeit (Frequenz) des Signifikanten "langue française" bereits in den 1970er Jahren sinkt. Die Ursache für diese Verschiebung kann in einer Dislokation des Frankophonie-Diskurses durch einen antagonistischen Diskurs verortet werden: So finden sich ab den 1980er Jahren narrative Muster, in denen "langue française" mit dem Begriff des Neokolonialismus verbunden wird.37) Die Verschiebung des Diskurses zum Signifikanten "francophonie" ab Ende der 1980er Jahre und insbesondere in den 1990er Jahren kann als ein Versuch gewertet werden, die Dislokation durch den Neokolonialismus-Diskurs zu überwinden. Im Gegensatz zu "langue française" wird "francophonie" nicht genutzt, um die nationale Qualität Frankreichs auszudrücken, wird deshalb nicht von vornherein privilegiert mit Frankreich verbunden und ist eher in der Lage, als flottierender und tendenziell leerer Signifikant eine Äquivalenzbeziehung zwischen den Mitgliedern sicherzustellen.38) Wie bereits die lexikometrische Analyse gezeigt hat, geht mit dieser Verschiebung zu "francophonie" eine dezidierte "Politisierung" des Diskurses einher. So finden sich ab 1986 und insbesondere zu Beginn der 1990er Jahre mehrfach narrative Muster, in denen von einem "frankophonen Raum" und einer "frankophonen Gemeinschaft" die Rede ist, die konsolidiert und ausgebaut werden müssten. Inwiefern sich Zusammenhänge zwischen der Häufung der Wortfolgen "espace francophone" (frankophoner Raum) und "communauté francophone" (frankophone Gemeinschaft) Ende der 1980er sowie zu Beginn der 1990er Jahre und einer veränderten Beschreibung weltpolitischer Zusammenhänge, dem Ende der bipolaren Welt, identifizieren lassen, soll im weiteren Verlauf des Projekts geklärt werden. [63] Ab Mitte der 1990er Jahre, insbesondere nach dem Bürgerkrieg in Ruanda, wird aber gerade diese Vorstellung eines "frankophonen Raumes" in Verbindung mit dem Neokolonialismus gebracht. So fragt beispielsweise Le Monde im Juni 1994, ob das Militärengagement Frankreichs im Bürgerkrieg in Ruanda nicht "von der Obsession bestimmt ist", einen "frankophonen Raum" vor einem "anglophonen Expansionismus" zu schützen.39) Bereits die lexikometrischen Analysen ergaben Hinweise, dass diese Kritik eine erneute Dislokation des Frankophonie-Diskurses ausgelöst hat: Die Frankophonie wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend häufig mit "diversité culturelle" verknüpft. Untersucht man nun, in welche narrativen Muster "diversité culturelle" eingebunden wird, dann zeigt sich beispielsweise, dass viele der neuen Mitglieder, die auf den Konferenzen 2002 und 2004 der Organisation International de la Francophonie beigetreten sind, ihren Beitritt rechtfertigen, indem sie eine Narration entwerfen, welche kulturelle Vielfalt als Eigenschaft ihres Landes präsentiert (Abb. 3): So stellt der mazedonische Vertreter in seiner Beitrittsrede fest, "dass Mazedonien in seiner gesamten Geschichte sich stark für die Förderung der kulturelle |